Literaturgefluester

2011-09-06

Das Wittgensteinprogramm

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:00

Philip Kerr hat 1995 für den Roman „Das Wittgensteinprogramm“ den deutschen Krimi Preis bekommen. „Moderner, ausgesprochen spannender Krimi (sei nicht zu streng mit dem Realitätsbezug), lesen, wenn du aus der Welt flüchten willst?“ hat jemand in das im Bücherschrank gefundene Exemplar hineingeschrieben.
Was ich interessant finde, denn spannend habe ich den in der nahen Zukunft von 1913 spielenden Roman eigentlich nicht sehr empfunden, sondern eher anstrengend sich in das Zukunftsszenario hineinzufinden.
Es beginnt mit einem Frauenmord und die drei Kriminalisten streiten sich, wer für die Aufklärung zuständig ist, bzw. in welches Schema Mord und Mörder passen.
Denn der Roman spielt in einer Welt, in der Massenmorde allgegenwärtig sind und es gibt auch Ermittler für Männer und solche für Frauenmorde. Für Frauenmorde ist Chefinspektorin Jake Jakowicz zuständig. Das Ganze spielt in London, aber Jake fliegt kurz nach Frankfurt, um auf einen Kongreß über die Hollywoodmorde zu berichten und lebt in einer Zeit, in der es Pictophone gibt und Satelitentelefone verboten sind, das ist auch recht schwer zu verstehen, was und wie das zuzuordnen ist. Rauchen ist jedenfalls oft verboten, bzw. gibt es nikotinfreie Zigaretten und cholesterinfreien Schinken gibt es auch und dann noch das Lombrosoprogramm. Da werden Menschen mit Aggressionspotentialen herausgefildert, bekommen Decknamen und einen psychologischen Berater, der sie vor weiteren Gewalttaten schützen soll und ein solcher Kanditat mit dem Decknamen „Wittgenstein“ beginnt nun die anderen aggressive Kanditaten mit den Namen Sokrates, Descartes etc zu ermorden und Jake bekommt von der Staatssekretärin den Auftrag sich um diesen Fall zu kümmern.
Die wird von ihren Mitarbeiter „Gnädige Frau“ genannt, haßt Männer, geht zu einer Therapeutin, wo man sich nackt auf die Couch legen muß und erzählt ihr von ihren schlimmen Vatererfahrungen und wenn sie jemand anmachen will, schlägt sie ihm k.o.
So weit das Szenario, in das langsam und umständlich hineingeführt wird. Der Roman hat über vierhundert Seiten und wird auf zwei Ebenen erzählt, von Jake und von Wittgenstein, der zuerst seine Morde schildert, dann endlose Abhandlungen über die Philosophie des perfekten Tötens hält und sich schließlich Jake annähert, bzw. sie sich ihm.
Richtig, das Strafkoma habe ich noch vergessen, in das werden die Deliquenten versetzt, weil es keine Todesstrafe mehr gibt, Koma aber billiger als Gefängnis ist. Es wird auch viel Literatur zitiert und natürlich philosophiert, während Jake versucht Wittgensteins Identität zu lüften, das tut sie, in dem sie seinen chinesischen Berater in Hypnose versetzen läßt, bzw. ein anderer Chinese Computerprogramme entschlüßelt, sie fährt auch nach Cambridge, schaut sich dort des echten Wittgensteins ehemaliges Zimmer an und spricht mit einen Philosophieprofessor, der auch Krimis geschrieben hat. Hier trifft sie dann auf Wittgenstein, er erkennt sie, sie ihn natürlich nicht, was ihn so zu verwirren scheint, daß er sein nächstes Opfer namens Shakespeare verfehlt. Wittgenstein scheint auch mit dem Computer zu vögeln und schickt Jakes Bilder in denen er sie in obszönen Posen dargestellt hat, dann ruft er sie über das Satelitentelefon an, mit dem er nicht entdeckt werden kann, mordet wieder, Jake hat inzwischen herausgefunden, daß er ein Deutscher ist und Shakespeare bringt seinen verlorenen Stadtplan zur Polizei, die dann in Shakespeare den Lippenstiftmörder erkennt und herausbekommt, daß Wittgenstein eigentlich Esterhazy heißt und Apothekengehilfe ist. Damit ist sie ihm auch schon auf der Spur und rettet ihn, als er Selbstmord begehen will, so daß ihm nichts als das Strafkoma überbleibt und bevor er in dieses versetzt wird, besucht sie ihn noch mit einer Hyazinthe.
Sehr viel habe ich mit dem Buch nicht anfangen können, da mich die Vermischung mit dem Zukunftszenario und der Philosophie Wittgenstein ein wenig verwirrte, die Namen konnte ich mir schwer merken und auch das Zukunftsszenario war leicht unverständlich. Der Sinn des Mordens ist mir auch nicht ganz klar geworden und die Idee einen Krimi mit der Philosophie zu verbinden ist vielleicht ganz interessant, die Krimihandlung war aber eher einfach gestrickt und Wittgensteins „Tractate“ habe ich auch nicht so spannend gefunden.
Das Ganze ist aber sicher sehr ungewöhnlich und das Zukunftsszenario eine Woche vor dem 11. 9. ist auch ganz interessant. 1995 muß das Buch ganz anders gewirkt haben, als in einer Welt in der vieles schon verwirklicht ist und es Überwachungsprogramme, Rauchverbote und cholesterinfreien Schinken gibt. Eine Psychotherapie zu der man sich nackt ausziehen muß, gibt es, glaube ich nicht, die europäische Union aber schon und wahrscheinlich spannendere Krimis als das „Wittgensteinprogramm“, obwohl das, wie das obige Zitat beweist, von den Lesern nicht so empfunden wird und es auch zum besten internationalen Kriminalroman gewählt wurde.
Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren, lebt in London und „wovon wir nicht sprechen können,darüber müßen wir schweigen…“

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