Literaturgefluester

2011-08-10

So wie du kann jeder aussehen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 08:37

Was nimmt man in den Urlaub nach Polen als Reiselektüre mit? Ich habe mich für den 2010 bei der Edition Exil erschienenen Erzähl- und Fotografienband „So wie du kann jeder aussehen“, des 1981 in Walbrzych geborenen Grzegorz Kielawski entschieden, ein auch gerade Dreißigjähriger, obwohl das Buch nicht viel mit Ostpreußen zu tun hat und ich mich um das Lesen von Erzählungen meistens herumdrücke und ich war, kann ich mich erinnern, als ich das Buch von der letzten Buch-Wien mitgebracht habe, auch ein wenig enttäuscht, keinen Roman vor mir zu haben, aber den schreibt Grzegorz Kielawski, habe ich irgendwo gelesen, gerade und die autobiographischen Erzählungen lassen sich irgendwie auch als Fortsetzungen betrachten, obwohl in dem Wenigen, was sich über das Buch im Internet finden läßt, von Studenten und Studentinnen als Protagonistinnen geschrieben wird, habe ich beim Lesen das Ich des Autors vor mir gesehen und da ist vieles passend.
Grzegorz Kiewalski wurde in Walbrzych geboren, ich habe mir vom Alfred auf der Karte zeigen lassen, wo das liegt, in der Nähe von Breslau habe ich mir gemerkt und eine Zugfahrt nach Breslau, um sich von dort Beethooven CDs zu holen wird auch beschrieben, wie lange Kielawski schon in Wien ist, kann ich jetzt nicht finden, er hat dort jedenfalls Germanistik studiert, ist Redaktionsmitglied des „zeitzoos“, das ist eine experimentelle Kunst- und Literaturzeitschrift um Nikolaus Scheibner, hat 2007 beim Exil-Literaturwettbewerb gewonnen, ist seit 2009 in der GAV und hat 2009/2010 ein Staatsstipendium für Literatur bekommen. Ich kenne ihn seit der GAV Neuaufnahmelesung 2010, bzw. seit der Exil-Preisverleihung, 2009 habe ich seinen Lebenslauf nachgegooglet und 2010 hat er ich beim Tag der Freiheit des Wortes beim improvisierten Buffet den Wein ausgegeben.
Das Buch besteht aus acht Erzählungen und einen Fototeil, der Fotos aus Polen, Wien, Österreich und dann noch welche zum Thema „Abbau“ und „Rücken“ zeigen. Die Erzählungen haben immer ein Ich als Ausgang und sezieren, wie am am Buchrücken steht „in feinen Nuancen und genauen Zwischentönen seine Protagonisten, zeigen sie uns in ihrem Alltag, und führen uns in aufregend klarsichtiger Prosa voll sprachlicher Präzision und poetischer Kraft die Absurdität des Realen vor Augen“, das habe ich wie, bemerkt, gar nicht so empfunden, die sachlich distanzierte Darstellung schon und wenn man so will, kann man Zusammenhänge in den Texten sehen.
So wird in „Parallelen“ auch der Achtzehnjährige im polnischen Wohnblock, dem Dreißigjährigen, der „schon wochenlang einen ausgeschossenen, überbelichtigen Film mit sich herumträgt“ gegenübergestellt. Daß das Fotografieren für Kielawski wichtig ist, kommt auch in den anderen Texten, in denen er von seinen Eltern, seinen jüngeren Bruder mit dem er das Zimmer und manchmal auch die Freundin teilt, immer wieder vor. Da werden die Filme genau beschrieben, die er von seinen Eltern als Hauptdarstellern macht.
„Die Mutterphase beginnt mit einem Film, in dem meine Mutter eine Gemüsesuppe kocht. Sie schaut ab und zu in das Objektiv, rührt im Topf und beginnt nach einigen Sekunden leicht zu tanzen…“
Die Angina an die der Jugendliche leidet, wird beschrieben und die Trennungen von den Freuninnen.
In „Parallelen“ geht es auch um das Schreiben eines Romans in dem „die erste Szene am Anfang stehen würde“.
Kielawski experimentiert viel herum, macht sich Gedanken uber das Leben und beschreibt das Ganze sehr exakt. Die Absurdität des Lebens, habe ich wie erwähnt, nicht so empfunden, mehr die Genauigkeit, wie da einer, fast, wie mit einer Kamera sein Leben nachzeichnet und die Lebensphasen immer wieder in Parallelen nebeneinanderreiht oder auch vermischt.
In „Der Übertragene“ geht es über das Übersetzen und um die polnische Sprache, auch etwas das für Kielawski sicher autobiographisch ist.
„Das Verschwinden in der Fremdsprache ist einfach und genauso ungehört wie das Verschwinden in der Muttersprache. Am Anfang war die Frage nach meiner Herkunft nur eine Frage der Zeit. Um sie zu vermeiden, mußte die Übersetzung meiner Person sehr gut werden, vielleicht sogar kongenial. Seitdem ich vielleicht kongial übersetzt worden bin, höre ich die Frage „Woher kommst du?“ relativ selten.“
In „Adagio affettuoso ed appassionato und Sidney`s Sizzler“ geht es um Musik. Da beschreibt er wie erwähnt, daß er, nachdem er bei einem Freund ein Streichquartett Beethovens hörte, im Internet das Gesamtwerk bei einem Privatverkäufer bestellt und es am Hauptbahnhof von Wroclaw abholt.
„Zweihundert Zloty für vierzig neuverpackte Compact Discs. Der Zug brauchte von Walbrzych nach Wroclaw zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück.“
In „Ich wünschte mir vor dem Einschlafen, die Nacht endet nie“, war der Handlungsfaden noch weniger, als in den anderen Texten zu finden, geht es da doch sehr abstrakt, um die Erinnerungen an die Sportstunden in der Schule, an die das Ich denkt, als es eine Ambulanz besucht. Sehr distanziert und genau, wird hier von der Schule erzählt. Die behauptete Absurdität findet sich vielleicht in Sätzen wie „In den Pausen wurde geredet, es wurden Hausaufgaben nachgeholt und schwächere beziehungsweise untypische Schüler gequält. Ich beteiligte mich nicht an diesen Torturen, weder als Mittäter, noch als Spaßverderber. Manchmal folgte auf die Sportstunde Chemie.“
In „Silvester 2006“ wird etwas konkreter mit „Alles ist melancholisch“ ein Silvesterabend beschrieben, den das Ich mit „Renate, Tomek und Gaja verbringt.“
So geht es durch das ganze Buch, das man eigentlich beliebig von vorne nach hinten oder auch zwischendrin lesen kann.
Am Schluß gibt es eine Zusammenfassung „1980 begann der polnische Liebessommer und endete drei Jahtre später mit einer guten Geburtenrate. Wie viele Kinder hast du? Zwei. Ich drei. Alle hatten Kinder. Die Zukunftssorgen schienen überschaubar. Es gab zwei Fernsehkanäle.“
Erin interessantes Buch eines interessanten Autors, der zeigt, daß man sein Leben auch sehr sachlich sezieren von hinten nach vorne erzählen kann. Ich habe das Buch, wie erwähnt an der masurischen Seenplatte gelesen und freue mich schon auf das Fertigwerden des Romans.

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