Literaturgefluester

2011-06-23

Die Farben der Grausamkeit

Filed under: Uncategorized — jancak @ 21:35

Der Inhalt von Josephs Zoderers neuem Roman „Die Farben der Grausamkeit“ ist schnell erzählt, es ist die Geschichte eines Mannes zwischen zwei Frauen, der sich nicht entscheiden kann, beide liebt und alles will.
Joseph Zoderer braucht für diesen Satz dreihundertfünfunddreißig Seiten, drei Teile, eine wunderschön verdichtete Sprach, halb Europa und noch ein Stück Weltgeschichte.
Iris Radisch hat es im Literaturclub von 26. 4. „ein altmodisches Buch“ genannt und damit das geteilte Berlin von 1989 und die Achtzigerjahre gemeint und die beiden Literaturkritiker mit denen sie darüber diskutierte, sind überhaupt über die gefühlsschwangere Beschreibung des Mannes zwischen den beiden Frauen, der einen, die ein Haus mit ihm baut und der anderen, die ihn nackt unter der Schürze mit Sphaghetti empfängt, ausgeflippt. Cornelius Hell hat das Buch am 28. 5. in Ex Libris besprochen und hat es vor allem wegen der schönen Sprache gelobt und ich könnte mein Vorurteil wiederholen, daß das Buch das Leiden des alten Mannes an der Welt, der Liebe und den jungen Frauen beschreibt.
Joseph Zoderer hat am 6. 5. in der Alten Schmiede auf Kurt Neumanns pathetischer Beschreibung als „Großes Epos eines Mannes mit schrankenlosen Liebesverlangen“ mit „Die ganzen Themen der Literatur bestehen aus der Liebe und dem Tod!“, geantwortet.
Man sieht, daß man ein Buch auf sehr verschiedene Art und Weise empfinden kann und die dreihundertfünfunddreißig Seiten haben auch sehr viel zu bieten.
Es beginnt mit einem alten verwahrlosten Haus am Berghang, wahrscheinlich von einer Südtiroler Stadt eine Stunde entfernt, in das sich Richard und Selma mit ihren beiden Buben zurückgezogen haben, das sie liebevoll renovieren und in mühevoller Kleinarbeit Stück für Stück bis auf die alten Mauern und dem Geruch, wie früher die Bauern das Fleisch räucherten, wieder errichten. Sie schlafen auch im Heu und bauen sich ihre Ofen selbst, beziehungsweise lassen sie sich die von den Handwerkern des Dorfes errichten, stellen dann ihre Bücherwände und ihre Bibliothek in die Zimmer und Richard, der Rundfunkjournalist fährt am Morgen in die Stadt in seinen Sender zur Arbeit und kommt am Abend mit den Einkäufen, Gelati und Spielzeugautos für die Kinder zurück.
So weit so gut, wenn da nicht die junge Praktikantin Ursula gewesen wäre, die Richard eines Tages in der Redaktion vor dem Fernschreiber trifft und ihr mit Haut und Haaren verfällt. So beginnt er mit ihr ein Doppelleben, läßt sich von ihr in der Stadtwohnung Spaghetti kochen, wo sie ihn dann nackt unter der blauen Schürze empfängt und reist mit ihr durch die Welt. Fast schamlos locker und scheinbar ohne Schuldgefühle tut er das, nachdem er Selma am Wochenbett verlassen hat. Irgendwann beim Essen teilt ihm Ursula aber mit, daß sie sich in einen anderen verliebt hat, was ihn auch erleichtert, so kann er mit Selma und den Buben in das Haus am Berghang ziehen und sein Doppelleben vergessen. Die Erinnerungen kommen aber wieder und holen ihn in seinen Träumen ein, wo er sich als Mörder sieht, Ursula in den Krematoriumsofen schiebt oder von ihr hineingeschoben wird. Selma scheint von seinem Doppelleben auch etwas zu ahnen, so daß das Glück in dem das Leben und die Natur in allen ihren Farben beschrieben wird, doch nicht so eindeutig zu sein scheint.
Den Buchtitel hatte ich nach meinen Besuch in der alten Schmiede nicht ganz verstanden. Jetzt verstehe ich ihn, denn die Sprache des 1935 geborenen Südtiroler Dichters ist wirklich fulminant.
