Literaturgefluester

2011-10-31

Soloalbum

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:00

„Soloalbum“ von Benjamin v. Stuckrad-Barre, beginnt mit einem Paukenschlag, bzw. steht die Polizei am Bett des Ich-Erzählers, die Feuerwehr und Isabell mit der er verabredet war, sie dann aber doch nicht hereingelassen hatte. Und in der Wohnung sieht es schrecklich aus, überall liegen Zeitschriften und Platten, denn „seit Katharina weg ist (drei Wochen und zwei Tage) habe ich große Schwierigkeiten, den Betrieb hier aufrechtzuerhalten.“
Das ist das erste Kapitel, des 1998 erschienen Romans, das wie die anderen, eine englische Überschrift trägt und so fließt der ganze Roman dahin, das eigentlich mehr ein Bericht ist, besteht die Handlung ja nur daraus, daß der „Ich-Erzähler, gerade mal Anfang zwanzig“, von seiner Freundin verlassen wurde und das haut den jungen Mann, der irgendwo in der Musikbranche arbeitet, eine coole Schnauze hat, sauft und kifft, wie das die Jugend offenbar so tut, total aus den Socken.
Jedes der Kapitel handelt davon, daß der junge Mann versucht sein Leben wieder auf die Reihe bringen, er geht zwar pünktlich arbeiten, läßt seine Bude aber total verkommen, reagiert auf die Trennung mit erstaunlich starken Gefühlen und unternimmt auch viel seine Katharina wieder zurückzubekommen, so schenkt er ihr zum Geburtstag eine Schachtel mit zwanzig Geschenken, ruft ständig an und erzählt ihr auch, daß er jetzt eine supertolle Traumfrau hat „mit perfekter Figur, Frisur wie Justine Frischmann von Elastica, außerordentlich klug, macht nebenbei Theater, organisiert Ausstellungen, dreht gerade einen Kurzfilm in Amsterdam, wohnt im Sommer im New York, hat einen alten Porsche und eine neue Wohnung direkt am Fluß hier, war mal mit Christoph Schlingensief zusammen, hat danach ein halbes Jahr Heroin genommen und ein Verfahren entwickelt, das es ermöglicht…“, wie die Traumfrauen der collen Typen Anfang Zwanzig so sind, was Katharina aber nur zum Gratulieren bringt. Er versucht auch sich sein Übergewicht herunterzuhungern, geht ins Fitneßstudio, um Eindruck auf Katharina zu machen, dann schleppen ihn seine Freunde wieder zu Partys und er hat auch Kontakt zu Isabell und Nadja, etc obwohl das keine Traumfrauen sind. Dazwischen zieht ein Jahr ins Land, er überlegt Katahrina nach Passau nachzureisen und zieht dann doch nur nach München um, hat am Ende einen neuen Job und eine neue Wohnung aber doch die gleiche Sehnsucht nach Katharina.
„Soloalbum“ heißt das Ganze wohl, weil sowohl Autor, als auch Held in der Musikbranche jobben und die verschiedenen Buchteile sind auch immer mit CD-Scheiben dekoriert und der 1975 geborene Benjamin v. Stuckrad-Barre gilt, entnehme ich Wikipedia „als Autor von Popliteratur und thematisiert Medienwirklichkeit und Probleme des jüngeren Publikums zwischen Markenwelt und Selbstfindung.“
Harald Schmidt schreibt auf der Buchrückseite „Benjamin v. Stuckrad-Barre hat in seiner Jugend Maienblüte einfach so das Buch hingelegt, das ich selber gerne geschrieben hätte. Grummel“ und auch Harry Rowohlt hat ein lobendes Wort für ihn.
Mir ist die starke Sprache aufgefallen, in dem schon 1998 einige Probleme beschrieben werden, die es immer noch und jetzt wahrscheinlich viel stärker gibt, die Arbeitslosigkeit z.B. aber das ist nicht das Problem des Helden, der ja arbeiten geht und mit Geld nicht umgehen kann, weil man das in der Konsumwelt, in der er lebt, auch nicht muß und daher das Konto ständig überzieht.
„Zur Zeit keine Auszahlung möglich. Automatendeutsch und so diskret.“
Dann gibt es noch ein paar Szenen, wo mit der coolen Schnauze, die Musikredakteure beschrieben werden, die ihre Gratisscheiben, den Händlern verkaufen, um zu Geld zu kommen oder auch von dem alten Mann, der dem Helden das Fahrrad seiner verstorbenen Frau verkauft, das dieser braucht, um wieder zu einer guten Figur zu kommen. Der Tod von Lady Di wird thematisiert und das Naheverhältnis zu Christoph Schlingensief. Der Held interessiert sich für Musik und Bücher und sonst für nicht sehr viel, so schmeißt er die angegarten Pizzen weg und die Kaffeehäferln schimmeln vor sich hin. So kann es bei Studenten um die sich niemand kümmert schon mal aussehen, daß ein Zwanzigjähriger so an dem Verlust seiner Freundin leidet, daß er Wohnung und Bett nicht mehr verlassen will, hätte ich eigentlich für uncool gehalten und, um als Roman zu gelten, scheint mir das Ganze zu schnell hinuntergeschrieben. Das Buch hat aber offenbar das Lebensgefühl der Jugend um 2000 sehr getroffen. Der Held schwatzt vor sich hin und erzählt auch mal was von den haptischen Eindrücken des Buches, das er nicht hergeben will, das erstaunte mich wieder sehr, hätte ich doch nicht gedacht, daß es den Kindle damals schon gegeben hätte, bin aber auch bezüglich des Musikgeschmacks des Helden nicht up to date, interessiere ich mich ja, wenn überhaupt, mehr für klassische Musik.
Das Buch stammt aus dem Bücherschrank und den Namen Stuckrad-Barre kenne ich von einer der ersten Amadeus-Zeitungen, der inzwischen Thalia heißt und keine Kundenzeitschrift mehr hat. Da gab es einen Artikel über die Popliteraten, wo neben Benjamin v.Stuckrad-Barre, auch Benjamin Lebert und Rosemarie Poiarkov vorgestellt wurde, wenn ich mich richtig erinnere.

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