Literaturgefluester

2011-05-15

Gold

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:55

„Gold“ sammelt Sybille Bergs Reiseberichte, Portraits und Artikel, die von ihr Ende der Neunzigerjahre in verschiedenen Zeitschriften erschienen oder nicht erschieden sind. Der Umschlag des KiWi Taschenbuchs, ein Fund aus dem Bücherschrank, trägt diese Farbe, deshalb heißt das Buch wahrscheinlich so. Einen anderen Grund wüßte ich nicht, es gibt aber ein Vorwort der Autorin, die schreibt „Das ist ein schönes Buch. Das Äußere ist dezent und wertig, und der Inhalt kann sich sehen lassen. ….Ein Buch, das Ihnen und Ihren Freunden bestimmt viel Freude schenken wird.“
Die 1962 in Weimar Geborene und in Zürich Lebende ist also sehr selbstbewußt. Ich kenne ihren Namen, seit ich, ich glaube, das war in Leipzig, „Das Nähkästchen des erfolgreichen Schreibens“, ein Schreiblernbuch der Cornelia Goethe Akademie von Claus Vainstain bekommen habe, denn der führt Sybille Bergs 1997 erschienenen Roman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“, als positives Beispiel für das erfolgreiche Schreiben an.
2009 stand sie mit ihrem Roman „Der Mann schläft“ auf der Longlist des dBps. Da habe ich von ihr ein Interview in einer Talkshow gesehen, das mir sehr trivial vorgekommen ist und jetzt hatte ich einen Reportagenband in der Hand, obwohl ich Kurzgeschichten ja eigentlich nicht so mag und bin sehr beeindruckt, das war Lesen sehr interessant und der Eindruck, daß Sybille Berg eine sehr ambivalente Autorin sein muß, hat sich bestätigt.
In dem Buch geht es, könnte man sagen, um Gott und die Welt, um die Liebe, um Städte, um Mode, um Gefühle, Tiere etc, um alles was Platz in Kolumnen des Zeitmagazins, Stern, Annabelle und anderer Zeitschriften hat und es sind zwischendurch immer wieder Leserbriefe abgedruckt, die als Fanpost bezeichnet werden.Hier zeigt sich wiedermal Sybille Bergs Ambivalenz, die Leserbriefe sind nämlich durchaus negativ, beschimpfen die Autorin, meinen sie wäre trivial, hätte die Sachen nicht verstanden, ein zu einfaches Weltbild, etc und fühlen sich durch den flapsigen Ton verarscht. Da gibt es beispielsweise einen „Tanz den Goethe“ genannten Artikel über Weimar, mit entsprechenden Leserbrief, in dem sie die Goethe Verehrung der kleinen Stadt schildert, die an jedem Haus eine Tafel hat „Hier hat der Meister gepinkelt oder einen Schuldfreund“ etc und den Bussen mit den mittelalten Damen, die dort hingefahren wurden, die die Ossis mit „Wissen Sie, wie ich Sie beneide, daß Sie in dieser Stadt leben dürften!“, ansprachen, die sich nur dachten, wie gerne sie mit den Bildungstouristen tauschen würden. Da ist mir erst klar geworden, daß Sybille Berg aus Weimar stammt, ich hatte sie eigentlich für eine Schweizerin gehalten und diesen Artikel, wie sehr viele anderen excellent und gut beschrieben gefunden, ein bißchen flapsig ja, aber ich habe verstanden, was sie meint und worum es geht. Dann kommt ein Artikel über Wien, der mich natürlich interessierte und hier lese ich, daß die Autorin an einem Bahnhof ankommt, mit einem Taxi fährt, alle Leute „Heil Hitler“ sagen und sie ein esoterisches Geschäft betritt, sonst kommt nichts vor, keine Mozartkugeln, kein Stefansdom, etc, nun bin ich in Wien schon sehr oft in Geschäfte gegangen, mit „Heil Hitler!“, hat mich noch niemand begrüßt, mit „Grüß Gott!“, sehr wohl und das sage ich immer noch oft genug, obwohl ich es mir eigentlich abgewöhnen will, das mag einen Deutschen, wenn er nicht aus Bayern stammt, vielleicht ungewöhnlich vorkommen, ansonsten würde ich aus dem Artikel Wien nicht erkennen, das könnte irgendeine Stadtbeschreibung sein und Sybille Berg muß nicht hiergewesen sein.
Es gibt einen Artikel über Gunilla von Bismark und die Reichen und die Schönen in Marbella, treffend beschrieben, obwohl ich noch nicht dort war, denke ich mir, das wird so sein, einen über Kambodscha, der auch Widerspruch erregte. Ein Glücksforscher hat behauptet, die Menschen in Bangladesch seien am glücklichsten, Sybille Berg beschreibt, die Armut dort und macht sich über den Glücksforscher lustig, brillant, brillant. Die Sinnlosigkeit des Lebens wird meiner Meinung nach auch sehr großartig und beeindruckend geschildert. Ein Artikel macht sich über den Jugendwahn lustig, einer über blasierte Verkäuferinnen in Nobelboutiquen, die nichts tun, als ihre Kundinnen verscheuchen, Sybille Berg wirds erlebt haben.
Ein paar Artikel habe ich nicht ganz verstanden, bzw. erschienen sie mir eher nichtssagend, wie zum Beispiel den über Wien. Wieso so hat sie sich nicht über die Morbidität und die Mozartkugeln etc lustig gemacht?
Einige Artikel sind Erstdrucke, weil sie vom Stern oder auch vom Suhrkamp abgelehnt wurden.
„Quietschende Städte“ beispielsweise, weil er als nicht modern genug empfunden wurde. Suhrkamp wollte „Hundert Worte des Jahrhunderts“ von ihr haben, lehnte den erhaltenen Artikel „Faschismus“ ab „weil er in keinster Weise den Leser und Höerererwartungen entsprechen würde“, bezahlt aber, da es eine Auftragsarbeit war, fünfhundert Mark dafür. Der Artikel beschreibt wieder etwas flapsig einen Kleinbürger, der das Haus seines Nachbars, der ihm störte, abbrannte und dabei sein triviales Leben schildert. Zahm würde ich sagen und schon hundertmal gehört, aber treffend im Bergschen Ton beschrieben und die muß über viel Humor verfügen, weil sie sich mit ihrer Fanpost und ihrem Vorwort über sich selber lustig macht. Und das findet man nicht sehr oft, diese Ehrlichkeit und hat mich sehr beeindruckt, so daß ich die schon etwas „antiquierten“ Reise- und Lebensbeschreibungen der Neunzigerjahre sehr genossen habe, reist Sybille Berg ja beispielsweise mit Kanzler Schröder auf Werbetour, wer war das noch? Mit Mark oder Schillingen bezahlen wir auch nicht mehr. Es gibt auch ein paar Rezensionen, beziehungsweise Autorenbeschreibungen, die über Amelie Frieds antifaschistischen Schutzwall im „Mann von nebenan“, das der Stern seltsamerweise auch nicht abdruckte und eine beinahe Liebeserklärung an Haruki Murakami, beispielsweise, den sie nach Tokio folgte.
Köstlich würde ich sagen, viel gelernt und Sybille Berg muß eine sehr intelligente Person sein, die mich irgendwie an Else Buschheuer erinnerte, die ja auch aus Ostdeutschland stammt und sehr selbstbewußt sein dürfte.

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