Literaturgefluester

2011-03-28

Du blutest, du blutest

Filed under: Uncategorized — jancak @ 12:46

„Du blutest, du blutest“, der neue Roman von Michaela Falkner ist ein Buch über Gewalt und und Krieg, aber auch ein Versuch in poetisch schönen Worten die grausamsten Dingen des Lebens zu erzählen und sich mit einer Wirklichkeit auseinanderzusetzen, die so unwirklich und unbeschreibbar ist, daß man sich ihr nur mit sehr viel Distanz, Dissoziation, Listen, Regeln, aber auch mit schönen Sätzen, Bildern und Beschreibungen entziehen kann und man kann es sich wahrscheinlich auf mehr als eine Art und Weise deuten und so habe ich das Buch, daß ich einem Zug gelesen haben, schließlich ganz anders verstanden, als ich bei der Lesung dachte.
Es geht um einen kleinen Jungen, in einer namenlosn Stadt, in welchen Land das spielt, wird nirgends ausgeschrieben, nur die Jahreszahl 2010, glaube ich. Trotzdem dachte ich, an Ex-Jugoslawien, vielleicht weil der Junge, in dessen Land und Heimatort der Krieg ausgebrochen ist, Ivan heißt, aber, daß die Namen neu erfunden werden und sie die Kinder, um sie sich zu merken, hundertmal an die Wände schreiben, steht auch in dem Buch geschrieben.
Da ist also der kleine Junge, „der an einem schönen Tag im Sommer, mit dem Linienbus in die nächste Stadt fahren soll. „Morgen werde ich zwölf“
Dann scheinen die Soldaten in das Dorf zu kommen, die Leute zu töten und der Junge gerät in die Gewalt der Soldaten, Terroristen, etc. auch das erfährt man nicht genau, nur, daß er irgendwo gefangengehalten wird, vielleicht seinen Vater tötet, seine Mutter vergewaltigt und, das auch an den anderen Kinder so sieht.
Das alles in wunderschönen poetischen Worten und Sätzen und geheimnisvollen Bildern. Er geht dann in das Haus der Eltern, die Mutter und der Vater haben viel gearbeitet, es gibt eine Schwester zu der er eine gute Beziehung hatte und die ihn mit ihren starken Händen, da zwei Jahre älter, irgendwohin getragen hat. Die ist vielleicht auch ermordet, vergewaltigt, vergraben worden.
Zwischendurch wird noch von Ausgangssperren berichtet, von Flüchtlingen, die das Land gerade noch verlassen können, von Notarztwagen und von Dolmetschern.
Der Junge gerät dann in einen Wald, wo die Mienen liegen und die Leichenteile herumliegen, die er sich zusammenbastelt, um aus ihnen einen neuen Menschen, einen Spielgefährten etc zu basteln. Er kommt wieder in das elterliche Haus, „wo mittlerweile das Wasser abgedreht ist, die Fensterrahmen im obersten Stockwerk herausgerissen, das Balkongeländer abmontiert sind. Und im Garten hinten die Wiese mit Chemikalien besprüht, die Zusammengepferchten langsam und qualvoll verreckten“
Dort findet er dann viele Kinder, die Übergebliebenen namens Maximilian, Georg, Emad, Omar, Alexander, Zinedine, uswusf. und das deja vue, das flash back beginnt wahrscheinlich.
Gründen sie doch „eine Gang, um nachts zu kommen, zu plündern und zu entführen.“
„Wir werden Krieg gegen die Erwachsenen führen, Dinge tun, zu denen sie selbst nicht fähig wäre, die sie nicht wagen würden.“
Die Kinder verlieren dann auch ihre Namen, werden zu Nummern und wieder werden nur die stärksten Überleben und am Schluß ist „Ivan dann nach Hause gelaufen, hat sie das Leben genommen, weil er es nicht mehr ausgehalten, das war im Herbst“
Das steht auf Seite 115 kurz vor Schluß, der letzte Satz auf Seite 118 lautet dann noch „Kinder hängen am Baum.“
Dazwischen hat man einen Schnellkurs in Traumataverarbeitung bekommen, beschreibt Michaela Falkner das alles ja in schönen kurzen Sätzen, führt dissoziativ-distanziert ein in das Elend, das in Afghanistan, Irak, Kosovo oder wo auch immer Tag für Tag passiert und wir inzwischen auch hautnahm in unseren Fernsehern miterleben können. Während das Buch erschienen ist, hat es in den arabischen Ländern neue Unruhen und Tote gegeben und in Japan den Tsunami mit dem Reaktorunfall, dessen Auswirkungen wir noch erleben werden.
Man bleibt sprachlos zurück, denkt, ich will nicht so viel Gewalt, überlegt, ob es Michaela Falkner mit diesem Buch gelungen ist, das Kunststück zu schaffen, die grauslichsten Inhalte in schönen Worten hinüberbringen, fragt sich, ob man das lesen muß und will und ob man das Buch jetzt richtig verstanden hat und denkt, daß die, die das überlebt haben, auch die sind, die in den Lastwägen mit den doppelten Böden über die Grenzen kommen. Linda Stift hat das bei einem Bachmannpreislesen so beschrieben und Ludwig Laher vor kurzem in seinem Buch „Verfahren“ in etwas weniger poetischen Worten , wo ich bei einer Bloggerin las, daß sie das Lesen abgebrochen hat, weil es ihr zu wenig erzählend und zu dokumentierend gewesen ist.
„Kunst ist ein Manifest“, steht sicher irgendwo oder denke ich mir jetzt und das Leben ist ein einziger Gewaltakt und ich habe das Glück in einer Zeit und an einem Ort zu leben, wo mir das nicht selbst passiert, aber wissen, daß das gar nicht so weit weg geschieht, ist auch nicht gerade lustig und Michaela Falkner sicher eine interessante junge Frau und militante Romantikerin, wie der Deutschlandfunk über sie meint.

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