Literaturgefluester

2011-09-01

Sommerhaus, später

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:36

Der 1998 erschienene Erzählband „Sommerhaus, später“, der 1970 in Berlin geborenen Autorin Judith Hermann, hat diese zum „Fräuleinwunder“ der Literatur gemacht. Burkhard Spinnen, Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek loben auf der Buchrückseite, die „neuen Töne der neuen hervorragenden Autorin“, die den „Sound der neuen Generation“, zum Klingen brachte und laut Wikipedia, „das Lebensgefühl, der Ende 1990 in Berlin Lebenden Künstler- Studenten-Arbeitslosen-Boheme“ beschreibt und es sind in der Tat sehr eindrucksvolle Geschichten in denen die Kiffer in „melancholisch gefärbten kurzen Sätzen“, die Liebe und das Leben erfahren.
Das beginnt schon in den „Roten Korallen“, in der die Erzählerin, die Frage stellt, ob „der erste und einzige Besuch bei einem Therapeuten, der sie um das rote Korallenarmband der Urgroßmutter und um ihren Geliebten brachte, die Geschichte ist, sie sie erzählen will?
„Ich bin nicht sicher. Nicht wirklich sicher:“
Dann wird in einem lakonisch distanzierten Ton vom Urgroßvater erzählt, der in Rußland Öfen baute, während die Urgroßmutter nicht aus dem Fenster des schönen Hauses am Malyj-Prospekt in die Fremde hinausschauen will. Weil sie sich einsam fühlt, empfängt sie Liebhaber und weil der Großvater ein Korallenarmband an ihr entdeckt, ruft er seinen Freund Isaak Baruw, um sich mit Nikolaij Sergejewitsch zu duellieren, der ihn erschießt, worauf die schöne Urgroßmutter sieben Monate wartet, dann mit der kleinen Großmutter im Weidenkorb, die Nikolaij Sergejewitsch ähnlich sieht, nach Deutschland zurückzufahren. Isaak Baruw nimmt sie mit und dessen fischgrauer Urenkel ist der Geliebte der Erzählerin, die an ihm leidet, weil er nicht spricht, sondern sein Leben nur seinem Therapeuten erzählt, so daß die Protagonistin ein einziges Mal auch zu diesem geht, das Armband unter seinem Tisch zerreißt und der Geliebte im „wassernassen Bett“ auch irgendwie verschwindet…
„War das die Geschichte, die ich erzählen wollte“, aber mein Geliebter konnte mich nicht mehr hören.“
Es wird überhaupt nicht viel gesprochen in Judith Hermanns Erzählungen.
Die „biegsame“ Sonja tut es jedenfalls nicht, die ein anderer Erzähler im Zug kennenlernt, als er von seiner Freundin Verena kommend von Hamburg nach Berlin fährt. Sonja steht da und schaut ihn an, bzw. von ihm weg, dann folgt sie ihm in die U-Bahn, fragt „Soll ich warten“ und drückt ihn ihre Telefonnummer in die Hand. Später ruft er sie an, trifft sie in einem Lokal, erzählt ihr sein Leben, während sie schweigt und verschwindet, um dann eine Zeitlang jede Nacht zu ihm zu kommen, ihm Bücher zu bringen, die er nicht liest. Sex scheint es zwischen den beiden nicht zu geben, er weiß auch nicht sehr viel von ihr, trotzdem sagt sie, daß sie ihm heiraten und Kinder von ihm haben möchte, was ihn so erschreckt, daß er Verena heiratet, worauf Sonja verschwindet, was auch nicht passt.
Ein seltsam altmodisches Lebensgefühl der Berliner Kiffer Generation eigentlich und Sonja trägt auch „ein „unglaublich altmodisches, rotes Samtkleid und stöckelt in viel zu hohen Schuhen“ auf den Erzähler zu und in „Hunter-Tompson Musik“ der einziges Geschichte, die nicht in Deutschland spielt, geht es um das „Washington jeffersen, das kein Hotel mehr, sondern ein Armenhaus für alte Leute und die letzte verrottete Station vor dem Ende ist“.
In diesem Geisterhaus wohnt Hunter und kommt mit seinen Einkäufen aus dem Deli, fragt beim Portier nach Post, obwohl es längst keine gibt, zieht sich in sein Zimmer zurück, um seine Musik zu hören, „Glenn Gould“, während die alte Miss Gil draußen singt. Da klopft plötzlich ein junges Mädchen an seine Tür, das nicht herpasst, erzählt, das man ihr ihren Casettenrekorder gestohlen hätte und will mit ihm am nächsten Abend essen gehen. Sie kommt nicht oder zu spät und er ist auch nicht sehr erfreut darüber, trotzdem hat er in einem Geschäft in dem ein alter Mann sitzt und nichts mehr verkauft, einen Rekorder besorgt, sich seinen Begräbnisanzug angezogen und als sie um zwölf Uhr doch klopft, drückt er ihr mit dem Rekorder auch seine Platten in die Hand.
Die Titelgeschichte ist ähnlich skurril, Stein ist ein Taxifahrer und hat sich durch die Bohemine gebumst und dann ein Haus entdeckt, zu dem er die Erzählerin bringt, es ist auch ein Geisterhaus, ganz verfallen ohne Türen, trotzdem hat er achtzigtausend Mark dafür bezahlt und auch eine Frau mit Kind daraus vertrieben, die der Erzählerin einen Schlüßelbund in die Hand drückt. Zu einem Haus ohne Türen braucht man aber keine Schlüßel, so fährt sie nach Berlin zurück und als sie später in Steins Taxi fährt, sieht sie, daß er Baumaterial darin transportiert. Sie bekommt auch Karten Canitz, in dem er „..wenn du kommst“, schreibst und einen Zeitungsartikel in dem steht, daß das ehemalige Gutshaus in Canitz, das der neue Berliner Besitzer wieder instandsetzte, abbrannte.
„Die Polizei schließt Brandstiftung bisher nicht aus.“
Und so weiter und so fort, ein paar Geschichten sind ein bißchen weniger skurril, sondern drehen sich um Beziehungskrisen, in „Ende von Etwas“ erzählt Sophie von der pflegebedürftigen Großmutter, eine „Camera Obscura“ und eine „Bali-Frau“ gibt es auch und am Ende dankt die Autorin „der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin, der Stiftung Kulturfond, der Akademie der Künste, dem Alfred-Döblin-Haus in Wewelsfleth und insbesondere Katja Lange-Müller, Burkhard Spinnen und Monika Maron für die Unterstüzung an diesem Buch.“
Judith Hermann hat für „Sommerhaus, später“, auch ein paar Preise bekommen und laut Wikipedia lernen müßen „mit dem Druck der Verlage, Öffentlichkeit, Medien umzugehen.“
2003 folgte der Erzählband „Nichts als Gespenster“, der schon nicht mehr so gelobt wurde und 2009 der Erzählband „Alice“, denn Judith Hermann schreibt offenbar nur Erzählungen.
„Nichts, als Gespenster“, habe ich mir von einem der Buchgutscheine ausgesucht, die ich beim „Luitpold Stern Preis“ gewonnen habe, aber noch nicht gelesen, weil ich Erzählungen ja nicht so mag.
„Sommerhaus,später“, habe ich zu Ostern in der Wilhelmsburger Bücher Abverkaufskiste gefunden und als letztes meiner Harlander Listenbücher gelesen und war beeindruckt, weil mir die Erzählungen gut gefallen haben und weil ich jetzt noch ein bißchen mehr kapiere, wie der Literaturbetrieb funktioniert.

