Literaturgefluester

2011-10-05

Überbuch und Riesenroman

Filed under: Uncategorized — jancak @ 21:44

Präsentation des nun endlich gesetzten „Zettels Traum“ in der Hauptbücherei. Ob ich ohne die kürzlich erfolgte Erstlektüre von „KAFF auch Mare Crisium“ hingegangen wäre, weiß ich nicht. Wahrscheinlich aber schon, habe ich das Bücherschrankbuch ja auch gelesen und heute war auch irgendwie ein literarischer Tag. Habe ich nicht nur zwei Szenen meiner drei S weitergebracht, sondern bin, als ich die Zieglergasse um halb sieben hinaufgegangen bin, auch auf eine mit zwei Männern eifrig diskutierende Lisa Spalt getroffen, die ich natürlich fragte, was es im Literaturhaus gäbe?
Die „Idiome“ – Hefte für neue Prosa wurden präsentiert, ob es sich bei den beiden Männern um Urs Jaeggi und Florian Neuner, die auch im Program stehen, handelte, habe ich gar nicht mitbekommen und Lisa Spalt auch nicht erklärt, daß ich stattdessen zur Präsentation des „Überbuches“ gehe und natürlich habe ich vorher beim Bücherschrank Halt gemacht, der, wie meistens sehr bevölkert war und diesmal wieder normal gefüllt. Die gähnende Leere, die ich die letzten drei Male beobachten konnte, war verschwunden. Ist aber offenbar nicht nur mir aufgefallen, so sagte mir ein Benützer gleich, daß der Ausräumer heute offenbar nicht gekommen sei und erzählte mir von den Raritäten, die er gefunden hätte.
Ich war ein bißchen neugierig, wie voll oder leer die Hauptbücherei sein würde? Habe ich ja keine Ahnung, ob Wien eine Stadt der Arno Schmidt Spezialisten ist oder nicht. Christel Fallenstein, die mir mailte, daß sie gerne zu meinem Geburtstagsfest kommen würde, habe ich gefragt ob sie kommt. Sonst war das aber eine Überraschung und der Büchertisch war mit dem riesigen sechs Kilo schweren Überbuch und anderen Arno Schmidt Ausgaben auch gut gefüllt.
„KAFF auch Mare Crisium“ befand sich nicht dabei. Es gab aber eine Art Probedruck oder Einführung zur Neuauflage, die verteilt wurde und bei der Präsentation hat es sich um eine regelrechte Performance gehandelt. Aber erst habe ich mich in dem halbgefüllten Saal umgesehen, Sascha Manowicz und Peter Henisch erkannt und weil neben dem Autor noch ein Platz frei war, mich neben ihm gesetzt und ihm erzählt, daß mir das Ende seines Buches nicht gefallen hätte.
„Von welchem?“, fragte mich sehr freundlich seine Begleiterin und es hat sich ein interessantes Gespräch entwickelt. Ein Highlight meines Literaturalltags, weswegen ich das Literaturgeflüster eigentlich führe, haben sich da ja einige Gespräche bei mir tief eingeprägt, die ich auf diesen Weg dokumentieren und weitergeben möchte.
Daß Peter Henisch manchmal zu Literaturveranstaltungen geht, weiß ich, daß er sich für Arno Schmidt interessiert, war eine Überraschung, hätte ich das ja gerade einem realistischen Autor nicht zugetraut. Ich bin das aber auch und so habe ich ihn auch danach gefragt und er sagte mir, daß er oft Klarheit in Arno Schmidts Werken gefunden hätte. Da habe ich ihm auch erzählt, daß ich „KAFF auch Mare Crisium“ gelesen, aber nicht verstanden hätte.
„Vielleicht verstehe ich es heute“, sagte ich noch in den Probeseiten blätternd, die sehr groß, dreispaltig und von ähnlicher Orthografie, wie „KAFF“ schienen, mit eingefügten Zeichnungen, Amerkungen, Satzzeichen, etc.
Susanne Fischer, die Editorin, führte in den Roman ein und erzählte, daß er zehn Jahre später als „KAFF“ entstanden ist, daß der Titel auf den „Sommernachtstraum“ anspielt und die Handlung an einem Tag ab vier Uhr früh in der Lüneburger Heide spielt. Und zwar bekommt da der Ich-Erzähler Daniel Pagenstecher, der an einer Edgar Allan Poe Ausgabe arbeitet, Besuch vom Übersetzerehepaar Paul und Wilma Jacobi und deren sechzehnjährige Tochter Fränzel und zieht mit diesen offenbar den Tag über die Heide, unterhält sich mit ihnen über Poe, entwickelt eine Etym-Theorie, verliebt sich in die Sechzehnjährige oder sie in ihn und einen Nato Soldaten, der ein geborgtes Fleischhauerbuch liest, treffen sie offenbar auch.
Das Ganze erinnert irgendwie an „KAFF“ und dessen Handlung, die sowohl auf dem Mond, als auch in der Lüneburgerheide bei einem Tantenbesuch spielt, besteht aus fünfzehnhundert Seiten und ist bisher nie als Typoskript erschienen.
Danach folgte eine Lesung aus dem Buch vom Buchgestalter Friedrich Forssmann und Bernd Rauschenbach von der Arno Schmidt Stiftung und die beiden haben offenbar ein schauspielerisches Talent oder die Lesung sehr einstudiert. Danach erzählte Friedrich Forssmann, wie er dazu kam, das Buch zu setzen und das tat er auch sehr gekonnt.
Mit Siebzehn hat er von einem Freund „KAFF“ empfohlen bekommen, brach danach die Schule ab und wurde Schmidt Leser, aber damals gab es einen Verlagsstreit und Schmidt offenbar kaum zu kaufen, dann brach er eine Setzerlehre ab, studierte Graphikdesign, begann die vier letzten Schmidt Romane Probe zu setzen und marschierte damit auf die Frankfurter Buchmesse. Kam zur Schmidt Stiftung, da war er dreiundzwanzig und hatte eine dreijährige Tochter. Jetzt ist seine Enkeltochter so alt und „Zettels Traum“ fertig und Bernd Rauschenbach erläuterte darauf genauso komödiantisch, wie man „Zettels Traum“ lesen soll.
Nicht spaltenweise und nicht gelegentlich ein paar Seiten, sondern in einem durch, für das Bett und die Badewanne eignet es sich wegen seiner Größe und Schwere nicht, also am Schreibtisch und dann braucht man ein deutsches und ein englisches Wörterbuch, eine Literaturgeschichte, den James Joyce, Sigmund Freud und noch eine Menge Sekundärliteratur. Dann ist man in einem Jahr fertig und ein Arno Schmidt Spezialist. Man kann es aber auch ohne die Begleitliteratur lesen, denn Schmidt hat schon das Wichtigste eingefügt und außerdem empfohlen mit dem Buch vier oder sieben anzufangen.
Ja richtig, der Roman besteht aus acht Büchern. Nachher wurden der Performancer sehr beklatscht, die auf den Büchertisch hinwiesen. Wieviele den sechs Kilo Band nach Hause schleppten, weiß ich nicht und auch nicht, ob ich mich an das Jahreswerk machen würde, wenn ich es im Bücherschrank fände? Glaube eher nicht, habe aber derzeit ein anderes, wenn auch viel verständlicheres „Monsterwerk“ vor mir, nämlich Ruth Aspöcks „Nichts als eine langweilige Blindschleiche“, das aus fünfhundert Seiten und zwanzig Büchern im Kleindruck besteht und wieder viel gelernt.

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