Literaturgefluester

2011-04-29

Um den ersten Mai

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:00
Lesetheater: "So starb eine Partei"

Lesetheater: "So starb eine Partei"

Um den ersten Mai gibt es viele Veranstaltungen und es hat nach meiner Abrechnung schon am Freitagnachmittag mit einer Filmvorführung „Let the sun shine – die Wienerin aus Kamerun – Beatriche Achaleke im Topkino begonnen, bei der sogar Peter Sellars anwesend war, dann wollte ich, wie ich sein einigen Jahren tue, zum ÖAAB schauen, habe es aber nicht gefunden, dann ging es mit einer Bücherkastentour, bei der sich auch nicht viel fand, ins Amerlinghaus, wo das Lesetheater unter Kurt Raubals sachkundlicher Leitung Jura Soyfers Romanfragment „So starb eine Partei“ aufführte.
Als ich mit Alfred eintraf, bereitete sich die Gruppe, die alle irgendetwas Rotes, Schal oder Pullover, trugen, gerade gruppendynamisch auf ihren Auftritt vor und als es dann begann „Nach rechts konnte er nicht schauen, nach links konnte er nicht schauen…“, war ich anfangs verwirrt, hatte ich doch noch Helmut Qualtingers Stimme „Franz Josef Zehetner…“ im Ohr, denn die ORF-CD aus dem Jahr 1978 im Ohr, die ich mir einige Male angehört habe, als ich 2004 „M.M. oder die Liebe zur Germanistik“ geschrieben habe, da es da ja auch um Jura Soyfer geht, die beiden Bände Werkausgaben, die ich besitze, habe ich in dieser Zeit auch genauer studiert und von dem Romanfragment, das mit Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ verglichen wird, habe ich in den Siebzigerjahren, das erste Mal gehört bzw. daraus gelesen, als es in einem der Wespennester abgedruckt war.
Verstanden habe ich den Titel damals nicht, waren die Siebzigerjahre unter Kreisky ja eine Hochburg des Sozialismus und ich bin auch aus einem sozialistischen Arbeiterhaushalt gekommen. Verstanden habe ich erst heute, daß die Partei für Jura Soyfer, der im Februar 1939 in Buchenwald umkam und der die Februarkämpfe von 1934 miterlebte, gestorben war und auch die Geschichte mit dem Franz Josef Zehetner und dem Otto Bauer aus der CD war mir nicht ganz klar, dagegen war das Stück von dem aufrechten Parteifunktionär und Vereinskassier Robert Blum (eigentlich ein bekannter Märzrevolutionär) der neunundzwanzig Jahre als Fürsorgerat für die Menschheit gearbeitet hat und der verhaftet wird, weil er eine Garage in die Luft gesprengt haben soll, sehr beeindruckend.

Jura Soyfer hat in dem Fragment seine Enttäuschung und seine Erlebnisse mit und über den Austro-Marxismus beschrieben und man kann den ersten Mai eigentlich nicht besser als mit einer Lesung daraus beginnen. Im Vorjahr war ich am Ende April bei der großen Amerlinghausprotestveranstaltung im Rathausplatz und bin dann ins Völkerkundemuseum zur Ausstellungseröffnung über den ersten Mai gegangen, wo es Filme der alten Maiaufmärsche zu sehen gab. Morgen am Tag der Arbeitslosen gibts wieder eine Filmvorführung Sabine Derflingers „Hotspot“ und am Sonntag werde ich mir u. a. den Maiaufmarsch geben. Darüber habe ich ja schon vor zwei Jahren berichtet, daß ich als Kind mit meinem Vater immer von der Wattgasse mitmarschiert bin und einmal sogar dem Bürgermeister Jonas ein Maiglöckerlsträußchen überreicht, was dann in der AZ abgebildet war und Jahre später mit den Kinderfreunden in einem rotweißroten Kleid marschiert, war auch in der AZ abgebildet, nach meiner Matura damit aufgehört und erst ab 2000 wieder bei den Maiaufmärschen mitgemacht. Da waren es aber vor allem die der Kommunisten, bei denen ich mitgegangen bin. Vor ein paar Jahren habe ich als Frühaufsteherin aber begonnen, mich dem der SPÖ Sektion Margareten anzuschließen, bin am Rathausplatz aber nie ganz nach vorn gekommen, weil ich entweder die Uli Makomaski oder die Ruth Aspöck am Spalier traf, die mich ganz erstaunt, mit den Worten „Bist du eine Sozialistin?“ begrüßten. Nein, nur einmal nicht ganz freiwillig, ein knappes Jahr Mitglied, weil ich damals bei den Kinderfreunden gearbeitet habe und angestellt werden wollte, eine Kommunistin allerdings ebenfalls nicht und bin trotzdem jeweils zur Albertina zurückgegangen. Voriges Jahr habe ich gleich im Rotpunkt mit einem Frühstück begonnen und werde das wahrscheinlich auch heuer tun, obwohl ich mich schon bei der SPÖ Mariahilf erkundigt habe, wann sie wo abmarschieren. Man hat so seine Prägungen und ich habe wohl den Sozialismus der Neunzehnhundertdreißigerjahre im Herzen und wenn die Partei damals auch nicht wirklich gestorben ist, so nennt sie sich inzwischen Sozialdemokratie und das Fremdengesetz wurde heute auch von SPÖ und ÖVP verschärft und so wirds wahrscheinlich wieder ein vielseitiger und bunter erster Mai werden, genauso bunt wie das Leben der Wienerin Beatriche Achaleke aus Kamerun, deren Portrait ich mir heute angesehen habe und die sich eine schwarze ORF-Moderatorin, einen männlichen Kindergärtner und eine Fernsehkommissarin mit Kopftuch wünscht, vor allem die letzte Idee finde ich sehr originell und werde sie mir mitnehmen, wenn ich demnächst den Roman über die zweite Gerneration Türkin Sevim schreiben werde.

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