Literaturgefluester

2011-07-07

Donnerstag in Harland und in Klagenfurt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 16:08

Den heurigen „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in aller Ruhe und ungestört zu genießen, habe ich mir vorgenommen. Mitnichten, so einfach ist das offenbar nicht. Bin ich doch am Morgen sehr früh aufgewacht und wie geplant mit le Clezios „Wüste“, das ich ja besprechen will, in die Badewanne gegangen. Zu früh vielleicht, denn ich hatte mir aus Wien einen Leiner Gutschein für ein grünes T- Shirt mitgenommen und dachte, das löse ich jetzt nicht ein, weil ich erst am Abend Rad fahre. Dann habe ich mich doch darauf gesetzt und es war auch alles bestens. Die Morgenstimmung in St. Pölten, die Kinder und die Erwachsenen mit den Rühreiern vor dem Cafe Schubert, sehr beschaulich, gepflegte Frauen gingen mit Einkaufskörben zum Wochenmarkt und ich habe, glaube ich, auch Alfred Komarek gegrüßt, der Leiner war auch früher offen, als ich dachte, so daß ich pünktlich um zehn zurück war, das Kaffeehäferl auf die Terrasse stellte und nach dem livestream suchte. Den ich nicht fand, um halb elf war er noch nicht da, so habe ich Sara Wipauers lieben Kommentar gelesen und mir überlegt, wie ich mir den Medien Player installieren könnte, das hat mir aber schon der Alfred am Wochenende getan. Es wurde immer später, ich schaute mir stattdessen das Videoportrait von Gunther Geltinger, der als erster lesen sollte nochmals an, holte mir dann seinen Text, einen ungenannten Romanauszug und dachte „Gut, dann gebe ich mir das halt zeitversetzt!“
Habe den Text gelesen, der mir in seinen Metaphernreichtum sehr gefallen hat „Wenn der Schnee kommt, wird die Stille zur Bewegung“
Ein bißchen Friederike Mayröcker, für die Psychologin gab es auch etwas zu finden, beschrieb da doch ein ein Sonn die Tablettenabhängigkeit seiner Mutter und mußte miterleben, wie diese, Marga genannt, nach ihrem Selbstmord oder war es doch was anderes, von Sanitätern abtransportiert wurde. Es wird gekotzt und gespukt dabei, der Sohn kommt zu der Tante und das Ganze war in seiner Grausamkeit sehr schön erzählt. Inzwischen kam der livestream auf die Bachmannseite und ich hörte Gunther Geltinger lesen, was er ein wenig holprig tat und die Diskussion darüber, die eigentlich sehr lehrreich war. Die Metaphernvielfalt wurde analysiert und von den Körpersäften in Norddeutschland gesprochen. Man kam aber schon darauf, daß das eine sehr leise und sehr schön erzählte Mutter Sohn Geschichte war, die der Psychologin, die das weniger literarisch, öfter in ihrer Praxis hört, sehr gut gefiel. Danach kam der Jurist Maximilian Steinbeis, der sich mit dem Verfassungsrecht beschäftigte und mit „Pascolini“ offenbar einen Bestseller und eine Provinzgroteske geschrieben hat, was für das Bachmannlesen schon mal ungewöhnlich ist. Das war dann auch der erste Satz von „Einen Schatz vergraben“, einen Text zur Ratgeberliteratur, wie, das später Daniela Strigl nannte, der „Willkommen. Bitte prägen Sie sich diese Informationen sehr sorgfältig ein!“, lautete und mich an die inzwischen abgesetzte „Welt Ahoi“-Satiresendung von Ö1 erinnerte. Denn da sprach ein Consoulter dessen Geschäft es ist, den Krisengebeutelten Anleitungen zu geben, wie sie ihr Geld vor der Wirtschaftskrise retten können und sehr viel dafür bezahlen, daß sie es von der Bank abheben, in Gold umsetzen und in einem neugekauften Grundstück vergraben. Das Ganze ist ein Monolog in einer sehr beklemmenden Sprache, die ich beim Bachmannpreis nicht erwartet hätte, aber hat nicht Stephan Eibl Erzberg, als ich ihm am Pfingstsonntag am Judenplatz traf, etwas sehr Ähnliches gesagt.
„Die Eisenerzer verstehen nicht, daß sie ihr Geld in Gold anlegen sollen, sie lassen es am Sparbuch liegen und werden es verlieren!“
