Literaturgefluester

2011-05-05

Aus der schönen neuen Welt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:07

Die schöne Welt ist gar nicht so neu, gibt es Günter Wallraffs „Expeditionen in die Arbeitswelt“, seine verdeckten Vermittlungen und Enthüllungsjournalismus doch schon seit vierzig Jahren und es war auch nicht so einfach sich zu entscheiden, gab es doch ein anderes durchaus aktuelles deutsches Parallelprogramm, nämlich Heinrich Steinfests Stuttgart 21 Krimi „Wo die Löwen weinen“ in der Hauptbücherei und da ich mir den literaturcafe.de podcast in seinen sechzehn Folgen durchaus intensiv gegeben habe und ja auch „Den Mann der den Flug der Kugel kreuzte“, vor kurzem gelesen habe, wollte ich mir das eigentlich geben. An Günter Wallraff kommt man aber nicht so leicht vorbei, wurde ich doch durch die sehr intensiven Spaziergänge in denen der duftende Doppelpunkt seine zweite Arbeitswelt Anthologie vorbereitet, auf ihn aufmerksam, da er ja auch zu dieser Gruppe 61 gehörte, die in Deutschland, die Literatur der Arbeitswelt förderte. Jetzt ist das realistische Schreiben ja wieder ein bißchen unmodern und der Fischer TB hat seine Reihe Literatur der Arbeitswelt mit seiner Millionenauflage inzwischen eingestellt und den Max von der Grün und den Luitpold Stern Preis, die beiden österreichischen Initiativen, gibt es ebenfalls nicht mehr, Günter Wallfraff aber schon. Als ich am Sonntag vom Parlament zurückgekommen bin und bevor wir uns auf die Mayday Parade der Prekären machten, habe ich ein Stückchen Ö1 Quiz gehört und das war lustig, denn da erklang gerade die „Internationale“ aus dem Radio. Das Kulturquiz hat nach Günter Wallraff und Marie Jahoda gefragt und darauf hingewiesen, daß er am Mittwoch bei den Wiener Vorlesungen ist. Da hatte sich dann mein Bauch entschloßen hinzugehen, aber als zu Mittag das Programm bekanntgegeben wurde, wurde gesagt, daß im „Tag zu Tag“, nicht Günther Wallraff ist, da sein Flugzeug einen Schaden hatte, also habe ich beim Kulturamt angerufen, ob die Veranstaltung stattfindet und mir, als ich vor sechs weggegangen bin, um einen Platz zu bekommen, das Programm der Hauptbücherei eingesteckt, denn wenn es doch ausfällt, könnte ich ja….
Vor halb sieben war ich schon im Rathaus, konnte mir den Platz aussuchen, bin sehr prominent in der Mitte der zweiten Reihe gleich hinter den reservierten VIP Plätzen gesessen und konnte die Vorbereitungen der Kameraleute beobachten. Susanne Brandsteidl, die Wiener Stadtschulpräsidentin saß mit einem alten „Aufmacherbuch“ in der Hand vor mir und wenn ich nicht irre, ist Franz Küberl neben ihr gesessen. Es war sehr voll. Hubert Christian Ehalt hat eingeleitet und ein langes Gespräch mit Günter Walfraff geführt, der 1942 geboren wurde. Er war ein schlechter Schüler, erzählte er, machte eine Buchhändlerlehre, las Brecht und den frühen Böll und schrieb auch schon ein paar Gedichte, dann verweigerte er den Wehrdienst, wurde psychiatrisiert und als abnorme Persönlichkeit entlassen. Das ermutigte ihn in die verschiedensten Unternehmen zu gehen und mit seinen Aufdeckungen zu beginnen, der falsche Name und die Verkleidung haben sich dabei ganz zufällig ergeben. Einige seiner Bücher sind sehr berühmt geworden und haben Millionenauflagen erreicht. Ich erinnere mich, daß ich mir, als ich 1977 in die Otto Bauergasse zog, mir auch die gerade erschienene Bild-Zeitung Enthüllung „Der Mann, der Hans Esser war“ gekauft und begierig gelesen zu haben. „Ganz unten“ und die „Industriereportagen“ habe ich auch. Bei einem blauen Sofa in Frankfurt ging es um das Buch oder den Film „Schwarz und weiß“, wo Günter Wallraff in die Maske eines Schwarzen schlüpfte und eine Wohnung mieten, einen Jagdgewehrschein machen und eine Uhr kaufen wollte“.
Stücke aus dem Film wurden auch gezeigt und Günter Wallraff las ein Stück aus einem Buch, wo es um die Bäckerei ging, die Lidl zuliefert und gab eine ausgezeichnete Analyse der deutsch österreichischen Gesellschaft und erklärte was sich seit dem Fall des Kommunismus verändert hat. Seither ist die Schere noch mehr auseinandergegangen, es gibt die reiche Oberschicht und die prekären Arbeitsverhältnisse, Hartz IV, bzw. die Gerneration Praktikum. Einen Stammtisch der habilitierten Pizzafahrer, Mobbing bei den Betriebsräten und einen Film darüber, von dem noch nicht ganz klar ist, ob er am 11. Mai im Fernsehen gezeigt werden kann. Denn es gibt auch viele Prozesse. Die Publikumsdiskussion war ebenfalls sehr intensiv, eine Allgemeinmedizinerin aus dem Süden Wiens erzählte von der Hoffnungslosigkeit ihrer arbeitslosen Burn Out Patienten, eine Frau erkundigte sich nach der Diskriminierung der Älteren und der Frauen. Günter Wallraff sah die Hoffnung in der Quotenregelung und in einer verbesserten Bildung, aber wir haben ja eine ÖVP, die strikt gegen die Gesamtschule ist, die die Gesellschaft vielleicht vermischen könnte.
In der Presse gibts auch eine vierseitige Beilage, so daß man all das nachlesen und daß die neue Arbeitswelt nicht sehr schön ist, habe ich auch schon bemerkt und ich schreibe auch darüber. Die Privatisierung der Post fällt mir dazu noch ein, die die unkündbaren Beamten in den sogenannten Pool steckt und sie dann mittels Jobcoachs oder Trennungsberatern zu einer Umschulung als Horterzieher bewegen will. Ganz schön kompliziert die neue Arbeitswelt. Günter Wallraff lobte das Internet als neues Aufdeckungsinstrument und machte einen sehr sympathischen Eindruck, als er beim Büchertisch seine Bücher signierte. Der Bibliothekar, den mir Ruth Aspöck einmal vorstellte, stand beim Ausgang und drückte mir die Einladung zu „Wir rufen auf! Penner, Fleischwölfte und anderes arbeitsscheues Gesindel“, die zweite duftende Doppelpunkt Anthologie, die nächste Woche, leider parallel mit der Festwocheneröffnung, in der AK Bibliothek vorgestelt wird in die Hand. Ottwald John gab mir eine Einladung für das Theater in der Drachengasse.

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