Literaturgefluester

2011-07-11

Wüste

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:12

„Wüste“ ist ein Roman von J.M.G.Le Clezio, dem Nobelpreisträger von 2008, den ich damals im Oktober nicht gekannt habe, inzwischen habe ich das zweite Buch von ihm gelesen.
Seinen eher experimentellen Roman „Das Protokoll“, habe ich vor einem Jahr in einer freien Entnahmkiste gefunden, als das Wien-Souvenier Geschäft in der Kettenbrückengasse geschlossen wurde.
„Wüste“ gab es zu Jahresende, bzw. Jahresanfang in der Thalia-Abverkaufskiste in der St. Pöltner Kremsergasse und es scheint ein etwas typischer Le Clezio-Roman zu sein und ist auf jeden Fall sehr poetisch. Zwei Handlungsstränge sind ineinander geflochten. Da zieht einmal im Winter 1909-1910 eine Karawane durch die Wüste. Wir begegnen dem jungen Nour, lesen schöne Landschaftsbeschreibungen, erfahren vom Hunger und dem Sterben und auch einigen kriegerischen Handlungen.
Die zweite Handlung spielt Jahrzehnte später. Wir lernen die junge Lalla kennen, die von einem berühmten Wüstenstamm abstammt, in der Cite bei einer Tante lebt, nachdem ihre Mutter gestorben ist, aber sehr naturverbunden ist. Sie geht ans Meer, läßt sich vom alten Fischer Naman und ihrer Tante Geschichten von ihrer Herkunft und von einem geheimnisvollen blauen Mann erzählen, geht auch zu dem Hirten Hartani, der zwar nicht taub ist, aber die Menschensprache nicht spricht und nach der Tante und deren Söhne kein guter Umgang für Lalla ist, der ihr aber das Licht in den Grotten und andere Naturschönheiten zeigt.
In der Cite ist man sehr arm, es gibt aber schöne Stunden im Badehaus und bei den Festen nach dem Fasten, wo ein Hammel geschlachtet wird und die Tante Mehlkrapfen bäckt und obwohl das Ganze weitab von jeder Zivilisation zu spielen scheint, gibt es doch Micky Mouse Hefte, die die Söhne der Tante, der Analphabetin Lalla manchmal zeigen, sie trinkt auch gelegentlich ein Fanta und der Fischer Naman, der einst in Marseille Koch war, nennt ihr die Namen fremder Städte: Sevilla, Algeciras, Granada, Madrid. Irgendwann soll Lalla auch zu einer bösen Frau in einer Teppichknüpferei arbeiten, sie verläßt sie aber, weil sie die anderen Kindern schlägt, ja Lalla ist sehr selbstbewußt und es kommt auch ein Mann in einem grau-grünen Anzug zu der Tante und bringt Geschenke, ein Radio und Konserven und will Lalla dafür heiraten, was sie nicht will, so daß sie, nachdem der alte Fischer Naman stirbt, ein Stück Brot in ihre Tasche steckt und die Cite verläßt. Sie eilt mit dem Hirten Hartani durch die Wüste und verbindet sich dabei mit ihm. Dann kommt wieder ein Einschub in die Vergangenheit und in das Leben der Karawane, bevor in dem Kapitel „Das Leben der Sklaven“ Lalla in Marseille gelandet ist. Sie ist mit einem Schiff des roten Kreuz dorthin gekommen und seltsamerweise trifft sie ihre Tante dort, die in einem Krankenhaus arbeitet. Lalla, die von Hartani schwanger ist, hüllt sich in einen dunklen Mantel, streift durch die Straßen, lernt den Zigeunerjungen Radicz kennen, setzt sich ans Meer und beginnt in einem Hotel zu arbeiten, wo die Ärmsten der Armen, wohnen. Irgendwann läßt sich Lalla vom Hotelbesitzer auszahlen, nimmt das Geld und geht mit Radicz damit in ein Kaufhaus, wo sie sich einen Nagellack und einen Lippenstift, aber auch eine Jeans und ein T-Shirt kauft, damit mit Radicz in ein feines Restaurant essen geht und dort von einem Fotografen entdeckt wird, der eine Berühmtheit aus der Wüstenschönheit macht.
„Aber sie erkennt“, steht in dem Buchbeschreibungstext, „daß sie ein Kind der Wüste ist“, das heißt sie fährt dorthin zurück, um ihr Kind zur Welt zu bringen.
Ein sehr beeindruckendes, sehr poetisches Buch, das vielleicht nicht ganz realistisch ist, aber dennoch in sehr eindrucksvollen Worten vom Leben in der Natur Afrikas, in den Slums und dem starken Selbstbewußtsein einer Wüstentochter erzählt.

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