Literaturgefluester

2011-08-05

Das Schiff auf den Schienen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 20:54

„In Nordostpolen zwischen den Tälern der unteren Weichsel und der Memel befinden sich drei verzweigte Schiffahrtswege, die die touristische Aktion der Gegend bilden, der Augustov Kanal, die Masurischen Seen und der oberländische Kanal, letzterer ein Baudenkmal der hydrograpischen Kunst, das es inzwischen nur mehr in Polen gibt“, lese ich im Reiseführer und der Alfred ist im Vorjahr schon auf dieser Strecke gefahren und hat die Fotos von dem Schiff, das auf Schienen durch den Kanal gezogen wird, gezeigt.
So sind wir auch nach Elblag gefahren. Direkt neben dem Kanal liegt der kleine Campingplatz, der hauptsächlich von älteren Deutschen mit ihren großen weißen Wohnmobils bevölkert ist, der Nachbar neben uns fährt mit seinem breiten Motorrad in der schwarzen Lederjacke ein, das er dann umständlich im eigenen Anhänger verstaut. Das Klo mit den Duschen ist geheizt, in den kleinen Vorgärten gibt es zwar keine Gartenzwerge, aber etwas Ähnliches auf polnische Art. Der Campingmeister fährt mit seinem Fahrrad seine Runden, um nachzuschaut, ob alles in Ordnung ist.
Wenn man den Kanal an den Anglern und den Liebespärchen vorbei, hinuntergeht, ist man bald an der Schiffsanlegestelle, am Abend stehen die kleinen schmalen Boote schon bereit, mit denen man an geraden Tagen, die halbe Strecke, an ungeraden die ganze fahren kann.

Wir entscheiden uns für die große Tour und warten einen Tag länger, was nichts macht, gibt es ja eine im Krieg zerstörte, wieder aufgebaute Altstadt zu entdecken und den kleinen Bäckerjungen, der mit seiner Schaufel vor dem Markttor steht, mit der hat er die Stadt im sechzehnten Jahrhundert vor den Angriffen der Kreuzritter gerettet, so kann man heute seine Nae angreifen, was angeblich Glück bringt, deshalb glänzt sie immer goldig und glatt. Auf den Markttorturm kann man hinaufsteigen und auf die Stadt hinuntersehen. Die Nikolauskirche kann man besichtigen und in einem der Lokale Piroggen essen, so geht der Tag herum, am Sonntag besichtigen wir die Marienburg, die ihre Gründung den Kreuzrittern verdankt und am Montag geht es um neun Uhr morgens los. Drei Schiffe stehen schon bereit, durch die man hindurchgehen kann, die Kapitäne haben ihre Listen, wo sie nachschauen können, wer sich angemeldet hat und auf wen man noch warten muß. Dann geht es los mit einem sehr vollbesetzten Schiff. Vor mir sitzt ein kleiner älterer Mann mit seinem Rucksack ganz allein, alle anderen Plätze sind besetzt, ein paar der mit dem Bus von Osterode hergebrachten, müssen unten Platz nehmen und kommen herauf, wenn das Schiff durch die Schleusen fährt oder den Berg hinaufgezogen wird. Dann springen alle auf, um zu fotografieren, seltene Wassertiere wie weiße Reiher und natürlich Biber gibt es auch. Im Führer steht, daß man sogar manchmal einen badenden Hirsch beobachten kann, den habe ich nicht gesehen, aber eine Landschaft, ähnlich wie der Neusiedlersee. Neben uns hat ein polnisches Ehepaar einen großen Sack mit Reiseproviant mitgebracht, Kaffee und Tee in einer Thormosflasche und beginnt ihn auszuteilen, ein kleines Mädchen mit einem dicken Zopf kommt herauf und wird fotografiert.
Die lange Strecke geht von Elblang bis nach Osterode achtzig Kilometer und dauert den ganzen Tag, so gibt es um zwei Uhr Mittagessen, das auf der Mittelstation eingeladen wird, drei Conainer und zwei Töpfe in denen der Krautsalat enthalten ist, werden hereingetragen und von der Frau, die die Getränke und die Würstel verkauft, ausgeteilt. Das Essen ist so gut isoliert, daß es noch sehr warm auf den Tisch kommt, es gibt Krautsuppe, Schnitzel mit Kartoffelpüree und Krautsalat. Wir essen es am Deck oben auf den Knie und zerteilen das Schnitzel mühsam mit den Plastikmessern.
Die meisten der Schleusen und der Schienenstrecken sind inzwischen vorbei, nun wird der See breiter, man kann die Landschaft sehen und natürlich auch die entgegenkommenden Boote, dann winken alle, fotografiert wird immer noch.

Dem alten Mann von mir, von dem ich schon gedacht habe, daß er Deutscher ist, ist sein Rucksack heruntergefallen, ich hebe ihn auf uns spreche ihn an, von diesen Moment an beginnt er zu reden und erzählt mir, daß er, seit er in Pension ist, er schon achtundsiebzig, viel herumreist und schon ganz Europa gesehen hat. Er wohnt auch auf dem Campingplatz und zwar in einem Dachzelt auf dem kleinen Auto, das dem Alfred schon vorher aufgefallen ist und nach Polen kommt er überhaupt sehr oft und hat hier auch viele Freunde. Nikoleiken mag er nicht so gern , erzählt er mir, weil ihm das zu protzig ist, da bevorzugt er die kleineren Orte und auch die Masuren, Neuland für mich, sind ihm schon bekannt. Er zeigt mir auch die Fotos von seinen Enkelkindern und erzählt mir von seiner sechundneunzigjährigen Mutter, die immer noch sehr rüstig, in einem Seniorenheim lebt und wir passieren die letzte Schleuse. Jetzt ist es nur noch eine Stunde oder zehn Kilometer bis Osterode. Wir haben schon Verspätung und sollten eigentlich schon angekommen sein, sind aber am Morgen später abgefahren. Osterode scheint auch ein emsiger Ausflugsort mit Strandcafes und einer Restaurantzeile zu sein, wir haben aber keine Zeit es anzusehen, wartet der Bus ja schon gegenüber dem Hauptpostamt, so daß wir gerade noch die Ansichtskarten, die wir in der Marienburg gekauft haben, einwerfen können. Dann wird eingestiegen und der Bus bringt uns nach Elblag zurück.

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