Literaturgefluester

2011-07-16

Ein Stück trockenes Brot

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:07

Auf meinem Harlander Bücherstapel liegt seit mehr als zwei Jahren ein kleines dünnes Büchlein „Ein Stück trockenes Brot“, ausgewählte Erzählungen von Josef Burg, das ich im Mai 2009 von Theodor Kramer Preis, der damals an den noch in Czernowitz lebenden, Jiddisch schreibenden Dichter vergeben wurde, mitbrachte. Alfred hat mir damals zwei der dünnen im Hans Boldt Verlag erschienenen Bändchen, in denen das Werk auf Deutsch erschienen ist, geschenkt. Da meine Leser wissen, daß ich nicht so gerne dünne Erzählungen lese, sondern lieber zu dicken Romanen greife, werden sie sich nicht wundern, wieso das Buch bis jetzt liegen geblieben ist. Aber jetzt habe ich meine Hundert-Bücher-Liste und lese alles auf und das zweite Bändchen „Begegnungen – Eine Karpatenreise“, habe ich auch im August 2009 gelesen, nachdem Josef Burg am 2. 8. 2009 gestorben ist. Dem Namen und dem Dichter bin ich aber im österreichischen Rundfunk und durch die Theodor Kramer Gesellschaft immer wieder begegnet und auch die Titelgeschichte habe ich schon zweimal gehört und habe auch noch ein drittes Bändchen aus dem Hans Boldt Verlag, nämlich „Über jiddische Dichter“, das mir einmal, der Verlag oder die Theodor Kramer Gesellschaft mit der Bitte vor Weihnachten zusandte, ich solle etwas spenden, damit Josef Burg in der Ukraine seine Krankenpflegerin zahlen kann. Es gab auch im Oktober 2008 eine Benefizveranstaltung im alten Rathaus, wo man auf das Wohl von Josef Burg ein Achterl trinken konnte und Felix Mitterer „Ein Stück trockenes Brot“ las. Bei der Kramer Preis Verleihung in Krems Stein vor zwei Jahren hat er sie auch gelesen und jetzt war der Erzählband an der Reihe, was auch gut passt, naht sich bald der zweite Todestag, so daß ich an einen der oder dem letzten in jiddischer Sprache geschrieben habenden Dichter erinnern kann. Das hat er auch selber immer wieder getan, so handelt auch das Bändchen über „Jiddische Dichter“, das ich ebenfalls gelesen habe, davon und Josef Burg zu lesen ist auch höchst beeindruckend, zieht er doch gekonnt einen Bogen durch sein literarisches Schaffen und wechselt von der Erzählung zu seinen natürlich sehr reichhaltigen und höchst historischen Lebenserinnerungen.
So beginnen die ausgewählten Erzählungen mit der Geschichte „Einsamkeit“. Da sitzt eine vierzigjährige, aber trotzdem schon gealterte Wäscherin mit roten Händen am Abend einsam in ihrem leeren Haus und denkt über ihr Leben nach. Vor zwanzig Jahren war sie jung und das Haus hell erleuchtet, sie trug ein geborgtes Hochzeitskleid und der Tisch bog sich vor Hochzeitsspeisen von geborgten Geld, gab es doch ihre Hochzeit mit Sunje, dem Holzfäller zu feiern, der am Morgen in den Wald mußte und dort von einem Baum erschlagen wurde. Geblieben ist die Not und der Ring am Finger, da läutet jemand an der Tür des dunklen Hauses an und bittet für eine milde Gabe, weil er für eine Waise eine Hochzeit ausrichten muß. Sie schaut auf ihre Hand, nimmt den Ring herunter und beichtet das schuldbewußt am nächsten Tag, das am Grab dem Ehemann, der sie dafür segnet.
Dann geht es weiter in die Geschichte eines langen Lebens. Von dem jüdischen Forscher und Kritiker Schatz-Anin wird da erzählt, den Josef Burg, der ja, glaube ich, in Wien studierte, 1937 im Cafe Central kennenlernte und dessen Tochter er viel später in Riga trifft.
„Am Zugfenster“ erzählt von einer Fahrt auf die weißrussische Grenze hin, ein Mann sitzt im Zug und zeigt wo „1941 schwere, erbitterte Kämpfe stattgefunden haben. Die Deutschen rückten auf Moskau vor.“ und dann auf die Felder „wo der Horizont ist, dort liegen meine Eltern zusammen mit Hunderten anderen ermordeten Juden..“
Im Zug sitzt noch eine junge Krankenschwester, die ein jiddisches Buch liest, außerdem gibt es einen „kräftigen etwa sechzigjährigen Mann, sehr blond und hager“, von dem sich herausstellt, nachdem der den Erzähler auf Deutsch anspricht, daß er aus Memel ist und „offenbar zu den sogenannten „Volksdeutschen“ gehörte, die 1940, verführt von der Nazi-Propaganda, ihre angestammte baltische Heimat verlassen hatten.“
Ganz am Schluß gibt es dann die Titelgeschichte „Ein Stück trockenes Brot“, die ebenfalls sehr beeindruckend ist.
Da geht es um das „Gedenken an Babi Jar, das sich zum fünfzigsten Mal jährte“. Ein alter Mann, der etwas, das in ein schmutziges Tuch eingewickelt ist, in Händen hält, steht neben dem Mädchen Miriam und erzählt ihr seine Geschichte. Vor fünfzig Jahre war er zwanzig, wie sie heute und „war in jenem schrecklichen September 1941 auch dabei, als die Nazis unser Volk erbarmungslos vernichteten.“ Er sollte auch erschoßen werden und war schon in der Grube mit den Toten, konnte sich aber retten und flüchten, dabei hat er einen Bettler getroffen, der ihm ein Bündel mit einem Stück trockenen Brot gegeben hat, ihm aber sagte, daß er es nicht essen, sondern aufheben solle. So ist er damit durch die Wälder geirrt, bis er endlich zu den Partisanen kam, als er dann das Bündel öffnete, bemerkte er, es war ein Stück Holz darin.
Und weil es zum heutigen Tag passt, an dem Otto Habsburg in der Kapuzinergruft begraben wird, zitiere ich auch das Nachwort in dem steht, daß „Am 17. Juni 2007 der ungefähr gleichaltrige Otto von Habsburg mit Begleitung den „Österreicher Josef Burg“ in Czernowitz besucht und ihm damit gezeigt hat, daß er nicht vergessen ist.“

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2 Kommentare »

  1. Den erwünschten Kommentar kann ich leider (noch) nicht abgeben, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe. Ich werde es jedoch umgehend mir besorgen.
    Frage dazu: Liegt das Buch in jiddisch und deutsch vor? Wenn ja, möchte ich mir dann beide Ausgaben besorgen, um vielleicht etwas dabei zu lernen. Beste Grüsse! Maximilian Riedl

    Kommentar von Maximilian Riedl — 2012-06-04 @ 15:58 | Antwort

  2. Das weiß ich zwar nicht so genau, weil ichs auf Deutsch gelesen habe, ich denke aber schon, die Auskunft kann man sicher beim Verlag erfragen und Burg hatte ja jetzt auch gerade ein Jubiläum, so daß die Geschichte, glaube ich, erst im Radio gesendet wurde.

    Kommentar von Eva Jancak — 2012-06-04 @ 18:07 | Antwort


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