Literaturgefluester

2011-04-03

Lyrik von E.A.Richter und Hans Lebert

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:43

Wieder eine Lyrik-Session in der Badewanne, meinem bevorzugten Leseort und ein Schmökern in den Gedichtbänden „Das leere Kuvert“ von E.A.Richter und dem 50. Podium Portrait mit siebendunddreißig Gedichten von Hans Lebert. Der Tag der Lyrik bzw der Monat März sind schon vorbei, auf meiner Leseliste findet sich aber beides und ich habe ja vor meine Lyrikbände zu lesen, obwohl ich eine Romanleserin und Schreiberin bin.
„Das leere Kuvert“ ist ein Fund aus einem der Büchertürme, als es die Literatur im März noch gab. Der Name E.A.Richter ist mir bekannt, weil er der Schwiegersohn meiner lieben Psychologenkollegin Ilse Pollack war, das Residenzbuch „Die Berliner Entscheidung“ habe ich in den Achtzigerjahren gelesen und längst vergessen, im November meldete sich E.A.Richter bei mir und lud mich zu der Präsentationes seines Korrespondenzen-Buches „Fliege“ ein, ich habe ihn auf der Buch-Wien getroffen und im Jänner im zufällig im Literaturhaus, seither sind wir in Kontakt, er hat mir auch seine Homepageadresse geschickt, auf die er täglich Gedichte stellt. Grund genug mich an „Das leere Kuvert“ zu erinnern, daß ja schon seit einigen Jahren in meinen Regalen steht. Es sind sechsundsechzig Gedichte in fünf Teilen.
Wendelin Schmidt-Dengler hat das Nachwort geschrieben. Seine Eindrücke decken sich mit meinen, obwohl ich es nicht so literaturwissenschaftlich ausdrücken kann.
Der Band schließt mit dem Gedicht „Verdünnung“, dessen letzte zwei Zeilen „Lösch dich nicht aus, lös dich ab, sei ganz dünn im Raum“ lauten, Wendelin Schmidt-Dengler beginnt seine Erklärungen damit und geht zur Struktur über, die jeder Gedichtband haben muß und damit an den Anfang zu Teil I. Da gibt es ein paar erstaulich aktuelle erscheinende Schlafgedichte und dann auf Seite 26, Schmidt-Dengler zitiert es auch, das Gedicht „In jenen Tagen“, wo der Autor von seinem Hund erzählt, der ihn dreizehn Jahre seines Lebens begleitete und man sieht die kindliche Idylle und das Aufwachsen am Land, meint Schmidt Dengler. Ich habe den eingesperrten Kettenhund vor mir gesehen, den die Hühner und die Katzen nicht ernst nahmen und auch den Autor, der selbst das Grab für den Hund aushob und dann den Hund in seinen Träumen bellen hörte
„Er starb völlig unspektakulär – unter einem der Hollerbüsche/am Zaun zu den dicken Nachbarn./Ich fand ihn flach unter dem räudigen Fell,/weißbestäubt, schon starr“
Der zweite Teil führt nach Paris und der „Pariser Morgen“ in ein Spital, wo „Häkelpölsterchen, Harnflaschen,Briefe, Familienfotos, Prospekte und unverbrauchte Medikamente“ herumliegen.
Dann geht es in den „Jardin de Plantes“, wo ja Rilkes berühmter Panther spielt
„Kein einziger Panther im Tanz/von Kraft, mit großen Willen/Nur schläfrig blinselnd ein Löwe,/ wie alle anderen Tiere in einem/baufälligen Käfig.
In Teil III gibt es ein „Therapie“ genanntes Gedicht und die Therapeutin sitzt „äußerst befremdet von solchen Reden,/mit gekreuzten Beinen, und sie mit ihrem Block/auf den sie mehr schrieb als sonst“. Wendelin Dengler spricht hier von philosophischen Fragen.
