Literaturgefluester

2011-03-27

Statusmeldung

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:32

„Statusmeldung“, das Romandebut des 1982 geborenen Autors, Journalisten und Filmemacher Fabian Burstein, findet man als den ersten facebook Roman beschrieben.
„Julian Kippendorf existiert eigentlich nur als digitales Pseudonym in Social Networks…Doch dann trifft er eine folgenschwere Entscheidung: Er offenbart seine wahre Identität. Mit einem Schlag wird alles nachvollziehbar“, steht auf der Buchrückseite.
Oder auch „Ort der Handlung ist die Internet Plattform. Sein Held sucht im Web Trost und Rat.“ (Wiener-online.at)
Beim Lesen tat ich mir da schon etwas schwerer, bis ich irgendwann kapierte, das eigentlich alles trotz des coolen Tonfalls und der neu deutsch/englischen Sprache, sehr einfach ist und dann hat es wieder einen Sog, daß man es fast mit Goethes „Werther“ vergleichen könnte, ein Roman der Jugendkultur, wir schreiben ja 2011, und der interaktive Web-Roman spielt 2009 und findet, das ist die Novität, nur in den neuen Medien statt oder doch nicht so ganz.
Ein facebook Roman ist es, glaube ich nicht, obwohl das Medium vorkommt, einen großen Teil würde ich, als Blog verstehen, er spielt also im Social Net und beginnt, das ist nicht so neu, mit einer Publikumsbeschimpfung.
„Wissen Sie was Sie meinen Augen sind? Verdammte Vojeure. Internet-Freaks. Schicksaljunkies. Hinterfotzige Online Spanner…“
Dann folgt ein eher trivialer Schlagertext und irgendwann kommt
Julian Kippendorfs Profil:
Geschlecht:männlich
Geburtstag 15. 7. 1975
Heimatstadt:Wien
Beziehungsstatus:Single
Bei Lieblingsbücher gibt es keine Angaben. „Denn Bücher sind zu Statussymbolen degeneriert. Kein Mensch sagt, was er wirklich liest. Stattdessen werfen die vermeintlichen Conaisseure Lektüren in den Raum von denen man gemeinhin glaubt, sie mache einen geheimnisvoller, schöngeistiger, interessanter…“
Dieser Julian schickt also poetische Essays durchs Netz, die Titel haben, wie „Das ist ein Überfall“ oder „Sinne“ kommuniziert mit seiner Community darüber, wird beschimpft etc und irgendwann kapiert man, er ist aus Liebeskummer, seine Freundin Leila hat ihn verlassen, aus der Welt verschwunden, keine Telefonnummer, keine Adresse, niemand weiß wo er ist, er schickt aber seine Befindlichkeit durch das Netz, kommuniziert auf diese Art und Weise mit Leila, die inzwischen von seinem Bruder Fritz schwanger ist, seine Mutter macht sich Sorgen und beginnt sich seinetwegen mit den neuen Medien zu befassen, es gibt aber Telefonanrufe, Chats und Facebook Auftritte.
„Julian Kippendorf hat wieder mal seine, scheinbar nicht vorhandenen Grenzen ausgelotet.
Helmut Bernstein und 3 anderen gefällt das“.
Lernt Jo Hanna kennen, gibt zwischendurch seine Drogenexzesse bekannt, worauf sich seine Freunde ärgern und seine Mutter entlassen wird, ändert sein Profil auf
„Beziehungsstatus: undefinierbar“,
um, es, nach wahrscheinlich Daniel Glattauers Vorbild, ganz zu löschen, nachdem er mit seiner Johanna zusammengekommen ist, die das dann gleichfalls tut.
Eigentlich eine ganz einfache Geschichte, um Liebe, Tot und Einsamkeit, die aber in einer sehr coolen Sprache, ein besserer Ausdruck fällt mir dazu nicht ein, das Lebensgefühl der Generation Social Network wiedergibt.
Es gibt auch einige sehr spannende Beschreibungen von Einkaufszentren, wo es dem Helden vor dem Geruch der Kebab Buden und der Massentierhaltung ekelt, er resumiert über die wohlstandsverwahrloste Jugend, scheint sich in den verschieden Drogenzuständen gut auszukennen und holt, weil er sozial empfindlich ist, für verschiedene Junkies die Rettung, beziehungsweise hindert er sie, über die Straße zu kriechen, bevor die kommt und beschreibt, daß ein Hund zwei Monate einen Dachboden meidet, weil er den Angstschweiß des Erhängten riecht. Dazu passt der Vergleich zu dem 1979 geschriebenen „Fünf Fingern in Wind“, wo es noch kein Facebook und kein Internet gab, die verschiedenen Rausch- und Liebeszustände, der um die Zwanzigjährigen, werden trotzdem beschrieben.
Im Literaturcafe. de habe ich vor kurzem ein Interview mit Thomas Glavinic gehört, wo Wolfgang Tischer, den Autor lobte, weil er, im Gegenseatz zu den meisten, die neuen Medien verwendet, da habe ich mich sehr gewundert, kenne ich doch einige Internet, Twitter, Facebook Romane, etc und arbeite, obwohl ich eigentlich eine eher altmodische Autorin bin, ebenfalls damit.
Das Buch hat auch im Internet seinen Auftritt, so gibt eine Facebookseite Julian Kippendorfs und man kann bei www.statusmeldung.at einige Webauftritte finden.
Alfred ist auf das Buch über einen Falterartikel im Jänner gestoßen, es war dann auch im Leporello darüber zu hören.
Es war, wie schon erwähnt, ein bißchen mühsam zu lesen, kenne ich mich mit den neuen Medien, obwohl ich sie zumindestens teilweise verwende, doch nicht wirklich aus. Interessant vor allem darüber zu philosophieren, was darf und soll man im Internet preisgeben, was ist privat, was öffentlich, was ehrlich, was nicht?
Fragen, die mich und das Literaturgeflüster, das ja ziemlich authent ist, ebenfalls betreffen.
Julian Kippendorf verwendet sehr oft den Ausdruck „Mach kaputt, was dich kaput macht“ und spricht von der „ziemlich deprimierenden Gleichung, daß für ihn nur 95 % stimmen müssen. Die fehlenden fünf Prozent sind absolut okay.“
Dann ist es trotz der starken Sprache wieder ganz einfach, geht es ja, wie schon Marcel Reich-Ranicky sagt, immer nur um die Liebe, im Werther, in den „Fünf Fingern im Wind, in „Statusmeldung“ und in den Millionen anderen Romanen der Weltliteratur, egal ob sie jetzt traditionell oder in den neuen sozialen Formen geschrieben wurden.

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