Literaturgefluester

2011-07-13

Ludwig muß sterben

Filed under: Uncategorized — jancak @ 20:55

Es ist ein seltsames Buch, der erste Roman des 1964 geborenen Thomas Hettche, „Ludwig muß sterben“, den er, da 1989 erschienen, offenbar sehr jung geschrieben hat. Sehr poetisch und schwer verständlich, bzw. auf vielerlei Weise zu deuten. So steht auch auf der Buchrückseite „In seiner bildkräftigen und suggestiven Prosa erkundet Thomas Hettche die Macht und Ohnmacht der Sprache und lotet die Grenzen des Erzählbaren aus.“
Es gibt einhundertvierundachtzig Seiten und fünfunddreißig Kapitel, die jeweils schöne Titel tragen, beginnen tut es im Nullkaptiel mit einem Wiederbelebungsversuch in Coney Island 1940 und endet „als flatterte das Buch noch dort, die Seite in der Hand, das Photo mit dem Titel:“
Dazwischen wird ein namensloser Ich-Erzähler, von dem man auch sonst nicht viel erfährt, für ein Wochenende, Freitag bis Dienstag aus der Psychiatrie entlassen, um die Zeit bei seinem Bruder Ludwig zu verbringen. Aber der offenbar herzkrank und nach einem Infarkt ist an die ligurische Küste gefahren. So kommt der Protagonist in die Wohnung und beginnt in Büchern und einem Anatomieatlas von Gefrierschnitten etc zu lesen. Plötzlich tauchen zwei Besucher, ein junges Mädchen, das offenbar aus dem Buch mit den Gefierschnitten entsprungen ist und ein alter Mann auf, die Bademäntel tragen und sich in der Wohnung einmieten. Der alte Mann erzählt ein Märchen vom Gevater Tod, der hatte ja ein Patenkind, das ein berühmter Arzt wurde, weil er immer wenn er an das Bett des Kranken trat, sah, ob der Tod am Fuß- oder Kopfteil stand.
Der Protagonist kennt sich mit seinen Gästen nicht aus, weiß nicht, ob sie wirklich oder Wahnvorstellungen sind, überlegt schon seinen Arzt Dr. Minks davon zu verständigen. Er scheint aber auch in Kontakt zu seinem Bruder zu treten und zu sehen, was der gerade an der ligurischen Küste macht. Er trifft ein Mädchen, eine Studentin aus Triest namens Lene und der Protagonist versucht vor seinen Gästen in ein Kino zu flüchten. Das Mädchen aus dem Buch ist aber ebenfalls dort und liegt auch in der Nacht neben ihm im Bett. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden und der alte Mann in der Küche, der schon die Hörnchen aus der Tiefkühltruhe holte und Kaffee gekocht hat, stellt sich als Dr. Tichtel aus Wien vor, der inzwischen auf der ganzen Welt praktiziert, sein Diplom aber im fünfzehnten Jahrhundert vom Kaiser oder König in der Stephanskirche erhalten hat und er erzählt von seinen Erfahrungen, die er mit dem Tod machte, als er ihn auszutricksen versuchte. Es gibt aber Zeitsprünge, deshalb ist das Mädchen auch dem Atlas entsprungen und jetzt mußte sie, Dr. Tichtel, nennt sie nur „unsere französische Freundin“ plötzlich verreisen. Der Protagonist beginnt zu ahnen, daß sie zu Ludwig will und sendet ihm ein Telegramm, um ihm zu warnen. Dr. Tichtel schüttelt nur müde den Kopf und verläßt im Bademantel die Wohnung. Inzwischen erlebt der Protagonist Ludwigs Herzschmerzen und studiert auch Bücher in denen die chronische Karonarinsuffizienz beschrieben wird. Ludwig reist inzwischen mit Lene nach Triest oder Venedig, der Protagonist erlebt das alles mit und windet sich in Schmerzen bzw. im Sperma und sieht am Schluß, während Ludwig sterben muß oder schon gestorben ist, ihn in einem Hotelzimmer, wo er und Lene nur zwei Einzelzimmer bekommen konnten, weil das letzte Doppelzimmer gerade ein anderes Paar bezogen hat, ihn am Gang ein Mädchen mit weißen Bademantel treffen, das ihn auf Deutsch anspricht.
Ein äußerst seltsames Buch, eines sehr jungen Mannes, der Germanistik und Philosophie studierte, von 1995 bis 1999 Bachmannpreisjuror war und 2010 mit „Die Liebe der Väter“, auf der Longlist des deutschen Buchpreises stand, in einer sehr poetischen wunderschönen Sprache geschrieben, das verschiedene Deutungen zu läßt, der Psychotherapeutin fallen da natürlich die Wahnvorstellungen eines Schizoprenen ein, das mit dem „Ausloten der Grenzen der Sprache“ habe ich nicht so gesehen oder auch nicht verstanden. Nach dem Intensiven Bachmannpreishören, das ich gerade hinter mir habe, fällt mir natürlich das Neue ein, das dort gefordert wurde und das scheint, sowohl 2011, wie auch 1989 in der Sprache zu liegen. Und ein Märchen ist es natürlich auch, beziehungsweise ist darin ja eines, wenn ich mich nicht täusche, der Brüder Grimm verborgen, neben den poetischen Sätzen, einer „Butter die vergilbt“, wird aus Fachbüchern zitiert und eigentlich ist es eine sehr schön erzählte Geschichte, obwohl einer, der wirklich eine Paranoia hat, sie wahrscheinlich ganz anders erlebt.

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