Literaturgefluester

2011-03-31

Offener Bücherschrank und rosa Winkel

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:39

Seit heute gibts einen neuen offenen Bücherschrank, den dritten neben dem in der Zieglergasse und dem am Brunnenmarkt, im neunten Bezirk, in dem offenbar erst seit kurzem so benannten Heinz Heger Park. Unter dem Namen Heinz Heger erschien 1972 das Buch „Die Männer mit dem rosa Winkel“ ein Bericht eines Homosexuellen über seine KZ-Haftzeit.
Deshalb gibt es täglich dieses Buch zur freien Entnahme, der Nationalfond hat den Ankauf gefördert und der Kasten, das ist wieder ein Novum besteht aus drei schalen hohen Kasteln, einer ist mit rosa Winkeln geschmückt, da gibt es dann ein kleines Fach mit dem Buch, das täglich von einem Arzt, der am Zimmermannplatz eine Gemeinschaftspraxis hat, hineingestellt wird. Es gibt auch eine Tafel, die auf die Geschichte des Buches hinweist und eine, wo man lesen kann, daß Frank Gassner und noch einige andere Engagierten dieses Projekt angeregt, finanziert und initieert haben und dann einen kleineren und einen größeren Kasten mit den Büchern.
Im Februar 2010 wurde in der Zieglergasse/Westbahnstraße der erste Kasten eröffnet, seither bin ich ich eine sehr regelmäßige Benützerin, habe schon viele Bücher dort gefunden, gelesen und besprochen, ein paar auch selber hingebracht und vor allem in zwei meiner Bücher, in der „Mimi“ und in der „Absturzgefahr“ darüber geschrieben und berichte auch im Literaturgeflüster gern darüber.
Man könnte soziologische Studien betreiben, was sich alles da finden läßt. Die Büchergilde Gutenberg Bücher der Fünfzigerjahre, das, was ich von meinem Vater erbte, die Vicki Baum, die Pearls S. Buck ctc, sind, glaube ich, schon verschwunden, bzw, die Leute, die sie besessen haben gestorben und ihre Bibliotheken aufgelöst.
Jetzt geht es eher um die Siebzigerjahre, um das, was gerade in war, als ich studiert habe. Karin Struck und Gabriele Wohmann wird entsorgt oder auch das, was die Leute so lesen und nachher nicht mehr brauchen. Da gab es ja ein Interview mit einer Germanistin, die sagte, sie trägt ihre Krimis hin, weil sie die nur einmal liest.
Ich habe auch einmal ein Paar mehrere Schachtel mit englischen Krimis einräumen sehen.
Die eigentliche Idee des sehr engagierten Betreibers, der für seine Projekte sehr kämpft und wenn man seine facebook Seite liest, auch genügend Niederlagen erlebt, ist ja das Kunstprojekt. Fank Gassner ist ein bildender Künstler, dem geht es mehr, um die Schränke, weniger um die Bücher.
Die sind pro Standort jeweils extra geplant, sehen ganz anders aus und auch entsprechend teuer, dann begannen die Schwierigkeiten mit den Finanzierungen, den Bewilligungen, etc.
Es geht auch, wie bei der Sendung Diogonal deutlich wurde, um den öffentlichen Raum und gar nicht um das Lesen, das sagte Frank Gassner, daß er das nicht fördern will und das finde ich, die ich von der anderen Seite komme, sehr interessant. Denn es ist spannend zu beobachten, wie aufwendig es ist, einen Kasten irgendwohin zu stellen, in dem Leute ihre alten Bücher räumen und sich welche nehmen können. Ich merke aber auch, daß es manchmal schwierig ist, ein Buch zu tauschen. Damit kann man bei Autoren gehörig ins Fettnäpfchen treten. Im Kapitalismus muß man eben alles verkaufen und so landen auch alte Bücher am Flohmarkt und mit dem Büchercrossing tue ich mir schwer, das ist mir zu kompliziert und zu bürokratisch, so finde ich diese Idee sehr gut.
Und es funktioniert ja auch. Der Schrank ist immer voll und ich denke, daß das sowohl das Geben und das Nehmen klappt, die einen leeren ihre Bücherschränke, die anderen lesen gratis und schreiben darüber, so wie ich und das ist wahrscheinlich die Funktion des öffentliches Raumes, schade nur, daß man dafür offenbar viel Geld und viel bürokratischen Aufwand braucht.
