Literaturgefluester

2011-04-09

Lügen in Zeiten des Krieges

Filed under: Uncategorized — jancak @ 21:51

Diese Woche habe ich mich ganz zufällig mit Romanen von Holocaustopfern, Überlebenden bzw. deren Kindern beschäftigt und so kommt nach den Lesungen von Peter Stephan Jungk, Aharon Appelfeld und Bruno Schulz, die Besprechung von Louis Begleys „Lügen in Zeiten des Krieges“, das ich schon vor einiger Zeit im offenen Bücherschrank gefunden habe, aber nach den Buchmessenbüchern und den Frühjahrsneuerscheinungen auch jetzt erst lese und es passt sehr gut sowohl zu Aharon Appelfeld, als auch zu Bruno Schulz, kommt die Stadt Drohobycz, in der Bruno Schulz lebte und starb vor und autobiographische Züge hat die Geschichte des jüdischen Knaben Maciek, des 1933 in Stryj, damals Polen heute Ukraine geborenen Ludwig Beglejter auch. Ist er und Maciek ja der behütet aufgewachsene Sohn eines jüdischen Arztes, im Roman stirbt die Mutter bei der Geburt, Maciek wird von ihrer Schwester Tanja und zuerst einer Reihe verarmter jüdischer Gouvernanten mit Brillen, die sich das Geld zum Studieren verdienen wollen, später von dem Kindermädchen Zosia, Tochter des Hilfsstationsvorstehers von Drohobycz aufgezogen und von den Großeltern sehr geliebt. Er ist ein verwöhntes kränkliches Kind, das sich vor Geistern fürchtet, empfindet erotische Gefühle zu Zosia, die ihn ihre Zöpfe halten läßt und auf den Schultern trägt, sieht ihr zu, wie sie mit nackten Füßen in Fäßern Kraut stampft und erlebt auf diese Art und Weise sehr verwöhnt den Herbst 1939, wo die Deutschen kommen und alles anders wird.
Zuerst geht es im Ghetto von T. noch fröhlich weiter. Lebt die Familie ja mit Pan Kramer zusammen und der hat eine Tochter namens Irina, in die der kleine Maciek ein bißchen verliebt ist und kindliche Spiele mit ihr spielt, dann werden die Juden mit Ausnahme Maczik, Tanja und den Großeltern, die sich verstecken konnten, abtransportiert, der Vater mußte sich der russischen Armee anschließen, der Großvater flüchtet nach Warschau, Tanja wird die Geliebte eines deutschen Armeeangehörigen, der sie versteckt und beschützt, die Gestapo erwischt ihn aber, so daß er sich und die Großmutter erschießt und das Lügen in Zeiten des Krieges beginnt, was bedeutet, daß sich die sehr resolute Tanja mit dem Kind, den Schmuck und dem Geld, das sie noch besitzt, durchzuschlagen beginnt, denn überall lauern Polen, die sie erpressen, verraten und ihr dieses abnehmen wollen. Mit Papieren, die sie als katholische Polen ausweisen, kommen sie von Lemberg nach Warschau, erleben dort den Aufstand und passen sich, um ihr Leben zu retten an, so muß Maciek, der jetzt Janek und dann wieder anders heißt, konformiert werden und seinen Penis muß er auch verbergen, so daß er nur zu Hause unterrichtet werden darf, was den Polen eigentlich verboten ist. Nach dem Aufstand müßen sie wieder flüchten und kommen aufs Land, wo Tanja mit Schnaps handelt, Maciek zum Kuhhüter wird, der Großvater wird inzwischen von den Nazis erschoßen und selbst als der Krieg zu Ende ist und Tanja mit Macziek nach Krakau kommt, geben sie sich immer noch als katholische Polen aus, so daß Maciek, der inzwischen das Gymnasium besucht, auch noch mit seinem Freund Koscielny ministriert.
Louis Begley, der ein ähnliches Schicksal hatte, kam 1947 nach New York, wo er Jura studierte, als Rechtsanwalt arbeitete und erst sehr spät im Rahmen schreiben begann. 1991 ist der Roman erschienen, mit dem er berühmt wurde, ich habe ihn im Februar 2009 in der Hauptbücherei gesehen und gehört und glaube, daß ich ihn, wie mir das ja öfter passiert, zuerst mit Don Delillo verwechselt habe, dessen „Unterwelt“ einmal im literarischen Quartett besprochen wurde, was insofern passend ist, da Marcel Reich-Ranicki Begleys autobiografischen Roman „ein einzigartiges Zeitdokument und ergreifenden Roman“ nannte und auch Ruth Klüger das Buch sehr lobte.

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