Literaturgefluester

2011-08-29

Sweet Sixteen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:14

„Sweet Sexteen“ von Birgit Vanderbeke, 2005 bei S. Fischer erschienen, wird mit seinen hundertachtunddreißig Seiten, nicht als Roman bezeichnet, sondern wie am Buchumschlag steht, als „hinreißende Komödie und Aufruf zu eigenem Leben“, vor allem ist es aber eine sehr brillant geschriebene Satire auf unsere Gesellschaft.
Plötzlich verschwinden Jugendliche an ihrem sechzehnten Geburtstag, vorher feiern sie mit ihren Eltern beim Frühstück, bekommen eine Torte mit Gummibärchen und eine CD oder ein anderes Geschenk, dann packen sie ihren Laptop in den Rucksack, gehen zur Schule und werden nie mehr gesehen.
Die nicht sehr interessierte Polizei tröstet die Eltern „Die finden wir schon durch ihre Handys“.
Aber die werden fremden Leuten zugeschickt oder landen in den Mülltonnen und nach und nach wird klar, das sind keine Gewaltverbrechen, sondern die Jugendlichen tauchen unter, weil sie sich von den Erwachsenen nicht verstanden fühlen und nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen.
Als der Sohn einer bekannten Fernsehmoderatorin verschwindet, wirds auch für die Presse interessant, „Heuser-Phänomen“ oder „Meskomanie“, nach dem ersten verschwundenen Jugendlichen genannt, es tauchen auch noch blaue T-Shirts auf, auf denen „free your mind“ oder „sweet sexteen“ steht.
Das Ganze wird aus der Sicht einer nicht näher definierten Ich-Erzählerin geschildert, die offenbar ein Trendforschungsbüro betreibt und eine Praktikantin namens Saskia hat, die sich Sorgen um ihren fünzehnjährigen Bruder Josha macht, der auch ein solches T- Shirt trägt. Sie googlen nach und kommen auf den Song von Chuck Berry, eine religiöse Sekte und vieles mehr.
Die Jugendliche geben aber selber Manifeste heraus und beginnen irgendwann Stinkbomben in Einkaufszentren zu legen, in dem sie Sardinen in Autoauspuffe stecken, was die Gesellschaft, die auf das Verschwinden bisher eher gelangweilt reagierte, in Panik treibt.
Erst gibt es Fernsehdiskussionen, dann werden die Eltern durch Rundbriefe aufgefordert besser auf ihre Kinder aufzupassen, eine Sicherheitsfirma kommt auf die Idee einer „Kifi“, einer elektronischen Kinderüberwachungsfessel. Rasterfahndung und Wegweisverbote werden angedacht und einer der Jugendlichen wird auch kurzfristig auf einer Computermesse erwischt und seinem Vater zurückgegeben, am nächsten Tag erscheint aber im Internet der Fußfesselcode und die Sicherheitsfirma stellt den geplanten Börsegang ein. Es wird auch ein Schuldiger gefunden, nämlich Kukutsch, ein Protestsänger aus dem vorigen Jahrhunderts, der in seinen Songs die Kinder zu Widerstand und Protest gegen die ältere Generation aufrief, die die antiautortären Eltern auch ihren Kindern vorspielte.
Kikutsch wird im Talkshows interviewt, weist aber alle Schuld von sich und träumt von einem Leben am Meer und die Gesellschaft ist dem Verschwinden ihrer Kinder, die ihr Leben selber in die Hand nehmen wollen und mit den Erwachsenen nichts anfangen können, hilflos ausgeliefert und kann nichts tun.
„Wie einen Krimi erzählt Birgit Vanderbeke diese so skurile wie phantastische Geschichte“ steht auf dem Umschlagtext.
„Ihr Herz schlägt auf der Seite der Außenseiter, der Spott gilt Medien, Erziehungsberechtigen und der Enge des Gedankens.“
Ich habs ein bißchen schwer verständlich gefunden, da es von Zitaten und Anspielungen nur wimmelt, es ist aber eine Parabel auf unsere Gesellschaft, die irgendwie hilflos macht, denn einiges von dem, was in dem Buch geschildert wird, ist inzwischen Wirklichkeit geworden. So zünden in Paris, London, Berlin Jugendliche Häuser und Geschäfte an und auch die Erwachsenen stehen oft hilflos ihren Kindern gegenüber, kennen sich in ihrer Computerwelt nicht aus und auch die, die es gut meinen, mit den Kindern reden, sich Zeit für ihre Familie nehmen, haben keine Ahnung. Das mit den Fußfesseln, der Rasterfahndung, des Wegweisrechts gibt es alles, wenn auch vielleicht in anderer Form und während die Polizei in Birgit Vanderbekes Buch, Springbrunnen umzäunt, weil der Sänger Kikusch in seinen Songs die Jugendlichen angewiesen hat, Waschpulver in Brunnen zu schütten, sehe ich immer wieder verwundert, wie in St. Pölten vor der Frequency Denkmäler und Steine eingezäunt werden…
Die Geschichte ist brillant und scharf erzählt, eine wirkliche Lösung gibt es aber nicht und ob das Abtauchen in den Untergrund eine Lösung ist, wage ich zu bezweifeln.
Birgit Vanderbeke wurde 1956 in Dahme/Mark geboren, übersiedelte 1961 in den Westen Deutschlands, lebt seit 1993 in Südfrankreich und hat 1999 mit der Erzählung „Das Muschelessen“ den Bachmannpreis gewonnen. Seither hat sie viele Bücher geschrieben. „Alberta empfängt einen Liebhaber“, ist vielleicht genau so bekannt, wie „Das Muschelessen“.
„Geld oder Leben“ habe ich hier schon besprochen. Zuletzt ist „Das läßt sich ändern“, erschienen. Über dieses Buch stoße ich manchmal auf den Blogs und da Birgit Vanderbeke eine sicher interessante Autorin ist, nehme ich mir wieder die Lektüre des „Muschelessens“ vor, das ich ja vor ein paar Jahren von meiner Schulfreundin Edith bekommen habe.

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