Literaturgefluester

2011-05-26

Frühling in der Via Condotti

Filed under: Uncategorized — jancak @ 15:02

In Gustav Ernsts 1987 im berühmten Europaverlag erschienen Roman „Frühling in der Via Condotti“ geht es ebenfalls um beste Beziehungen.
Ein Ernstsches Dauerthema offenbar, denn Marianne und Walter Guschelbauer machen sich auf, ihren zwanzigsten Hochzeitstag in Rom zu feiern, bzw. dort wieder zu erleben, was sie bei ihrer Hochzeitsreise gesehen haben. So nehmen sie den Zug und als der im Bahnhof Termini einfährt, „begann Marianne Guschelbauer ihren Mann dazu zu überreden, die Extrawurst aufzuessen.“
Damit sind wir gleich drinn im Geschehen, denn diese Marianne hat Züge der Lisa aus den „Besten Beziehungen“, allerdings ist er auch nicht so ohne, denn Taxifahren läßt er sie auch nicht gleich und es kommt auch sehr oft zum Streit zwischen beiden, die zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre verheiratet sind und auch eine Menge Probleme haben.
So gibt es einen psychotischen Sohn namens Ernsti und Schwierigkeiten mit dem Arbeitsplatz Walters gibt es auch, er ist nicht so befördert worden, wie er es wollte und Angst um diesen hat er auch. Ansonsten ist der Dreher ein Rapidfan und möchte wissen, wie das Fußballspiel, das er versäumte ausgegangen ist, so sucht er in Rom die Kioske nach einer Kronenzeitung ab und hat auch ihre Ansichten, nur, daß die Krone gegen Hainburg ist kann er nicht verstehen, denn „Wir brauchen ein Kraftwerk und die reden vom Sumpf, den man retten soll, die Trotteln.“
Auch sonst wird man gelegentlich mit längst verschwundenen Politikern, wie z.B. der ehemaligen U.S Botschafterin Helene von Damm konfrontiert. Walter zitiert öfter Kreisky und hat, wie erwähnt, sehr handfeste Ansichtren.
„Wenn einer nicht arbeiten kann, sagt Walter Guschelbauer, dann muß er es im Kopf haben, oder er will nicht, oder er sitzt im Rollstuhl“
Trotzdem haben Walter und Marianne Ideale und die sind, daß sie ihre Hochzeitsreise, bzw. den Beginn ihrer Liebe nacherleben wollten. So rennen sie, nachdem sie sich in der Pension Positano einquartiert haben, es gibt zu Mariannes Leidwesen kein Klo und Bad im Zimmer, mit dem Stadtplan herum und suchen den Weg, wo sie damals glücklich waren und finden ihn natürlich nicht.
Sie grasen aber alle Touristenattraktionen ab, Walter rät Marianne genau auf ihre Handtasche aufzupassen, damit sie ihr nicht von einem Mofadieb entrissen wird, er sucht an den Ständen nach der Kronenzeitung und findet, wieder typisch Ernst, so manchen Porno, während sich Marianne in die „Neue Post“ vertieft. Sie gehen, wie wohl alle Österreicher, bei ihren ersten italienischen Restaurantbesuchen zu früh essen, Marianne wird von einem Italiener angemacht, während Walter über ihren dicken Arsch schimpft, sie trinken auch viel zu viele Grappas, so daß sie betrunken in ihre Pension zurückkommen und der unfreundliche Sohn der Wirtin ihnen aufsperren muß.
Im zweiten Kapitel geht es weiter, mit der Suche nach der schönen Vergangenheit. Sie streiten wieder und werfen sich ihre Verfehlungen vor, schließlich trennen sie sich, weil sich Marianne Schuhe kaufen will, während der offenbar gefühlvollere Walter, immer noch „das Denkmal unserer Liebe sucht“.
So gibt Walter im Cafe de Paris zwei jungen Mädchen einen Sprachkurs, wie man auf wieviel Arten man „Schwanz“ und „pudern“ sagen kann (nachzulesen auf Seite 83) und erklärt ihnen was „Arschficken“ ist. Nachdem sie von zwei jungen Männer abgeholt werden, bleibt er zuerst allein, später wird von einer aschblonden gleichaltrigen Engländerin, die ihn an die Frau seines Arztes erinnernt, angesprochen, während Marianne ihre Schuhe in der Via Condotti kaufen will, aber von einem glutäugigen Italiener namens Mauro zum Essen eingeladen wird und die Nacht in seinem Auto verbringt, bzw mit ihm vögelt. Walter versucht das auch mit Mrs White, verläßt sie schließlich aber, denn „Du bist mir zu dünn, schrie er und schlug ihr die Hände weg, du bist mir zu alt“, um schließlich von drei Ragazzi, die seine Brieftasche mit den 13.000 Lira, die er noch hat, rauben, mit dem Messer verletzt zu werden.
So trifft sich das Ehepaar vor der Pension wieder. Marianne stellt Walter Mauro als ihren Bruder vor, der bringt ihn in die Ambulanz und das Paar schließlich zum Bahnhof, wo sie einen Tag früher als geplant nach Hause fahren. Marianne küßt Mauro zum Abschied und blickt dann in ihre „Neue Post“. Walter hat die Kronenzeitung wieder nicht bekommen und „als sie in Blogna sind, regnete es.“
Interessant in dem alten Buch, von einer längst vergangenen Zeit zu lesen und trotzdem so viel Bekanntes zu finden. Die selben Ansichten, die selben Themen, wenn man es mit dem neuen Roman vergleicht, wird man vieles wieder finden, bzw. bemerken, daß Gustav Ernst schon 1987 meisterhaft verstanden hat, vom Leben der kleinen Leute zu schreiben. Er tat es auch damals aus der männlichen Sicht, mit einer kräftigen Sprache und sehr viel Sex und Realismus, die Frauen kommen aber gar nicht so schlecht bei ihm weg und über das Leben hat man auch damals viel erfahren.
Ich glaube, ich war, als das Buch vorgestellt wurde, bei einer Lesung in der Alten Schmiede und habe es jetzt kurz nach Weihnachten im offenen Bücherschrank gefunden, „Johann Koplenig – Parteischule der KPÖ“ steht auf dem Pickerl und dem Stempel im und am Buch und das ist wohl der Name der Schule, da der kommunistische Politiker, schon 1968 gestorben ist. Das habe ich Gustav Ernst wahrscheinlich bei dem Sprachkunst Symposium erzählt und inzwischen auch, daß ich die „Besten Beziehungen“ gelesen habe. Jetzt habe ich noch „Herzgruft“, ebenfalls aus dem Europaverlag, das ich mir einmal in der Buchlandung Landstraße, als die kurz wiederbelebt wurde, kaufte, ungelesen in den Regalen, da das aber ein Drama ist, werde ich es wahrscheinlich so schnell nicht lesen.
Und zu mäkeln habe ich am Stil des Sprachkunstlehrers natürlich auch. Zwei Stellen gibt es, da scheint mir das „Show not tell!“, nicht ganz so gut gelungen, sondern zu sehr beschreibend zu sein.
„Man sah sie vor dem Koffer-Standl über die Preise reden“, auf Seite 63 beispielsweise. Aber sonst ist es ein hervorragend geschriebenes realistisches Buch, dessen Lektüre ich wirklich nur empfehlen kann. Das Problem wird nur sein, es zu bekommen, also in den Bücherschränken schauen oder sich auf die „Besten Beziehungen“ verlegen, die es ja noch gibt.

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