Literaturgefluester

2011-06-03

Alles über Sally

Filed under: Uncategorized — jancak @ 20:54

Vom Literaturquiz losgerissen, wo ohnehin nichts weitergeht, habe ich jetzt Arno Geigers im Vorjahr erschienenen Roman „Alles über Sally“ ausgelesen, über den ich schon einiges gehört hatte, denn er wurde ja 2010 in Leipzig prominent vorgestellt und ich bin mindestens ein paar Minuten vor dem blauen Sofa dabeigesessen, dann war ich bei einer sehr vollen Lesung in der Alten Schmiede, eines der letzten Male im Parterresaal und habe dann noch die Sommerlesung im Museumsquartier gehört. Interessant, wie man sich bei einem Buch verschätzen kann, wenn man nur Lesungen daraus oder Diskussionen darüber hört.
Denn es war ein bißchen anders, als ich es mir vorstellte und wußte natürlich, es geht um eine Frau über Fünfzig, darüber hat Arno Geiger am blauem Sofa sehr viel gesprochen, daß heute eine Frau über Fünfzig alle Chancen hat, während sie vor fünfzig Jahren eine alte Frau gewesen ist, womöglich mit schwarzen Kleid und Kopftuch, die das Leben hinter sich hatte und, daß es um einen Englandurlaub geht, wußte ich auch, aber das war nur der Ausgangspunkt. Es beginnt in einem Hotelzimmer in England, wo die Englischlehrerin Sally und der Museumskustode Alfred, knapp sechzig, Urlaub machen. Alfred liegt mit Stützstrumpf am Sofa und trägt in sein Tagebuch ein und Sally, die eigentlich das Grab Sylvia Plaths suchen wollte, ärgert sich über seine Trägheit. Sally ist halbe Engländerin, kennt aber ihren Vater, einen Engländer nicht, die Mutter Risa war in England Hausmädchen, hat ihr Kind nach Wien zu den Großeltern zurückgeschickt und lebt jetzt in einem englischen Altersheim, Alzheimer hat sie höchstwahrscheinlich auch, deshalb auch der Englandaufenthalt. Das Paar muß ihn aber ohnehin abbrechen, denn in ihrem Haus, das wahrscheinlich in Hernals oder Währing liegt, wurde eingebrochen, das Freundespaar Erik und Nadja rufen an und teilen das mit, Sally und Alfred fliegen zurück und Alfred wird durch den Einbruch, der in dem Buch, der „Besuch“ genannt wird, noch mehr gebrochen, es wurde nämlich ziemlich herumgewütet, der burgenländische Kirschensirup ausgeleert und Alfreds Truhe, in der er seine Tagebücher und Plattensammlung aufbewahrte, aufgebrochen und in die Tagebücher hineingeschmiert.
Die aktive Sally, die ihren Mann immer schon mal betrog und das jetzt auch mit dem Ministeriumsbeamten Erik tut, hält das nicht aus, obwohl sie ihren Alfred liebt, sie leidet aber unter seinem sich gehen lassen, so täuscht sie Einkäufe vor, trifft Erik, geht mit ihm zuerst in ein Hotel, dann an die Alte Donau baden, denn sie ist ja eine sehr aktive Frau, die den Rest des Sommers dann dazu benützt, das Haus wieder instandzusetzen, während Alfred im Sützstrumpf am Sofa liegt und vor sich hinleidet.
Das Paar hat drei Kinder Alice, Emma, und Gustav, die Mädchen sind im Studentenalter, Gustav geht noch zur Schule und sie haben sich vor dreißig Jahre in Kairo kennengelernt, wo Sally als Sekretärin am Kulturinstitut arbeitete, Alfred für die Wiener Museen, die ägyptischen Schätze zusammenkaufte und dabei offenbar sehr erfolgreich war. Es gibt ein Kapitel, das im Rückblick diese Zeit schildert, dann gibt es noch einen Kollegen Sallys, der ihre Schildkröten mit Futter versorgt, aber ein Gerichtsverfahren wegen sexuellen Übergriff an einer Schülerin hat und sich am Ende erhängt und Erik verläßt sowohl Nadja als auch Sally, um sein Glück bei einer jüngeren blonden Russin zu suchen, das er höchstwahrscheinlich nicht findet. Am Ende bricht sich Alfred noch den Knöchel, so daß er den Sützstrumpf mit dem Gipfs wechseln muß, den Sally offenbar attraktiver findet und Alfred, der Sally nie betrogen hat und sie immer liebte, verzeiht ihr und sie findet wieder zu ihm zurück, so daß die Geschichte in dem Niemandsland zwischen Weihnachten und Neujahr vor dem Fernseher bei einer langweiligen Jahresrückschau endet, wie Kurt Neumann in der Alten Schmiede sagte, wie ich gerade im Literaturgeflüster nachgelesen habe. Leselustfrust hat das Buch im offenen Bücherschrank gefunden und auf Seite 59 abgebrochen, ich habe es durch meines Alfreds bibliophiler WU-Kollegin bekommen und bin weniger streng, bzw. eigentlich ein Arno Geiger Fan, den ich ja, als er noch sehr jung und literarisch unbedarft war, 1996 das erste Mal beim Bachmannpreis in Klagenfurt lesen hörte, er ist damals nur Martina Schmidt vom Deutike Verlag aufgefallen, hat aber trotzdem seine Karriere damit begonnen und mich hat die Geschichte von der „Käthe“ sehr beeindruckt, weil ich dachte, so ähnlich schreibe ich auch. Jetzt denke ich das wieder und Detail am Rande, die „Absturzgefahr“ handelt auch von einer Lehrerin, die den fünfzigsten Geburtstag feiert, aber die ist geschieden und laut Aussage ihrer Tochter Fritzi sexuell verklemmt und es ist wahrscheinlich auch sprachlich nicht so schön geschrieben. Trotzdem glaube ich zu verstehen, warum leselustfrust, das Buch langweilig gefunden hat, weil es meiner Meinung nach, ähnlich wie der Glavinic und auch meine Texte höchstwahrscheinlich an der Oberfläche blieibt und leicht locker plaudernd von den Vorstellungen, die sich der 1968 geborenene Arno Geiger von Frauen über Fünfzig macht und dabei ein bißchen einen altmodischen Romanstil zitiert, der vielleicht an Fontane erinnern könnte, aber den, gebe ich zu, habe ich nicht sehr gelesen und mein Romanstil ist ja auch ein bißchen altmodisch, wie mir immer gesagt wird und die „Käthe“ in Klagenfurt damals war es vielleicht auch. Interessant also, daß Arno Geiger, der inzwischen als großer Schriftsteller gilt, den ersten dBp mit einem Text übrigens, der in Klagenfurt auch nicht sehr aufgefallen ist, gewonnen hat und von dem jeder annahm, daß er heuer den Leipziger Buchpreis bekommen wird, damit so erfolgreich wurde und, um noch einmal zu Thomas Glavinic zurückzukommen, dessen „Leben der Wünsche“, ja auch von Alfreds bibliophiler WU-Kollegin stammt, das ich ebenfalls eher leicht und locker dahingeplaudert empfunden habe und die Verstörung, von denen die anderen sprachen, Sarah Wipauer z.B, nicht nachvollziehen konnte, da hat Leselustfrust, glaube ich, mit Franz Kafka verglichen, interessant, wie unterschiedlich man Bücher empfinden kann.

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