Literaturgefluester

2011-05-22

Der Windfisch

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:55

Die 1994 erschienene Erzählung, des 1953 geborenen Ralf Rothmanns, stammt aus der Thalia Abverkaufskiste vom Sommer 2008, in einem meiner ersten Literaturgeflüsterartikeln habe ich darüber geschrieben, der Titel bezieht sich sowohl auf ein Lied, das buntgkleidete Mulattinnen mit Muschelschmuck beim Kokusnüße verladen in Südamerika singen, als auch auf einen Privatdruck übel zusammengeschusteter Sonette und Lieder eines SS Mannes namens Karl Markus Streeler und ist, wie ich dem Klappentext entnehme, „eine stilistisch brillante, unterhaltsame, psychologisch wie politisch brisante und damit auf angenehme Weise un-deutsche Geschichte, die die spannende Erzählweise von B. Travens Mexiko – Romanen mit Albert Camus Philosophie und der vitalen Resignation Malcolm Lowrys Geoffrey Firmins verbindet.“
Die Geschichte beginnt in einem Flugzeug das über Mexico-City aufsteigt. Guntram Lohser, ein Fotograf, der keiner mehr ist, wurde ihm doch seine Ausrüstung gestohlen, hat drei Monate lang für eine Bildbandreihe eines Zigarettenkonzerns, das wilde rauhe Mexico fotografiert, jetzt will er um den Berliner Winter zu umgehen noch ein paar Wochen Ferien in Ecuardor anhängen. Er schreibt Abschiedsbriefe an seine Freundin Lydia, erkundigt sich telefonisch bei seinem Freund Benno nach dem Zustand seiner Wohnung und läßt sein Zimmer kündigen, dann beobachtet er, wie eine rotblonde Frau bestohlen wird, fährt mit einem Bus durch die Gegend, schläft mit einer Indianerin und will nach einem Ort namens Muisne, wo alle Männer, die er in den Kneipen trifft, Brüder haben, die dort Polizisten sind.
Er landet in einem Sumpf am Meer, wo es kein Hotel gibt, aber Don Armando kleine Hütten mit Duschen vermietet. Dort lernt er einen seltsamen alten Mann kennen, der einen tätowierten Arm und viele Ziegen hat, die ihm seine Uhren fressen und die er mit Namen nennt. Es gibt auch ein Spital mit einem versoffenen Arzt, dessen einziger Patient Don Armando ist, einen weißen und einen schwarzen Polizisten und die rotblonde Frau, die vorgibt Journalistin zu sein, taucht auch wieder auf und erzählt Lohser, daß sie, Französin und Tochter eines deutschstämmigen Juden ist, der mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wurde und dort seine erste Frau und den dreizehn Monate alten Sohn verlor. In Bolivien fand seine 1955 geborene Tochter Jovita eine kleine deutsche Bibliothek, die in einem verstaubten Keller untergebracht war. „Ein Kinderstahlhelm, ein signiertes Foto von Marlene Dietrich und ein schmales spinnenwebverhangenes Bücherregal“, wo neben Weinheber und Löns sich auch der „Windfisch“ von Karl Markus Streeler befand, jenem SS Mann, der verantwortlich für den Tod vieler tausender Menschen aus Toulouse und Umgebung war, in Abwesenheit zum Tode verurteil wurde, aber in die große weite Welt untertauchte. Dort spürt ihm nun Jovita auf, bzw. werden auf diesen Namen lautetende Papiere gefunden bzw. gestohlen.
Am nächsten Tag fährt Jovita ab, während Lohser Don Amando besucht, um ihm nach den Papieren zu fragen, der winkt ab, erzählt etwas von Pflicht und mangelnde Verantwortung,“ weil man tun muß, was Gesetz ist, um seine Familie zu retten“ und führt ihn in einen Schweinestall, dann bietet er Lohser an, dort Aufseher zu werden, aber will wieder abreisen, vorher geht er aber am Meer spazieren, trifft dort Elvira, die Frau eines der beiden Polizisten und als er nachher in der Wirtschaft essen will, setzt sich der andere Polizist zu ihm und gibt ihm das Messer mit dem Perlmuttgriff, das Lohser mit fünzig Dollar gestohlen wurde. Weil damit aber zufälligerweise gerade Don Armando ermordet wurde, gerät Lohser in Bedrängnis, wird aber von der schönen Elvira gerettet und man erfährt auch, daß nicht Don Armando der SS-Mann war, sondern seltsamerweise der verrückte Ziegenhirt, denn den SS-Männern wurden, wie Lohser von seinem Vater, der ein harmloser SS-Lastwagenfahrer war, die Arme tätowiert und Don Armando lief immer mit freien Armen herum und Lohser wird die Gegend, da die Straße wieder frei ist, bald verlassen können.
Ralf Rottmann, den ich 2001 oder 2002 bei einer Literatur im März Veranstaltung noch im unfertigen Museumsquartier lesen und diskutieren hörte, erzählt diese Geschichte in einer sehr schönen Sprache und kommt vom Roadmovie wirklich excellent zu dem beschriebenen Politthriller. Immer wieder fallen schöne Wortwendungen, wie „die Schuhspitzen, die sich wie Hundeschnauzen durch den Sand schoben“ oder „Kopfschmerz in Flaschenform“ auf.
Das Ganze wird auch sehr geheimnisvoll und meiner Meinung nach mehr lyrisch als philosophisch existentiell in drei Kapitel „Platz der Schweine“ „Tangohammer“ und „Altes Jahr“ aufgebaut und von Ralf Rothmann habe ich schon „Flieh, mein Freund“ gelesen, das ich wahrscheinlich in Wien aus einer Ein-Euro-Kiste gezogen haben. 2009 wurde sein Roman „Feuer brennt nicht“ intensiv besprochen, woran ich mich noch erinnern kann und am Donnerstag habe ich bei der Buchlandung in der Mariahilferstraße wieder zwei Rothmann – Werke aus den Regalen bzw. aus der Kiste gezogen, nämlich die erste Erzählung „Messers Schneide“ und „Kratzer und andere Gedichte.“
Man sieht, der in Schleswig geborene, der schon die verschiendensten Literaturpreise bekommen hat, ist nicht nur ein vielseitiger Dichter, der nur Travens Mexiko Romane nachzeichnet, sich mit dem Leben von Bergarbeiterfamilien und Jugendcliquen auseinandersetzt, sondern seine bei Suhrkamp erschienenen Taschenbücher, landen auch sehr schnell und oft in den Abverkaufskisten und dann bei mir, wo ich sie langsam auflese und so das Werk eines Gleichaltigen kennenlerne, der sicher eine bessere Sprache als ich hat, aber auch nicht sehr verkäuflich zu sein scheint.

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