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6 Kommentare »

  1. „Alice“ ist mir von Judith Hermann wunderbar in die Hände gefallen, als ich Auseinandersetzungen mit dem Abbleben, mit endgültigen Trennungen suchte. Es ist ein Buch, das nicht mit Preisen belegt wurde, wie ihr Erstlingswerk (immerhin mit 18!!) ein stilles Buch mit Erzählungen um den Tod. Die Protagonistin Alice kommt zwar in allen Erzählungen vor ohne dass sich die Geschichten zu einem Roman fügen. Die Sprache dieser (relativ jungen)Frau, die mit wenigen Worten Bilder und Stimmungen entstehen lässt, dem Leser/der Leserin viel Platz für Eigenes lässt,ist eine Sprache die nicht dahinplappert oder plätschert, sondern kraftvoll gesetzt mit wenigen Worten literarische Schlichtheit und ja, Schönheit darstellt.Ich mag Erzählbände und habe von den meisten großen Literaten die Erzählungen herausgegeben haben auch einen Band. Gerade an diesen kurzen Werken zeigt sich aus meiner Sicht die Güte der Sprache. Langatmtig kann bald eine/r. Doch wie heißt es so wunderbar mit einem Alltagsspruch: In der Kürze liegt die Würze.Ich hoffe, sie haben bei Judith Hermann „Blut geleckt“