Abgehackt und nicht chronologisch erzählt sie diese Geschichte, schildert die Gefühle des Protagnonisten und seine Alpträume und erzählt gleichzeitig die Handlung und das Weltgeschehen. So gibt es zwei Schreibweisen, kursiv die Gefühle, normal gedruckt das Geschehen könnte man sagen, obwohl das auch nicht immer ganz stimmt. Der erste Teil wird folgerichtig „Das Haus“ genannt, im zweiten wird Richard, als Auslandskorrespondent zuerst nach Paris und später nach Berlin geschickt.
So heißt der Teil auch „Eine Mauer der Freiheit“ und da trifft er Ursula wieder, die inzwischen einen Spanier geheiratet hat und zwar einen ganz seltsamen, nämlich einen Zwitter und katalonischen Poeten, der neben ihr auch arabische Jungen liebt, aber trotzdem streng Ursulas Telefon, die sich jetzt Miguela nennt, überwacht und sie liebt ihren Mann auch sehr. Sie liebt aber auch Richard und die beiden verfallen wieder aneinander und das Ganze passiert in Berlin im November 1989 während des Mauerfalls, wo sich die Ossis und die Wessis plötzlich in den Armen liegen, ihr Freibier trinken und auf der Mauer tanzen. Richard muß darüber berichten, tanzt aber auch mit Miguela-Ursula nackt in seinem Appartement und Selma taucht auch plötzlich auf und als er die Weihnachtstage im Haus am Berg verbringt, weiß sie, daß er sie verlassen wird.
Im dritten Teil „Meeressand“ versucht er auch das zu tun. Denn er ist von der Weihnachtsfeier nach Barcelona geflogen, wo ihm Miguela eröffnet, daß sie von ihm schwanger ist, aber nicht „die Mutter seines Kindes sein will“.
Sie will ihn aber trotzdem mit Haut und Haaren und auch mit ihm in Barcelona leben, was aber nicht geht, da Richard ja seiner Redaktion über die Ereignisse in Berlin berichten muß, so kommt er wieder in das Berghaus, wo er noch Miguelas Worte in den Ohren hat, während ihm Selma eröffnet „Du wirst wieder Vater sein. Freust du dich nicht?“
Es ist also mehr ein gefühlvolles, als ein altmodisches Buch, würde ich vermuten, eines mit einer starken Sprache, vielen Metaphern und Bildern, Gedanken und Zeitsprüngen. Gefühlspathetisch ist es sicher und das Leiden des älteren Mannes an der Liebe wird ebenfalls geschildert. Das kann eine als nicht betrügende Frau nerven oder nicht, spannend und neu waren aber die Seiten mit den Farben der Grausamkeit, in denen Richard sich und Miguela als Mörder sieht, obwohl ja niemand ermordet wird, im Gegenteil kommt am Schluß ja wenigstens ein Kind zur Welt und Richard kehrt, wie es aussieht, auch zu seiner Frau und dem schönen alten Haus in den Südtiroler Bergen zurück. Und den Mauerfall vor etwas mehr als zwanzig Jahren würde ich gar nicht als so lang vergangen und altmodisch, wie Iris Radisch bezeichnen. Aber vielleicht meinte sie die metaphernreiche Sprache und das vierhundert Jahre alte Bauernhaus, das sich Selma und Richard für sich und ihre Kinder aufbauten.
Ich habe einen langen Weg zu diesem Buch gehabt, da ich es nicht gleich, als mir der Haymon Verlag sein Frühlingsprogramm schickte, anfragte, sondern das erst tat, als die Einladung in die Alte Schmiede kam. Dann ist lange keine Antwort gekommen und am Schluß ist das Buch offenbar auch noch am Postweg verloren gegangen, so daß ich mir während des Wartens manchmal dachte „Macht ja nichts, die Leiden des älteren Mannes an der Liebe, hast du ja ohnehin schon oft gelesen“ und habe jetzt doch ein starkes Stück Literatur und mehr als ein Aha-Erlebnis gehabt und über die Meinungen der Berufsrezensenten habe ich mich auch wieder einmal gewundert, da die alles besser wissen und das 2011 erschienene Buch eines 1935 geborenen Dichters, als altmodisch empfinden, weil er den Fall der Berliner Mauer in sein Liebesleben einbezogen hat.

Kommentar verfassen »

Du hast noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: