Literaturgefluester

2011-12-04

Die Zimtläden

Filed under: Uncategorized — jancak @ 20:57

„Die Zimtläden“, des 1942 im Ghetto von Drohobycz von der Gestapo ermordenten Bruno Schulz sind, wie in der Buchbeschreibung steht, “ phantastische Erzählungen, in dem die versunkene Welt des galizischen Städtchen lebendig werden“ und Isaac Bahevis Singer schreibt „Manchmal schrieb er wie Kafka, manchmal wie Proust, und mit der Zeit gelang ihm eine Tiefe, die keiner von ihnen erreicht hat“, aber eigentlich ist diese Geschichtensammlung soetwas, wie ein Episodenroman, begegnen wir in den kurzen Geschichten, die Überschriften wie „Die Heimsuchung“, „Die Schneiderpuppen“, „Die Zimtläden“, „Die Kakerlaken“, „Die Krokodilstraße“ etc haben, immer wieder denselben Personen und das ist vor allem der Vater des Heranwachsenden Ich-Erzählers?, dem die seltsamsten Dinge passieren. Er züchtet Vögel auf dem Dachboden des Hauses, unterhält sich mit den Ladenmädchen seines Stoffgeschäftes, hält ihnen „Traktate über die Schneiderpuppen“ und wird von dem Hausmädchen Adela, das uns auch immer wieder begegnet und viel plastischer als die Mutter geschildert wird, angestupst und gekitzelt, so daß er lachend und kreischend aus dem Zimmer entflieht.
„Damals bemerkten wir alle, wie der Vater von Tag zu Tag schrumpfte – wie eine Nuß die in ihrer Schale vertrocknet“
Das Hausmädchen scheint überhaupt eine große Macht über den Vater zu besitzen, „es kehrt das graue Kehrichthäufchen, das sich in der Enge ansammelt jeden Tag zum Abfall“ und eine Geschichte, wo sich der verschwindende Vater, in eine Kakerlake verwandelt, gibt es auch.
In der Biografie Bruno Schulz ist von dem Stoffgeschäft des Vaters, das 1910 wegen schwerer Krankheit und Konkurrenz aufgelöst werden mußte, die Rede und das jüdische Stättel wird wohl am ehesten in der „Krokodilstraße“ beschrieben. Phantastisch und surreal sind die Geschichten allemal, womit ich meine Schwierigkeiten habe und das, ich gebe es zu, auch nicht so gerne lese, aber die „Zimtlädchen“ von Bruno Schulz haben auch ihre eigene Geschichte.
2008 sind sie von Doreen Daume neuübersetzt wieder erschienen, da hörte ich im Ex Libris davon und wollte auch zur Präsentation ins Literaturhaus gehen, gegangen bin ich dann zu Cornelia Travniceks „Die Asche meiner Schwester“ in die Nationalbibliothek. Doreen Daume habe ich aber bei der „Literatur im Herbst“ in diesem Jahr kennengelernt und heuer ist der zweite Geschichtenband „Das Sanatorium der Sanduhr“, auch von Doreen Daume übersetzt, erschienen und wurde im Frühjahr in der Gesellschaft der Literatur vorgestellt und an dem Tag im Februar, als ich meine hundert Bücher-Liste erstellte und danach in die Alte Schmiede zu einer Marianne Fritz Veranstaltung ging, habe ich in dem inzwischen einzigen Buchgeschäft auf der Wiedner Hauptstraße „Die Zimtläden“ aus einer Abverkaufskiste gezogen, um zwei Euro gekauft und auf Platz zweiundsiebzig auf meine Leseliste gestellt. Jetzt habe ich die skurrilen Geschichten gelesen, mir bei der Phantastik ein wenig schwer getan, so daß mich die Realistik des Essays von David Grossmann und die Anmerkungen von Doreen Daume fast mehr „faszinierten“, aber die Lebensgeschichte des 1892 in Drohobycz/ Gallizien geborenen Bruno Schulz ist ja auch sehr interessant. Sohn eines Stoffhändlers, der Maler werden wollte, der Erzählband ist auch sehr phantastisch von ihm illustriert, aus finanziellen Gründen mußte er aber Architektur studieren und war durch die Krankheit und dem Tod des Vaters auch gezwungen als Zeichenlehrer zu arbeiten.