Etwas also, was uns in Wirtschaftskrisenzeiten betrifft, also machte Maximilian Steinbeis eine beklemmende Satire, ein mephistopehlisches Märchen oder etwas anderes daraus? Die Juroren waren sich nicht einig und sprachen von der billigen Pointe, die mich nicht vom Sessel gerissen hat, denn auch mir war nicht klar, wieso ich einen zweiten Mann dazu brauche, wenn ich mein Gold im Garten vergrabe, was ich sicher nicht tue und unter den Kopfpolster lege ich es mir ebenfalls nicht. Maxmilian Steinbeis Pointe war, daß ich einen Helfer anheuern und den dann erschlagen muß, damit er mich nicht verrät oder das Gold klaut und dadurch schuldig werde oder dem Teufelskreis nicht entkomme. Für mich war schon der erste Satz beklemmend genug und ich dachte „Toll, mal sehen, was die Juroren dazu sagen, denn als sehr literarisch gilt das wahrscheinlich nicht!“
Danach kam Daniel Wisser, den ich vom Amerlinghaus und einer fröhlichen Wohnzimmerlesung kannte. Der hatte schon einmal ein experimentelles Videoportrait, da kochte ich mir mein Mittagessen und hörte seinem Text „Standby“ zu, der in der Passivform von einem Mann zwischen zwei Frauen erzählt, vom Sterben spricht und seinen Vater im Altersheim besucht. Da ich früher auch die Passivform verwendet habe, war ich auf die Diskussion gespannt, die auch kam. Die Sprache und die falschen Konjunktive des Kleinbürgers wurden bemängelt. Wilhelm Genazino und Michel Houellebecq entdeckt und sogar der Satz „Thomas Bernhard ist es nicht!“ zitiert, der am Nachmittag nochmals kam. Inzwischen ging auch Klagenfurt in die Mittagspause, das heißt, ein Film von Monika Maron „Rückkehr nach Bitterfeld“ wurde gezeigt und noch kurz den Klagenfurter Stadtschreiber und Vorjahrsgewinner Peter Wawerzinek und Joseph Winkler interviewt. Joseph Winkler zitierte wieder, was er offenbar öfter tut, Peter Handke und erwähnte das Ringen des Schriftsteller um die Sprache. Dann war die Pause aus und es ging weiter mit Anna Maria Praßlers Text „Das Andere“, der ebenfalls bei der Jury durchgerasselt zu sein scheint.
Ja, ja, ein schöner leiser Text, der mit sanfter Sprachgewalt von einer Frau erzählt, die über den Tod eine ganze Disseration verfasst, aber erst zu weinen beginnt, als ihr Geliebter Björn an Krebs verstirbt und drei Wochen später mit dem Vorsatz nach Augsburg fliegt, dort nur das Barocktheater, aber nicht sein Grab zu besuchen. Da hat es die Psychologin offenbar leichter, was der Autorin höchstwahrscheinlich nicht viel hilft und am Schluß kam mit Antonia Baum, eine 1984 geborene junge Frau, die mit ihrer Sprachgewalt wieder an Thomas Bernhard erinnerte. Hat sie ihn jetzt imitiert oder parodiert? Sie erzählte jedenfalls in einem ebenfalls sehr großen Methaphernreichtum in Maximilian Steinbeis Manier vom Elend der jungen Frauen heute, die nicht wissen, was sie studieren sollen, weil die Lehrer beim Wort Theaterwissenschaft nur lachen, erwähnte das Drama der Scheidungskinder und was es bedeutet in einer Ikea Wohnung aufzuwachsen. Mir waren die „Dorfhaltestellenbriefkasten“, die „Psychologentochterweise“, das stickige Frauenwohnzimmer mit gehäckelten Lügen“, etc schon fast ein bißchen zu viel, dachte mir aber, daß die Juroren darauf sicher abfahren werden und habe mich getäuscht dabei.
Das wars für den Donnerstag. Es kam noch kurz Clemens J. Setz, der auf dem Weg in die Schweiz ist und erzählte, daß er sein Bachmannlesen vor drei Jahren, glaube ich, sehr lustig gefunden hat und denke mir, daß ich fünf interessante Texte mit viel Psychologie, Weltangst und Metaphernreichtum gehört habe. Die von Guünther Geltinger und Anna Maria Praßler haben mir bis jetzt am besten gefallen und jetzt werde ich wieder ein bißchen Radfahren und im Le Clezio weiterlesen.

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