Literaturgefluester

2011-10-17

Buchmessen-Surfing

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:45

Schön langsam komme ich aus Frankfurt zurück, wo ich mich die letzten Tage sehr intensiv aufgehalten habe. Mit dem blauen oder auch andersfarbigen Bus bin ich nicht dorthin gefahren, habe nicht in einem Zelt geschlafen und auch nicht in einem Hotel in Mainz oder Wiesbaden, wie ich das 2000 oder 2002 so machte. Bin auch nicht durch die Hallen herumgelaufen und zu Mittag meine vollen Büchersäcke beim Stand der IG-Autoren abgestellt, sondern mich ganz einfach und bequem, das Netz machts möglich mit meinen beiden Computern ins Wohn-Schlaf- oder auch ins Praxiszimmer gesetzt, am Abend in die Alte Schmiede gegangen, zwei Bücher von meiner hundert Bücher Liste gelesen, das Vorwort und zwei Jurybegründungen für den „Ohrenschmaus“ abgeschickt und trotzdem sehr viel mitbekommen.
Was schon Montagabend begann, als ich von der Haderlap-Lesung aus der Alten Schmiede kam. Denn vorher hatte ich den Namen Eugen Ruge nicht sehr oft gehört und auch nicht gewußt, daß er auch den Aspekte-Literaturpreis, der ebenfalls auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird, bekommen hat.
Am Mittwoch wurde mit dem Preisträger das blaue Sofa eröffnet, das habe ich durch meine zehn Uhr Stunde zwar ein bißchen versäumt und die offizielle Eröffnung am Dienstag auch, daß das Gastland Island ist, wußte ich aber und darüber habe ich schon berichtet. Der Hauptverband des Buchhandels hat auf seiner Seite das Bild von der offiziellen Standeröffnung und ladet auch immer zu einem Empfang ein. Das Glas Wein muß ich alleine trinken, aber mit dem blauen Sofa kommt man sehr weit, auch wenn dort nur die Prominenten sitzen. Es ist aber auch sehr interessant, zu sehen, wer darunter fällt. Die Messestars sind aber gar nicht dort zu finden, die sieht man wahrscheinlich wirklich nur auf den kleinen Filmchen, die es diesmal auf ARD zu sehen gibt. Denn da gibt es ein Buch einer Daniela Katzenberger, die wirklich, wie die Barbie aussieht. Blonde Haare, stark gefärbte Lippen und Riesenwimpern, die dann noch freundlich sagt, daß sie sich über den Zustrom ihrer Fans sehr freut, obwohl sie sich nicht so viel Mühe mit dem Schreiben, wie die anderen Autoren gibt und den Nobelpreisträger von 2010, habe ich auch nur auf dem anderen blauen Sofa, dem mehr barock aussehenden mit den geschwungenen Holzbeinen gesehen, das Wolfgang Herles ins Hotel Steigenberger Hof transportieren ließ und sich mit Mario Vargas Llosa vor die Bar setzte. Denn da gab es Donnertagnacht eine Buchmessensondersendung, die ich mir Freitags ansah und die ich diesmal sehr gut fand. Da gab es auch einen Messerundgang und der war ebenfalls sehr interessant, denn ein Buchmessenthema ist ja der Kampf um das gedruckte Buch und da scheint sich jetzt wirklich was zu ändern. Zwar sagen die Besucher, wenn man sie fragt, noch immer, beim Lesen muß ich das Buch riechen und angreifen können, aber die Blogger steigen, wie man auch bei libromanie beobachten kann, langsam auf den Kindle um. Das Literaturcafe.de hat einen Ratgeber veröffentlicht, wie man seine Bücher selbst zu einem E-Buch machen kann und da wurde berichtet, daß das inzwischen wirklich immer mehr Leute selber tun, ganz egal, ob sie einen Verlag finden oder nicht und das war ein wenig Trost auf meine Mühlen, denn dann bin ich vielleicht gar nicht so abseitig. Ich habe das zwar schon 2010 mit meinen Lesern diskutiert, mich aber sehr allein gefühlt. In Frankfurt sieht man das aber offensichtlich schon etwas anders, als bei uns die IG-Autoren. Die wahren Bestseller sind auch in Frankfurt anders und die Bücher der Buchpreisträger werden wahrscheinlich auch nicht am meisten gelesen, sondern Comics und Fantasyliteratur und da strömen auch in Frankfurt, die Verkleideten am Wochenende auf die Messe, wo sie dort die normalen Besucher hineinlassen. Die beiden Male als wir dort waren, sind wir am Wochenende nach Backnang zu Alfreds Tante Edith gefahren, die inzwischen schon gestorben ist und es gibt auch in Frankfurt so etwas, wie eine Büchernacht und Lesungsveranstaltungen und da gab