Im viertel Teil gibt es dann das titelgebende Gedicht „Das leere Kuvert“, das Schmidt-Dengler, als die Chance des Lesers sieht, da er es mit Inhalt auffüllen kann. E.A. Richter hat das aber ohnehin schon getan und so ziehen diese sechsundsechzig Gedichte einen weiten Bogen von der Kindheit, über Paris, bis zu den letzten Fragen und der Verdünnung auf der letzten Seite, sehr klar, erstaunlich modern und dicht und dann wieder in die Geschichte und in die Vergangenheit hinabgleitend, wie passen diese Gedichte des 1941 geborenen E.A. Richter zu dem 1919 geborenen Hans Lebert, der durch den Roman „Die Wolfshaut“ bekannt wurde, dessen erster Gedichtband vor kurzem als Podium Portrait erschienen ist, in dem siebenunddreißig in Zeitschriften und Anthologien meist in den Fünfzigerjahren erstveröffentlichte Gedichte wieder aufgelegt wurden, die sich zum größten Teil reimen?
Auf den ersten Blick überhaupt nicht und es ist ein Zufall, das beide auf meiner Leseliste standen und ich eine Schnellleserin bin, die sich beides geben wollte, auf den zweiten Blick besteht die Verbindung darin, daß E.A. Richter zum siebzigsten Geburtstag eines der nächsten Portrait-Bändchen bekommen wird und als ich in der Alten Schmide bei der Präsentation des Portrait 50 war, haben mich die Gedichte so beeindruckt, daß ich mir den Band besorgt habe. Jürgen Egyptien hat ihn herausgegeben und eingeleitet. Seinem Vorwort ist zu entnehmen, daß es einige Gedichtsammlungen geben hätte sollen, die alle aus irgendeinem Grund verhindert wurden. Wo und wann die Gedichte erschienen sind, ist jeweils nach dem Gedicht abgedruckt. Meistens sind es die „Neuen Wegen“, aber auch die Lyrik Anthologien von Rudolf Felmayer werden genannt.
Die Gedichte sind wie erwähnt bis auf einige Ausnahmen gereimt, in Jürgen Egyptiens Vorwort wird die Bildhaftigkeit der Sprache beschrieben und erklärt, daß es sich dabei um Landschafts- und Naturgedichte handelt. Die Gedichte sind sehr beeindruckend und mitreißend in eben dieser Bildhaftigkeit und manchmal sehr verblüffend in ihrem Inhalt und nicht so konventionell, wie es auf den ersten Blick scheint.
Ein paar Beispiele:
„Hafenserenade“
„Wo wir geliebt und geschlafen,
sind wir nun Fremde im Haus.
Wir gehen hinunter zum Hafen
und schauen nach Schiffen aus.“
Aus „Neue Wege 9 (Nov 1953)
sehr beeindruckend, da ich da ja geboren bin , die
„Elegie des Bildstocks“ ist da schon hintergründiger
„Langsam, breite Tage
verflimmern über dem Land-
Erstarrt in meiner Klage
steh ich am Straßenrand“
Aus „Neue Wege 19 (Sep 1954) und
„Abendschnellzug“
Signale – Maste -Drähte
Schatten ,am Fenster vorbei
Murmeln die Räder Gebete
in dies eilige Einerlei?“
Aus Neue Weg 10 (März 1955)

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2 Kommentare »

  1. liebe frau jancak,
    à propos lyrik-session: hiermit herzliche einladung: http://consens.wordpress.com/2011/03/29/coming-up-textur/
    lg ch

    Kommentar von consens — 2011-04-07 @ 13:55 | Antworten

  2. Vielen Dank, da bin ich zwar auf einer Geburtstagsfeier beim Umar am Naschmarkt, aber vielleicht ist es am Nachhauseweg noch nicht ganz vorbei

    Kommentar von Eva Jancak — 2011-04-07 @ 17:51 | Antworten


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