Literaturgefluester

2011-06-22

Vorhof der Wirklichkeit

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:38

In „Vorhof der Wirklichkeit“ von Hannelore Valencak, geschrieben in den Fünfziger oder Sechzigerjahren, das vor mir liegende Buch ist eine Donauland Lizenausgabe aus 1972, in Wikipedia habe ich keine genaueren Angaben gefunden, spricht eine Frau zu sich selbst und erzählt dabei ihr Leben.
Das Leben einer namenlosen Ich-Erzählerin oder eines „dus“, das Neunzehnhundertsiebenundfünfzig“ neunundzwanzig Jahre ist. Das „du“ ist in einer Eisenbahnersiedlung einer wohl steirischen Kleinstadt aufgewachsen und in den Krieg hineingekommen und seltsamerweise erinnert die Beschreibung der Schulzeit dieses Mädchens an die Schülerin G. von Katharina Tiwald, die zwar Anfang des Einundzwanzigsten Jahrhunderts in die Schule geht, aber trotzdem einige Ähnlichkeiten hat. Ein Wunschkind ist es nicht, dieses kleine Mädchen, der Vater mußte die Mutter heiraten und ist bös auf sie, weil er ihretwegen nicht Zeichenlehrer sondern Eisenbahnbeamter in Uniform geworden ist. Deshalb zerreißt er auch die Zeichnung seiner Tochter, weil sie angeblich nicht schön genug geworden ist und dieses arme Leute Kind hat in der Schule, ähnlich wie Katharina Tiwalds Schülerin einiges mitzumachen. So spielen die besseren Schülerinnen „Ein Bauer ging ins Feld“ und wählen sich die besseren Schülerinnen aus, während das Eisenbahnerkind übrig bleibt und nicht einmal als Maus genommen wird. Trotzdem ist sie eine gute Schülerin, eine Streberin sogar und darf deshalb in die Oberschule, sie schreibt auch schöne Aufsätze und liest gern Bücher, dann kommt der Krieg und der Mutter muß sie sowieso im Haushalt helfen und fühlt sich ausgenützt, es kommt auch zu heißen Kämpfen mit dem Vater und zu einer ersten Liebe, als sie im Spital liegt und dünn und unterernährt, von einem Tierarztsohn geküßt werden soll. Sie stößt ihn weg und flüchtet sich in ihre Phantasie, erlebt mit der wortkargen Mutter die Kriegsnöte und hilft ihr während einer Fehlgeburt. Als der Krieg vorbei ist, maturiert sie und beginnt Medizin zu studieren. Dort lernt sie den Physikstudenten Walter kennen, von dem man schon auf der ersten Seite des Buches erfährt, daß er ihr Mann geworden ist und sie betrogen hat. Jetzt verlieben sie sich ineinander und ziehen zu einem alten Ehepaar in ein Häuschen, das sie aufnimmt und bekocht. Sie bricht mit ihren Eltern, nachdem ihre erste Geschichte in einer Zeitung erscheint, als sich das nicht fortsetzt, muß sie Walter heiraten und ihr Studium muß sie auch unterbrechen, weil kein Geld da ist und sie sich von ihm nicht aushalten lassen will. So geht sie wieder in das Stahlwerk arbeiten und kann nicht fertigstudieren, weil sich Walters Dissertation verzögert, weil er von seinem Professor als billige wissenschaftliche Hilfskraft ausgenützt wird. Sie wird also Metallographin, bekommt einen verständnisvollen Chef, der ihr „Den kleinen Prinz“ zu lesen bringt und nichts dagegen hat, wenn sie in der Dunkelkammer ein wenig schläft. Hat sie ja ihr Studium unterbrochen, um Walter zu ernähren, den Haushalt muß sie aber trotzdem machen und Strümpfe stopfen. Walter hilft ihr nicht und sie ist zu stolz, daß sie ihn dazu auffordert. Sie fängt wieder zu schreiben an, ihre Gedichte werden in Anthologien und Zeitschriften gedruckt, sie schreibt auch einen Roman, der ihr aber nicht so gelingt, dazwischen gibt es eine Abtreibung, an der sie fast stirbt, weil sie wieder zu stolz war, Walter zu sagen, daß sie Hilfe braucht. Die Ehe ist also nicht so gut und als ihr neuer Chef ihr verbietet, den Roman am Arbeitsplatz zu schreiben, tut sie das am Abend, so daß sie Walter aus dem Haus und zu einer Freundin treibt. Den ungeliebten Arbeitsplatz kann sie auch nicht aufgeben, zwar hat sie es geschafft, daß Walter sein Studium zu Ende bringt und er verspricht ihr auch, in zwei Jahren, wenn die Raten für die Wohnung bezahlt sind, kannst du aufhören, aber dann will er zuerst ein Motorrad, dann ein Auto, schließlich bekommt die Freundin ein Kind und er muß die ersten drei Jahre für sie sorgen. Sie kann nach der Abtreibung nicht mehr schwanger werden. Trotzdem kommt es im „Vorhof der Wirklichkeit“ zu einer Versöhnung des Ehepaars, sie hat Schlaftabletten genommen und Walter hat sie gefunden und vielleicht auch zu einen Neubeginn und neuem Scheitern.
Hannelore Valencak wurde 1929 in Donawitz geboren und ist 2004 in Wien gestorben. Im Klappentext steht etwas von „gehört zu den profiliertesten Talenten der jüngeren Literatur Österreich“.
Ich habe den Namen, glaube ich, im Sommer 1977 zum ersten Mal gehört, als im Radio, war es schon Ö1?, das „Fenster zum Sommer“ gesendet wurde, das mich sehr beeindruckt hat. Dieser Roman wurde 2006 bei Residenz neu aufgelegt. In Wikipedia steht noch etwas von Kinderbüchern. Das 1974 erschienene „Ich bin Barbara“ habe ich vor kurzem ebenfalls im Bücherschrank gefunden. Im Podium hat Hannelore Valencak, glaube ich, ebenfalls publiziert und war auch im Pen Vorstand.
Der Roman war sehr interessant, erzählt er eine Kriegskindheit ja sehr authentisch nach und spricht auch sehr offen von den Irrungen und Wirrungen der jungen Mädchen damals und den Fallen, die sie sich selber stellten, die Entwicklung zur Schriftstellerin wird ebenfalls sehr offen und wahrscheinlich autobiografisch erzählt, obwohl das „du“ ja scheitert und es war interessant zu sehen, wie man in den Fünfzigerjahren literarische Karriere machte. Man schickte seine Erzählungen und Gedichte an Zeitchriften, wurde gedruckt, oder nicht. Man kaufte sich eine Schreibmaschine, las Bücher, hatte männliche Förderer und an den eigenen Männern natürlich nicht die Unterstützung, wie sie die männlichen Schriftsteller wahrscheinlich viel selbstverständlicher hatten. Irgendwo wird Hannelore Valencak als Feministin bezeichnet und der Haushofer Vergleich ist wahrscheinlich auch zutreffend. Ich habe diese weibliche Entwicklungsgeschichte als sehr interessant und spannend und irgendewie auch wieder befremdend und unfertig empfunden. Es gibt einen überraschenden Schluß, der eigentlich abgebrochen wirkt, aber sehr viel Einblick in das Frauenleben unserer Mütter und Großmütter.

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