es einen kleinen Film, wo zwei Deutschlehrerinnen erklärten, daß sie nur dorthin und nicht auf die Buchmesse gehen, weil ihnen die zu kompliziert ist. Dafür konnte ich auf Andrea Stifts Blog erfahren, daß sie am Freitag mit Valerie Fritsch sehr früh aufgestanden und nach Frankfurt geflogen ist. Dorthin hat sie das Land Steiermark eingeladen, sie hat ihren Fanclub, darunter Andreas Unterweger und Linda Stift mitgenommen und um halb vier glesen. Vorher tat das Ruth Aspöck aus ihrer Blindschleiche. Andrea Stifts Geschichte habe ich leider fast versäumt, weil dazwischen Franz Joseph Huainigg angerufen hat und mit mir über „Mimis Bücher“ und den „Ohrenschmaus“ diskutierte. So kann es gehen. Auf der realen Messe wird man wahrscheinlich aber auch abgelenkt. Gibt es da ja die Messezelte im Hof und da stellte der über siebzigjährige Sänger Rene Kollo seinen Kriminalroman singend vor, was Wolfgang Herles sehr bedauerte. Aber der hat auch einen Roman geschrieben, der noch dazu „Die Dirigentin“ heißt und der wurde am blauen Sofa vorgestellt.
Der und die DDR-Literatur, denn es haben auch heuer wieder sehr viele ehemalige DDR Autoren ein Buch über die ehemalige DDR geschrieben und einge davon standen auch auf der langen oder kurzen Liste. Angelika Küssendorfs „Das Mädchen“ z.B, aber auch Judith Scharlanskys „Der Hals der Giraffe“ oder Antje Ravic Strubels „Sturz der Tage in die Nacht“.
Sie alle saßen auf dem blauen Sofa, wo auch der Stargast Charlotte Roche mit ihren „Schoßgebeten“ war und das Leben erklärte. Sie hatte, um wohl den medialen Auftritt zu unterstreichen, eine Art Ledergürtel über ihre Kleidung geschlungen, während Vera von Lehndorf, offenbar besser bekannt als „Veruschka“, die ihre Autobiografie vorstellte, eine Art Helm mit Gesichtsvisier trug, um sich vor der Öffentlichkeit zu schützen. Und die scheint nicht nur eine interessante Frau und ehemaliges Starmodel zu sein, sondern wuchs offenbar auch in dem Schloß in Steinort auf, wo wir im Sommer waren. Den Buch und Aspektepreisträger habe ich einige Mal gehört und mich auch ein bißchen über den arabischen Schwerpunkt informiert. Denn der arabische Frühling ist ja auch ein Schwerpunkt. Darüber wurden einige Bücher geschrieben und der Friedenspreis, auch ein berühmter Messepreis, der immer am Sonntag in der Paulskirche vergeben wird, ergeht heuer an den algerischen Autor Boualem Sansal, dessen erstes Erfolgsbuch „Postlagernd Algier“ von Ilija Trojanow vorgestellt wurde.
Österreicher gibt es auch auf der Messe. Wenn sie berühmt genugt sind, dürfen sie sich aufs blaue Sofa oder zu 3Sat setzen, wie Josef Haslinger, Marlene Streeruwitz, Thomas Glavinic, Sabine Gruber oder Ilija Trojanow. Maya Haderlap war am Samstag bei 3 Sat und Eva Rossmann, glaube ich, wieder bei den IG-Autoren. Etwas hat mir wieder nicht gefallen und zwar Sibylle Lewitscharoffs Bemerkung, deren preisgekrönter Roman „Blumenberg“ hochgelobt wird, daß sie für Selbstmörder nur Verachtung hat. Das sollte man vielleicht nicht so stehen lassen, denke ich. Auf der Buchmesse ist aber wahrscheinlich wenig Zeit zum Innehalten. Man hetzt von Veranstaltung zu Veranstaltung und hoffnungsvolle Autoren, die immer noch mit ihren Büchern dort herumlaufen, bekommen schon mal vorgedruckte Zetteln in die Hand, daß sie ein Expose einreichen sollen. Es gibt aber auch den Island-Pavillon über den ich schon berichtet habe, in dem man sich bei Kaffee und vielleicht auch Kuchen mit einem Buch hinsetzen kann und nächstes Jahr wird Neuseeland Gastland sein.
Und als ich mich als alles vorbei, am Sonntag schließt die Buchmesse um fünf und die letzten ARD Filmchen angsehen hatte, mit Alfred ins Chattanooga am Graben, dem ehemaligen Tanzlokal, das sich jetzt in ein Bierlokal umwandelte und daher an die Haushalte Gutscheine für gratis Spareribs und gratis Bier verschickte, ging, haben wir in dem Keller mit den schönen Wandmalereien, die so gar nicht zu einem Bierlokal passt, Ruth Aspöck mit ihrem Sohn und Enkeltochter, sowie Robert Eglhofer getroffen, die mir gleich noch etwas von Frankfurt erzählen konnte.
Hier das Archiv 2008 1 2, 2009 1 2 3 4, 2010 1 2 3 4, 2011