Doreen Daume schreibt in ihrem Nachwort, daß er ausgezeichnet Deutsch beherrschte und drei Jahre lang in Wien gelebt bzw. gemeldet war und dort auch Architektur studierte. David Grossmann erwähnte eine Geschichte, daß der schüchterne Zeichenlehrer am Ostersonntag 1933 mit seinem Manuskript in einem Warschauer Künstlerhotel auftauchte und dieses einer berühmten Schriftstellerin geben will, die Kontakt zu einem renommierten Verlag hat, die dann von den Geschichten auch gleich sehr begeistert war.
Irgendwoanders steht geschrieben, daß die Verlage doch nicht so viele surreale Geschichten haben wollten und daß es auch mit den Übersetzungen schwierig war, obwohl sich Bruno Schulz schon in den Dreißigerjahren darum bemühte und einen Brief an einen in Wien lebenden Lemberger Anwalt schrieb. Er war dann aber doch ein berühmter Dichter, hat als Zeichenlehrer in einem Gymnasium gearbeitet und dort wohl auch Schwierigkeiten, sich bei den Schülern durchzusetzen. So interviewte David Grossmann 2008 einen ehemaligen Schüler, der erzählte, daß Schulz, um sich bei den Schülern durchzusetzen, diesen die ganze Zeit phantastische Geschichten erzählte, gezeichnet hätten sie nicht sehr viel bei ihm. In der Geschichte „Zimtläden“, wo der Ich-Erzähler mit den Eltern ins Theater geht und nach Hause geschickt wird, um das Portemonnaie des Vaters zu holen, kommt auch ein Professor vor, bei dem die Schüler nicht sehr viel zeichnen.
Und ein Augenzeuge bei der Aktion 1942 im Ghetto, wo die Gestapo wild auf Juden geschoßen hat, der den toten Schulz auf der Straße liegen sah, wird von David Grossmann auch zitiert. Eine andere Legende gibt es, daß Schulz der Schützling eines SA-Mannes war, dessen Villa er ausmalte bzw. mit Zeichnungen illustrierte und ein anderer SA-Mann ihn aus Rache erschossen hat.
„Sie haben meinen Juden getötet – Ich habe Ihren getötet.“, soll er gesagt haben.
In dem Buch gibt es auch einen Text von Bruno Schulz „Die Mythisierung der Wirklichkeit“ in dem „Das Wesen der Wirklichkeit ist der Sinn. Was keinen Sinn hat ist für uns nicht wirklich“ steht und dann mit „Die Poesie erkennt diesen verlorenen Sinn wieder“ weitergeht und mit „Philosophie ist eigentlich Philologie, sie ist die tiefgreifende, erschöpferische Erforschung des Wortes“ endet und ein Expose über das Buch „Zimtläden“ von Bruno Schulz gibt es auch.
„In diesem Buch wird der Versuch unternommen, die Geschichte einer Familie, eines Provinzhauses nicht aus ihren realen Elementen, aus Begebenheiten, Charakteren und den wirklichen Geschicken heraus zu begreifen, sondern über diese hinaus nach einem mythischen Gehalt, nach dem letzten Sinn der Geschichte zu suchen.“
Schöner als es der Autor tat, läßt sich das wohl nicht beschreiben. Ich interpretiere es mir trotzdem aus der Bigorafie heraus, auch wenn bei Wikipedia die mythologischen Deutungen entschlüßelt werden, so daß man die Rezeptionsgeschichte nachlesen kann, das, was ich aus der Biografie herauslese, erscheint mir klar verständlich, so daß ich mich die Lektüre und das, was ich bisher über Bruno Schulz las und hörte, sehr beeindruckt hat.

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