    Kommentar von JuSophie — 2011-09-01 @ 17:29 | Antwort

  2. Blut nicht gerade, ich habe die achtzehn Preise und die Begeisterung der Kritik aber nachvollziehen können, da ist wirklich ein neuer Ton getroffen wurde, die Geschichten haben mich beeindruckt, so daß ich mir vorgenommen habe „Nichts als Gespenster“ aus der hinteren Regalreihe hervorzuholen und so bald wie möglich zu lesen, ansonsten habe ich mir gedacht, daß ich bei meiner realistischen Schreibweise bleiben und nicht Judith Hermann nachahmen will.
    „Alice“ müßte mir erst in die Hände fallen, ich kann mich aber erinnern, daß es 2009 von der Presse schon wahrgenommen und besprochen wurde.
    Freut mich, daß Sie sich wieder melden, kommen Sie aufs Volksstimmefest? Ich habe den Text den ich lesen werde, gerade bearbeitet. Zwanzig Prozent Analphabeten und die Schulen kommen allerdings auch darin vor.

    Kommentar von Eva Jancak — 2011-09-01 @ 18:35 | Antwort

    • Volksstimmefest? Ist das nicht eine kommunistisch orientierte Veranstaltung? Dann nein, ich bin parteipolitisch neutral, politisch (denkend, handelnd)nur in Hinsicht Verantwortung für ein (überparteiliches)Wir.

      Es geht nie um das Nachahmen von bereits erfolgreich publizierten Autoren und Autorinnen, doch Freude an der Vielfalt von Lesemöglichkeiten, die, wenn wirklich beeindruckend (konkretisieren Sie mal dieses Wort, da gibt es dann eine Art bleibende Druckstelle im Leser, die nachhaltig wirkt)auch einen Schreibstil beeinflussen k a n n (nicht muss). Im übrigen lese ich gerade mein 20tes Buch in 8 Wochen. Habe keine Leseliste, sondern einen Bücherstapel gebaut, um einmal meine Lesegewohnheiten im Auge zu haben.Und Schreiben geht daneben recht flott und erfolgreich…

      Kommentar von JuSophie — 2011-09-02 @ 08:00 | Antwort

  3. Da habe ich mich auf Wikipedia bezogen, in dem ich fand, daß zwischen 2002 und 2003 zahlreiche an Hermann erinnernde Erzählbände von Autorinnen veröffentlicht wurden, die häufig Absolventinnen des Leipziger Literaturinstituts oder von Hildesheim waren und mir sind auch die vielen Bernhard Nachahmer im Kopf, die vielleicht besonders auffallen, da habe ich z.B. im November Constantin Göttfert in der Alten Schmiede gehört, bei dem mir das sehr stark aufgefallen ist und der meinte, daß man in Leipzig auch darauf bezug nimmt.
    Toll, was Ihre Bücherzahl betrifft, vielleicht schreiben Sie darüber. Meine Bücherliste hat sich aus dem Bücherstapel im Badezimmer bedingt durch die offenen Bücherschränke ergeben. Ich kann das Führen einer solchen sehr empfehlen, weil man die Übersicht sehr gut behält, zumindestens einen sehr strukturierten Menschen, wie mir, hilft das sehr.