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2 Kommentare »

  1. Liebe Eva,
    danke für Deine Beiträge – das beste was es gibt – wie alles, was kostbar-kostenlos ist. In dem Sinn ein herzliches Danke, dass Du Dir die Mühe machst über das zu schreiben, was bei vielen so wie bei mir in den Gehirnwindungen verbleibt, aber so doch Deine „Erlebnisse“ kreuzt. So die lange Replik über Marlen Haushofer – ich bin unisono bei Dir und Deinem therapeutischen Auge, was Haushofers Lebensumstände, die in ihrer Literatur sich nbiederschlagen angeht. Auch ich fühlte mich bemüßigt in den 80iger die Tapetentür zu lesen – die Wand hätte ich sicher wieder weggelegt – nach Deiner quasi Inhaltsangabe.
    Zum nächsten Text, den ich kommentieren möchte: Deine Lesung in einem Wiener Cafe ohne nennenswerte Zuhörerschaft. Diese Dinge kenne ich und ich fürchte mich schon vor meiner 70iger Lesung im Salzburger Literaturhaus, wo ich auch dieselben Fehler wie Du beging – sehr früh d.h. zu früh eingeladen – eine Menge attraktive Lesungen an dem Abend daneben, weil mir dieser Termin aufgedrängt wurde als „Restposten“ und auch wegen dem eigenen Ehrgeiz – der 70iger wird doch als Anlaß eher goutiert werden seine Freunde anzuschleppen. Auch ich bringe schwer 20 zusammen – sag mal – sind wir Therapeuten (ich bin ja nur Lebens- und Sozuialberaterin mit ruhendem Gewerbe)die einzigen, die mutig genug sind die wahren Verhältnisse öffentlich zu machen?
    Dritte Antwort auf Deinen Besuch bei der Frankfurter Buchmesse – ich habe Frankfurt diesmal links liegen gelassen und dank Deines Sekundärbesuchs kam ich nun zu einem Tertiärbesuch – genügt aber vollkommen – saß an meinem PC – blaues Sofa wird uns beiden nie beschieden sein – dafür war mir das blaue Band des Rheins heuer beschieden und um das könnten mich alle die Prominenten der vielen Sofas beneiden – gewaltig über 500 km mitten auf diesem gewaltigen Strom mitzuschwimmen!
    Freue mich schon sehr auf Dich und die GAV – morgen Freitag setze ich mich Mittags in den Zug um zu den Neuaufnahmelesungen zurecht zu kommen.
    Liebe Grüße Margot

    Kommentar von Margot Koller — 2011-10-20 @ 12:39 | Antwort

  2. Liebe Margot!
    Kurze Antwort auf deine Fragen, ich bin Therapeutin, aber das betrifft nicht den Literaturbereich, da klammere ich das soweit ich das kann, tunlichst aus und reflektiere dennoch darüber und so gesehen war diese Lesungserfahrung sehr interessant. Denn natürlich ist es ganz egal, wie viele Leute kommen und natürlich sollte man sich seine Freunde nicht extra hinschleppen, die Beziehung zu meiner besten Freundin ist daran zerbrochen, weil sie das mit Recht nicht wollte und natürlich muß ich es trotzdem tun, denn tue ich es nicht, passiert genau das am Montag Erlebte und dann bleibt vielleicht die Nachrede, wie schlecht muß die sein, wenn zu der keine Leute kommen? oder „Nein, Sie können nicht mehr bei uns lesen, Sie haben ja das letzte Mal keine Zuhörer gehabt!“
    So jongliert man also, versucht, was man kann und denkt mit zunehmender therapeutischer oder auch Lebenserfahrung, ist ja ohnehin egal und was das Buchmessensurfing betrifft, da kam ja auch eine, meiner Meinung nach völlig unberechtigte Kritik, daß das nur ein Leben aus Ersatzhand wäre und ich sollte stattdessen mehr handeln, was ich aber, glaube ich, ohnehin tue.
    Ich finde es toll, daß die Buchmesse und das Internet diese Möglichkeit bietet und deshalb nütze ich es, weil mir es wichtig ist über den Bücherherbst Bescheid zu wissen und ich nicht nach Frankfurt fahren kann und will. Wer das nicht will, soll es anders machen. Und ich schreibe auch darüber, weil es mir wichtig ist mich zu äußern und sehe, daß das Anlaß zum Nörgeln geben kann, aber das ist wahrscheinlich die menschliche Natur, wie die Therapeutin lernte, so daß ich mich an der Nase nehme und es nicht so mache.
    Frankfurt war also schön und wenn ich ein Leseangebot hätte, wo mehr Leute kommen, freut es mich, wenn nicht, schreibe ich weiter das Literaturgeflüster oder auch im Digitaldruckbereich und da wird höchstwahrscheinlich bald ein neues Buch erscheinen und mein letztes die „Absturzgefahr“, bringe ich dir zur Neuaufnahmelesung am Freitag mit.
    Vieleicht sollte man auch niemals nie sagen. Also ich lese gerne auf dem blauen Sofa in Frankfurt oder Leipzig, wenn mich jemand dazu einladen sollte.
    Die „Wand“ würde ich jetzt übrigens gerne lesen, mal sehen, ob sie mal zu mir findet.

    Kommentar von jancak — 2011-10-20 @ 13:44 | Antwort


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