Literaturgefluester

2011-07-08

Klagenfurter-Freitaglesung

Filed under: Uncategorized — jancak @ 15:54

Nach den Klagenfurter Bootsfahrten und Empfängen, die ja höchstwahrscheinlich den eigentlich Reiz dieser Veranstaltung ausmachen, ist es heute mit den Österreicherinnen weitergegangen. Aber halt, zuerst hat der in Berlin lebende, 1957 geborene, Linus Reichlin mit seinem Text „Ein Arzt im Krieg“ die große Welt und die Konfliktherde nach Klagenfurt gebracht. Linus Reichlin, der in seinem Portrait mit einem Boot am Wasser fährt, ist ein Krimiautor und der Text, der wieder eine Traumatisierung schildert, spricht die Psychologin natürlich an. Das hatten wir zwar schon am Donnerstag, die Traumatisierungen im Kleinen und der Familie, die Frau, der der Geliebte wegstirbt und den Sohn, der die Mutter verliert, jetzt liegt da einer in Afghanistan auf der Straße, sieht eine Sandale, murmelt ständig „Ich bin Arzt“, erinnert sich an eine Bombe, die explodierte und an eine Frau, die er möglicherweise erschoßen hat.
„Ist das Kolportage oder nicht?“, fragte später die Jury „und darf solche sein?“
Ich fand es interessant von den Konflikten dieser Welt zu erfahren und konnte mir die Gehirnerschütterung bzw. das Entstehen oder auch die Verhinderung einer posttraumatischen Belastungsstörung gut vorstellen und es ging auch gleich weiter mit dem Krieg, entführte uns die Lyrikerin Maja Haderlap doch gleich weiter zu den Kärntner Partisanen und erzählte in sehr schönen Bildern und eindringlichen Worten von einem Wald, einem Vater, einer Tochter und, wie das damals war, wo die, die ihren Hof nicht gleich verlassen wollten, vor Ort erschoßen wurden und den Erinnerungen des Kindes, für das das Wort „Dachau“ zunächst einmal etwas Normales war. Im Portrait hörte man, daß Maja Haderlap lange brauchte diese Erinnerungen, die jetzt in einem Roman erscheinen werden, aufzuschreiben. Die Jury lobte die schönen Bilder und das literaturcafe.de twitterte „wenn nichts besseres mehr kommt, war das definitiv die Preisträgerin“.
Ich habe nichts dagegen, bin ich ja für Österreicherinnen für den Bachmannpreis, ob es sich für die erste Reihe ausgeht, wird sich weisen, hat ja Thomas Klupp noch nicht gelesen und mit Julya Rabinowich wartete auch eine Anwärterin, obwohl die Jury mit ihrer ihrer aggressiven Frauengestalt nicht sehr viel anfangen konnte. Der Aufstieg der 1970, in Petersburg geborenen Autorin, den ich in den letzten Jahren hautnahm miterleben konnte, ist sehr interessant, begann er doch, wie auch bei einigen anderen, mit Christa Stippingers Exilpreis-Werkstatt, zumindestens kenne ich sie von dort her. 2008 ist das Buch „Spaltkopf“ dort erschienen, das dann eine Verlagsprämie bekam und plötzlich überall gelobt wurde. In Rauris hat sie, glaube ich, damit gewonnen, bei der Margaretner-Art daraus gelesen und bei „Rund um die Burg“ zog es ein Stadtrat plötzlich auch aus der Tasche und empfahl es zu lesen, jetzt ist noch ihre „Herznovelle“ erschienen und kleines Detail am Rand, während des Bachmannpreises vor zwei Jahren, bin ich in die Hauptbücherei zu einer Lesung einer anderen Exilpreisteilnehmerin gegangen, habe dort Julya Rabinowich getroffen und über ihr Selbstbewußtsein sehr gestaunt und das hatte sie auch bei der letzten Buch-Wien, als sie Otto Brusatti in den Klassik Treffpunkt brachte und den sie, glaube ich, mit ihren Musikgeschmack verwirrte. Jetzt hat sie ihr Selbstbewußtsein auch durch ihre Analyse der Gruppendynamik der Jury, wie ich in einem Interview hörte, unter Berweis gestellt. Am Montag hörte ich in einem anderen Interview von einem globalisierten Roman, an dem sie gerade arbeitet und daraus war wahrscheinlich auch der Text „Erdfresserin“, der mit „In Leos Wohnung war es sehr heiß“, begann und eine auf dem ersten Blick vielleicht nicht sehr sympathische Frau schildert, die aber sehr offen ist und in dieser schonungslosen Offenheit von sich und diesen Leo, den sie pflegt, liebt oder betreut und von dem sie auch einiges, wie seine Briefe oder Familie fernhält, es geht auch um ihren Sohn und ihre Mutter und die Jury interpretierte, daß es sich dabei um eine osteuropäische Pflegerin handelt, die sich prostituieren muß. Nun ja, ein starker Ton und eine starke Sprache. Das literaturcafe mokierte sich über ihre Frisur und ob sie damit in die erste Reihe kommt, wird sich weisen. Dann gab es einen Film in dem Katja Gasser Peter Turrini interviewte und am Nachmittag noch zwei starke Stimmen von zwei jungen, mir bisher unbekannten Autoren. Die erste war die 1980 geborene, in Berlin lebende Autorin Nina Bußmann, die in ihrem Portrait einen Vortrag über Biber hielt und dann in „Große Ferien“ sehr präzise und genau von einem alten Lehrer erzählte, der im Garten Unkraut jätet.
„Ist er auch zwangsneurotisch?“, wird die Jury später fragen, das wieder zurücknehmen und stattdessen wissen wollen, ob Herr Professor Schramm vielleicht schwul war und, wie sein Verhältnis zu dem Schüler Waidschmidt aussah, der mit ihm spielte, ein Pornoheft auftauchen ließ und gegen den er dann die Hand erhob oder auch nicht. Wird vieles ja nur angedeutet und bleibt im Vagen. Der Text und die genaue Sprache der jungen Autorin, der mir ebenfalls gefiel, wurde aber sehr gelobt und auch Steffen Popps „Spur einer Dorfgeschichte“, 1978 in Greifswald geboren, gab viele Rätsel auf. Drei Persoenen durchstreiften da ein Dorf in der ehemaligen DDR und „ließen den Leser“ denken, wie die Jury postiv anmerkte. Das literaturcafe , dessen Tweeds ich zwischendurch verfolgte, verriet indessen, daß sich der Autor, das Tischtuch seines Hotels, um den Hals gebunden hat. Er verzichtete auch auf ein Video und verwies stattdessen auf ein Filmchen, wo ein Sessel hin- und hergestoßen wird, ein Gefühl, das ich bei meinem Schreiben ebenfalls gut kenne. Das wars vom zweiten Bachmannlesetag. Cecile Schortmann, die im Garten zu Mittag und am Schluß immer interviewt, sprach noch kurz mit dem slowenischen Übersetzer und Dichter Fabjan Hafner und wünschte einen schönen Nachmittag am Wörthersee, den kann ich mir nicht geben, dafür werde ich mit dem Rad nach St. Pölten fahren, mal sehen, vielleicht gibt es da das Hauptstadtfest.

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