    Das Volksstimmefest ist, wie die Veranstalter meinen, Wien schönstes Fest, das traditionellerweise am Wochende vor dem Schulbeginn im Prater stattfindet.
    Veranstalter ist die KPÖ stimmt, es kommen aber immer soviele Menschen hin, die sicher keine Kommunisten sind oder mit Parteipolitik was am Hut haben und es gibt auch immer zwischen vier und sechs eine Lesung, das „Linke Wort“.
    Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Marie Therese Kerschbaumer, Josef Haslinger, Helmut Zenker etc haben dort gelesen.
    Heuer gibts zu hundert Jahre Frauentag eine reine Frauenlesung, wo unter anderen Angelika Reitzer, Andrea Maria Dusl, Hilde Schmölzer, Petra Ganglbauer, Elfriede Haslehner, Susanne Ayoub, Ruth Aspöck, Neda Bei und ich lesen werden. Organisiert wird die Lesung u.a. von Christoph Kepplinger einem jungen Germanisten, der im Jelinek Forschungszentrum arbeitet, ins Leben wurde sie vor vielen Jahren von Arthur West gerufen. Mehr auf http://www.linkes-wort.at
    Das Volksstimmefest ist, denke ich, eine interessante Veranstaltung und man versäumt vielleicht einen Teil der Realität, wenn man es vermeidet, ich bin jedenfalls in einigen ÖVP-Verteilern und gehe auch gelegentlich zu solchen Veranstaltungen, obwohl ich, was beispielsweise die ÖVP Bildungspolitik betrifft, sehr kritisch bin.

    Kommentar von Eva Jancak — 2011-09-02 @ 08:11 | Antwort

    • Aha, schön langsam gewöhne ich mich an ihren Stil, Genaueres nachzureichen, wie soll ich ahnen, dass Sie sich auf einen Wikieintrag bezogen haben.
      Was Bildungspolitik anlangt, möchte ich hier auf dem Literaturgeflüsterblog nicht mehr eingehen, ich finde, dass Schriftsteller nur dann ihre Wortspende dazu verstreuen sollten, wenn sie auf einen längeren Besuch in der Wirklichkeit der heutigen Schule (volksschule, Hauptschule, Polytechnikum, Sonderschule, Neue Mittelschule, Gymnasium) gewesen sind und sich in Echtzeit ein Bild machen, nicht nur aus Medien oder aus parteipolitisch gelinkten Zahlen*räusper*

      Ehe ich also meinen wenig dekorativen Bücherstoß abräume,hier einige Empfehlungen:

      Michael Köhlmeier: Madalyn,Bleib über Nacht, Geh mit mir, Trilogie der sexuellen Aghängigkeit
      Christoph Meckel. Wohl denen die gelebt
      Waltraud Mittich: Mannsbild, Grandhotel
      Amosz Os: Dem Tod entgegen
      Evelyn Schlag: Architektur einer Liebe, Sprache von einem anderen Holz(Gedichte)
      Lily Brett: Chuzpe, Auschwitz Poems
      Ruth KLüger: Was Frauen schreiben, Gelesene Wirklichkeit, Wie Frauen lesen, unterwegs verloren(ERinnerungen)
      JUlian Schuttnig: Der Tod meiner Mutter
      FRauke Meyer-Gosau: Eine Reise zu Ingeborg Bachmann Einmal muss das fest ja kommen
      I.Bachbann: Kriegstagebuch, Frankfurter Vorlesungen, Herzzeit
      Paul Celan: Die Gedichte(Kommentierte Gesamtausgabe)
      Dashiell Hammett: Das Dingsbumsküken (Erzählungen)
      – die Bücher aus der Bücherei (übrigens nur 22€ Jahreskarte, habe ich nicht angeführt, weil nicht alle ganz gelesen sondern angelesen, ist auch eine Möglichkeit wenn man als Schriftstellerin gute Anfänge sucht)

      Ich hoffe da ist noch was Ungelesenes von Ihnen dabei?
      Gute Lese- und Schreibzeit weiterhin wünsche ich!

      Kommentar von JuSophie — 2011-09-03 @ 12:55 | Antwort

      • Fein, ich tue mir mit Ihren Stil auch nicht so ganz leicht, weil Sie vieles ein wenig absoluter als ich sehen und auch so formulieren, die Bildungspolitik ist für mich sehr wichtig und als realistische Autorin nehme ich mir heraus, satirisch oder auch ernst darüber zu schreiben, so wie in den „Verbindlichen Vorschlägen zum höchsten Wertkanon“, die ich heute Nachmittag auf der Jesuitenwiese lesen werde.
        Von den angeführten Büchern habe ich natürlich längst nicht alle gelesen, sondern nur den Julian Schutting, die Evelyn Schlag und ein paar Celan Gedichte, Ihnen auch alles Gute, trotz unserer Meinungsverschiedenheiten finde ich Ihre Kommentare immer sehr spannend und toll, daß Sie sich so für Literatur interessieren, wäre fein, wenn Sie das so stehen lassen können

        Kommentar von Eva Jancak — 2011-09-03 @ 14:11


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