Daß sich das Produkt Buch gerade jetzt sehr verändert, bekommt man mit, wenn man auf Buchmessen geht oder die Seite des Literaturcafe. de liest. Da ist ja jetzt das E-Buch stark im Kommen und ich denke inzwischen auch, daß man durch E- Bücher viel Papier erspart, aber daran müßen wir uns erst gewöhnen, derzeit hört man immer noch, es geht nicht ohne das gute alte Buch, weil der Leser den Roman sehen, riechen und begreifen will, daß sich das vielleicht in zwanzig dreißig Jahren ändert und man dann ganz anders liest, läßt sich schon vorstellen. Die Leute lesen auch immer weniger und die Pisa Studie zeigt, daß man da viel fördern muß und da kommt ein bildender Künster von einer ganz anderen Seite, stellt Kunstwerke in den öffentlichen Raum und löst damit sehr viel aus. Die Grünen lese ich auf Frank Gassners Facebook Seite stellten sich auch quer, so daß das jetzt der letzte Kasten ist, den Frank Gassner schon wieder aus seiner eigenen Tasche finanziert, weil in Zeiten, wie diesen kein Geld dafür da ist und der in der Otto Bauergasse scheint doch nicht zu kommen, obwohl es schon einen Entwurf dazu gibt.
Heute gab es also die feierliche Eröffnung. Ich verfolge ja Frank Gassners facebook Seite und bekomme von ihm auch die Einladungen zu den Besprechungen, so weiß ich, daß die drei schmalen Kästen schon vor ein paar Tagen aufgebaut und verhüllt wurde. Um 13 Uhr war die Bezirksvorsteherin, die glaube ich, gar nicht viel finanziert hat, da und hielt eine schöne Rede, in dem sie beteuerte, wie sehr sie das Projekt ideell unterstützt und Frank Gassner und seinen Eltern dankte, daß sie sich so dafür einsetzen.
Es waren eine Menge, vor allem junge Leute da. Es gab Mineralwasser und was zum Knabbern und nachdem die Kästen enthüllt waren, wurde eifrig fotografiert. Inzwischen räumten einige junge Mädchen ganze Säcke mitgebrachter Bücher ein. Eine Frau stürzte sich auf das rosa Winkel Buch, das nahmen dann auch die Politiker in die Hand und posierten damit vor den Fotografen. Radio Arbabella und Radio Wien machte Interviews, die Frau Bezirksvorsteher betonte, wie sehr sie sich freue, daß ihr Bezirk den letzten Schrank bekommen hat, denn in Zeiten der Pisa Studie ist die Förderung des Lesens doch sehr wichtig und von einigen jungen Leute hörte ich ebenfalls, wie sehr sie sich freuen, daß sie dort, wo sie wohnen, einen Gehsteigbücherkasten bekommen haben.
Ich wundere mich noch immer, wie kompliziert das Einfache ist. Denn eigentlich könnte man ja in jedem Amtshaus und in jener Volkshochschule eine Schachtel aufstellen und man legt hinein oder nimmt, das ginge dann mit viel weniger Aufwand und Frustration. Aber ich weiß schon, es geht um das Kunstprojekt und um den öffentlichen Raum und ich habe auch nichts dagegen.
Für mich ist der offene Bücherschrank auf jeden Fall sehr wichtig und die Zahl meiner gelesenen Bücher hat sich, seit ich ihn frequentiere, auch verdoppelt. Wenn der offene Raum dadurch belebt wird und die Leute zusammenkommen, ist das sicher auch sehr schön.
Bei meinem jetztigen Work on progress, geht es zwar nicht um die Bücherschränke aber über Leselisten und das was dort draufsteht, stammt zum Teil aus dem Schrank und ich komme mit dem Korrigieren auch recht gut voran. Letzte Woche habe ich es im Computer einmal durchkorrigiert und es auf fünfundneuzig Seiten reduziert. Danach das ganze händisch durchgesehen, um das was noch verändert werden soll, anzustreichen. Hauptsächlich ist es die Sprache an der ich arbeite, da habe ich durch die Rückmeldungen meiner Leser viel gelernt. Zu kürzen und zu verbessern ist sicher auch noch viel und ich denke ich werde noch viele Durchgänge brauche, bis es stimmt. Aber auch das erlaube ich mir jetzt viel leichter, früher war ich eher verzweifelt, daß es noch immer nicht fertig ist, jetzt denke ich, es braucht halt seine Zeit, bis es stimmt. Beim Mittelteil, dem „Friedhof der ungelesenen Bücher“, habe ich sogar gedacht, das wäre vielleicht etwas für den Bachmannpreis. Ich reiche da zwar nicht mehr ein und hätte auch keine Verlagsempfehlung, es wäre wahrscheinlich auch zu lang und da ich im Literaturgeflüster ausführlich darüber geschrieben habe, würde es vielleicht auch nicht als unveröffentlicht gelten und sprachlich wirds den Oberprofis wahrscheinlich auch zu einfach und zu unoriginell sein, aber ich dachte, das würde ich nehmen, wenn mich jemand dazu einlädt und das ist ja auch schon ein Erfolg, daß es mir gefällt.

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