Literaturgefluester

2011-09-09

Winterquartier

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:44

Evelyn Grills 1993 zuerst in der Bibliothek der Provinz erschienene Erzählung „Winterquartier“, könnte man, wie auch andere ihrer Bücher als Provinzsatire oder Farce bezeichnen. Von Evelyn Grill habe ich ja schon öfter geschrieben und auch einiges gelesen. 1942 ist sie in Garsten, ÖO geboren, hat Jus studiert und 1985 im Wiener Frauenverlag, den Roman „Rahmenhandlungen“ herausgebracht, der auch in der sozialistischen Frau abgedruckt war. Dann kam „Winterquartier“, 1994 „Wilma“, schon bei Suhrkamp erschienen, das auf meiner Lesteliste für 2012 steht, die „Schönen Künste“ habe ich auch gefunden. Den „Sammler“ noch nicht, obwohl ich dieses Buch sehr gerne lesen möchte, da ich mich ja auch mit dem Messie-Thema beschäftigt habe. Man sieht Evelyn Grill hat Karriere gemacht. Seit 1986 lebt sie in Freiburg im Breisgau, ist mit einem Literaturwissenschaftler verheiratet, ich sehe sie manchmal bei Veranstaltungen und Lesungen. Zu „Rund um die Burg“ kommt sie nächste Woche, glaube ich, auch und liest aus dem „Antwerpener Testament“.
„Winterquartier“ ist höchst beeindruckend, wenn vielleicht nicht so sehr im Bernhardschen Stil, wie „Ins Ohr“, die bedrückende Ende der Provinz, die sich zur Farce steigert, ist trotzdem sehr beklemmend zu bemerken. Es geht um die Änderungsschneiderin Roswitha, zweiundvierzig Jahre alt, eine alte Jungfer und durch eine Kinderlähmung behindert, sie hinkt, dadurch hat sie einen Beruf lernen dürfen und lebt nun, nachdem ihre Eltern bei einem Unfall verstorben ist, in einem Pfarrhaus neben dem Gefängnis des Ortes, was schon eindrucksvoll die Athmosphäre schildert. Zur Hundert oder Tausendjahrfeier wird das Haus eingerüstet und der Putz abgetragen, was Roswitha in der Arbeit, die sie gewissenhaft erledigt und auch in ihrer Werkstatt, nicht im ehemaligen Schlafzimmer der Eltern schläft, behindert. Sie lernt aber auch einen der Arbeiter kennen, der ein „Winterquartier“ zu suchen scheint und dem Fräulein daher so etwas, wie einen Heiratsantrag macht. Roswitha ist entzückt und so zieht er bei ihr mit seinem Koffer ein, macht ihr das Linoleum dreckig und sie kocht und putzt für ihm und schläft vorerst weiter in der Werkstatt. Erst als sie mit ihm am Sonntag an den Schienen spazieren geht, er war früher Schwellengeher, Messerwerfer ist er auch, kommt es zum sexuellen Kontakt, das heißt, er nimmt sie brutal, was sie aber nicht nur entsetzt, sondern auch ein wenig entzückt. Ansonsten lebt sie, obwohl sie sich zur Jause immer eine Mohnkrone kauft, sehr bescheiden, das heißt ohne Bad, den Bretterabort am Gang, Telefon und Radio gibt es auch nicht, dafür eine ältere Schwester zu der sie früher baden ging, aber die hat eigene Sorgen, nämlich Krebs und einen Mann, der sie mit der Pfarrbiblothekarin Grete, auch eine von Roswithas Kundinnen, betrügt und sie wird auch von ihrer Freundin Lotte nicht verstanden, denn die wurde vom pensionierten Schuldirektor als Hauptdarstellerin für das Weihespiel, das zum Jubiläum aufgeführt werden soll, auserkoren, Roswitha soll die Kostüme nähen, dafür küßt ihr der Schulrat die Hand. Sie hat nämlich sehr schöne Hände und ist stolz darauf. Durch Maxs Brutalität werden sie aber in Mitleidenschaft gezogen. Er kommt und geht wann er will, säuft, bringt seine Freunde mit, veranstaltet in Roswithas Wohnung Messerwerfen, die sich nicht wehren kann oder nicht wehren will, auch keine wirkliche Hilfe an den Dorfbewohnern hat, obwohl sie gut inegriert ist und es von ihrem Vater auch nicht anders gelernt hat, stammt sie doch noch aus der Zeit, wo unterm Hitler alles besser war und das zeigt sich auch, als aus dem Gefängnis nebenan zwei Männer entweichen.
Da quartieren sich nämlich alle in Roswithas Wohnung ein, um mit dem Feldstecher auf das Spektakel zu schielen und sich zu empören, daß den Verbrechern Backhendel und Schweinsbraten mit Knödel serviert wird. Die Werkstatt wird verwüstet, der Schulrat und Lotte wenden sich empört von den messerwerfenden Saufbolden in Roswithas Wohnung ab, die Schwester hat sich am Dachboden erhängt, die beiden Ausbrecher „klettern indessen auf der Strickleiter in die Luke hinein“ und Roswitha hat ihren Max inzwischen auch mit der Zuschneideschere erstochen…
Es ist wirklich eine Farce das schöne Leben in der Provinz vierzig Jahre nach dem Damals, wo alles doch besser war.

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