Literaturgefluester

2011-03-29

Zum Untergang des Abendlands

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:36

Grundbücher nach 1945, so heißt die Reihe in der Alten Schmiede, die gemeinsam mit dem Adalbert Stifter Institut in Linz durchgeführt wird, bei der ich, obwohl am Montag das 37. Buch oder so vorgestellt wurde, noch nicht so oft war, gerade einmal bei Fred Wanders „Siebenten Brunnen“, glaube ich mich zu erinnern.
Diesmal wurde Friedrich Torbergs „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes“, vorgestellt, eine wahrhaft bekannte Anekdotensammlung „Gott soll mich vor allem hüten, was noch ein Glück ist“ bzw. „Alles was ein Mann schöner ist, als ein Aff ist ein Luxus“, das ich nicht gelesen habe, mag ich ja keine Witze. Jetzt habe ich es aber im Bücherschrank gefunden. Vielleicht ändert sich meine Meinung und ich revidiere meine Vorurteile, habe ich gedacht und dem Mann so erzählt, neben dem ich Platz genommen habe. Der hatte, die von David Axmann geschriebene Torberg-Biografie zur Unterschrift mitgebracht, denn David Axmann, der Torbergkenner, Herausgeber und Nachlaßverwalter hielt ein Referat über das “ Vorleben der Tante Jolesch“ und der 1966 in Leningrad geborene Vladimir Vertlib eine kommentierte Lesung. Das heißt er las aus dem Kapitel „Kaffeehaus ist überall“, in dem es um das Cafe Herrenhof ging, in dem Torberg Stammgast war und das zwei Zimmer hatte, ein hinteres und ein vorderes, in dem man entweder am Nachmittag oder am Abend seinen Stammplatz hatte, in dem es eine Literatenrunde gab und das noch bis 1960 existierte, dann hatte es nur mehr zwei Gäste, Leo Perutz und einen anderen Dichter, die sich nicht leiden konnten, so daß sie nicht miteinander sprachen und dann einen eigenen Text mit dem Titel „Die Wiederauferstehung des Abendlandes“, in dem er erklärte, daß er mit zweiundzwanzig das erste Mal in einem Kaffeehaus war, weil man um das Geld für einen kleinen Brauen zu Hause ja zehn Kaffees bekommt und seine Freunde kann man dort auch treffen, wer das so sieht, hat von der Wiener Kaffeehauskultur keine Ahnung, so nahm Vladimir Vertlib „Die Tante Jolesch“ ins Cafe Eiles mit, seither ist er auch ein Österreicher. Dann folgte David Axmann und war konsterniert, daß er sich zwar Vladimir Vertilbs Text schicken ließ, aber nicht fragte, weilche Stellen er lesen würde, es waren genau die, die auch der Biograf ausgewählt hatte, so erzählte er ein bißchen, wie es zu dem Buch gekommen ist, das 1975 erschienen ist.
Torberg war da mit seinem Lebenswerk „Süsskind von Trimmberg“ gerade fertig, der Verlag wollte etwas Lustiges und Wienerisches, denn das kommt in Deutschland immer gut an und bewarb es als Satirensammlung, was Torberg sehr erbitterte.
Friedrich Torberg hatte aber viele Anekdoten auf Lager, so daß er von seinen Freunden und Feinden als „Anekoteles“ bezeichnet wurde, was ihn ebenfalls erzürnte und die Geschichte von dem untergegangenen Wien, das es 1975 nicht mehr gab, weil zwölf Millionen Juden verschwunden sind und im Cafe Herrenhof nur noch zwei saßen, haben die Wiener verstanden und, wie Vladimir Vertlib meinte, auch die Antisemiten unterhalten. Ich denke, daß ich, wenn ich das Buch 1975 gelesen hätte, wahrscheinlich nicht sehr viel davon mitbekommen hätte, weil ich von der Geschichte damals nicht viel wußte habe, bin aber durch die Lesung und Diskussion neugierig geworden, so daß ich es bereits auf meiner Leseliste habe, für 2011 wird es sich zwar vielleicht nicht mehr ausgehen, aber dann nehme ich es mir vor, denn man erfährt, wie Klaus Kastberger, der die anschließende Diskussion leitete, darin nicht nur über das Wiener Kaffeehaus, sondern auch über das Prager Abendblatt und so weiter und so fort und ich denke, daß ich mit dem Literaturgeflüster eigentlich auch so etwas will. Anekdoten über meine literarische Begegnungen sammlen und aufschreiben, was Erika Mitterer, Andreas Okupenko usw. zu mir sagten, als ich sie das letzte Mal gesehen habe.
Viele Anekdoten sind inzwischen vergessen, weil wir das Wissen darüber nicht mehr haben, wurde in der Diskussion erörtert und David Axmann meinte auf Kurt Neumanns Frage, daß es nicht das beste Buch von Friedrich Torberg wäre. Torberg selbst hielt den „Süsskind“ für sein bestes, seine Theaterkritiken und Essays wären besser, als die Anekdoten, aber lange nicht so bekannt und das Buch ist sehr erfolgreich geworden und hat sehr viele Auflagen erlebt. Es war auch sehr voll in der Alten Schmiede, viele sind gekommen, die etwas über die Entstehung und die Geschichte der „Tante Jolesch“ hören wollten. So ist hinter mir Norbert Leser gesessen und mit Margit Heumann, die mir heute einen Kommentar geschrieben hat, habe ich auch gesprochen.
Klaus Kastberger beendete mit den Worten, daß wir jetzt nach Hause gehen sollten, um das Buch zu lesen, aber ich hatte von Christiane Zintzens In/ad/ae/qu/at erfahren, daß es in der Galerie Splitter eine Ausstellung zum zweiten Todestag von Elfried Gerstl gibt, Graphiken nach ihren grit-texturen und Renald Deppe hat einen Text von ihr gespielt. Das war, als ich gekommen bin aber schon vorbei, so habe ich mich nur kurz mit einer ehemaligen Lehrerin Annas unterhalten und zu dem 1908 geborenen Friedrich Torberg, der 1930 mit seinem „Schüler Gerber“ berühmt wurde und der in den Siebzigerjahren sehr das Kulturlebens Wien prägte, kann ich ich aus meiner Anekdoten-bzw. Literaturgeflüstersammlung auf die Ausstellung zum hundertsten Geburtstag verweisen.

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