Literaturgefluester

2011-12-05

Lockergedichte und Kratochvil-Roman

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:16

Zwei unterschiedliche Termine in der alten Schmiede. Zuerst um sechs die sogenannte „Stunde der literarischen Erleuchtung“. Herbert J. Wimmer las und kommentierte „Locker und Spontangedichte“ von Andreas Okopenko und nahm dazu fünf oder sechs Gedichtbände auf den Lesetisch mit. Begonnen hat er mit denen, die 1983 bei Freibord erschienen sind und las daraus ein „Traumgedicht“, das offenbar auch in dieser berühmten Humanic-Werbung verwendet wurde. Dann gab es noch ein lustiges „Zölibat“ genanntes „Der liebe Gott ist ganz allein, so sei es auch sein Priesterlein“.
Lockergedichte sind also ganz spontan entstandene Drei oder Vierzeiler, manchmal sind die Texte auch länger, die Andreas Okopenko offenbar sehr gern geschrieben hat und dabei mit der Sprache spielte. Herbert J. Wimmer, der alle seine Lieblingsgedichte gelesen hat, hat etwas davon gesagt, daß die Lockergedichtzeit zwischen 1973 und 83 gewesen ist, die Spleengesänge „Warum sind die Latrinen so traurig“, sind aber 1969 bei Residenz erschienen, Herbert J. Wimmer hat auch daraus gelesen, das dürften eher längere Texte sein. Dann gibt es noch die später erschienenen Texte in den Büchern „Immer wenn ich heftig regnet“, „Affenzucker“ und „Streichelchaos“ bei Ritter erschienen, das wie Herbert J. Wimmer erwähnte noch erhältlich ist und das er von hinten nach vorne las.
Nach einer halben Stunde war er fertig und es war eine gute Erinnerung an den Dichter, dessen Fest zum achtzigsten Geburtstag ich fast versäumte und bei dessen Begräbnis ich auch im vorigen Juli war.
Dann war aber noch viel Zeit bis zum nächsten Programmpunkt, nämlich der zweisprachigen Lesung der „Femme Fatale“ von Jiri Kratochvil, so bin ich ein bißchen über den Graben und den Kohlmarkt gegangen und habe mir die Weihnachtsbeleuchtung und die Punschstände angeschaut bzw. die Weihnachtsschokoladen im Mannershop.
Nachher ging es in den Keller und ich habe ein paar Gesichter wieder getroffen, obwohl das ja eine andere Literaturgattung ist, aber von Jiri Kratochvils Roman „Femme Fatale“ habe ich in der letzten Zeit recht viel gehört, so daß ich neugierig war.
Das Buch ist von Christa Rothmeier und ihrer Tochter aus dem Tschechischen übersetzt bei Braumüller erschienen, ein Verlag der sich offenbar besonders um die tschechische Gegenwartsliteratur bemüht, war da ja erst eine Veranstaltung mit tschechischen Erzählern, die Christa Rothmeier ebenfalls moderierte. Diesmal wurde von Ronald Pohl eingeleitet, den Kurt Neuman als Spezialisten der osteuropäischen Literatur vorstellte und der erzählte auch ein bißchen was über den Roman, der im November 1989 beginnt. Da kommt eine junge Frau, in dem Roman wird sie als Mädchen beschrieben, von Prag nach Brünn, dort wurde sie am Wenzelsplatz auf der Demo zusammengeschlagen, jetzt trifft sie im Haus der Kunst ein und lernt den Erzähler einen Turnlehrer kennen, den die Femme Fatale“ dann auch gleich verführt, bzw. ihn einmal in der Woche in einem Fitneßstudio eines Stundenhotels trifft, die Femme Fatale namens Katka hat auch einen Wenderoman geschrieben, mit dem sie gleich sehr berühmt wird, so daß sie ein Stipendium nach New York erhält und dort kreative Writingkurse gibt und um eine Wiedergeburt bzw. um eine trommelnde Doppelgängerin geht es auch.
Der 1941 in Brünn geborene Jiri Kratochvil las einen Teil des ersten Kapitel und dann noch ein Stück des dritten auf Tschechisch, Kurt Neumann das zweite, dann gab es noch ein Gespräch, wo Jiri Kratochvil etwas über den postmodernen Roman und seinen Schreibstilen erklärte, es geht auch viel um Fiktion und surreale Elemente, das was ich hörte, klang aber durchaus realistisch. Der Versuch eines älteren Mannes, die Wende an Hand einer schönen jungen Frau ironisch distanziert zu erzählen, ein interessanter Roman, es gab auch ziemlich viel Publikum, so ist unter anderen Cornelius Hell gekommen, den ich gleich etwas zum gestrigen Ex Libris fragen konnte. Denn da hat er die „Elenden von Lodz“ besprochen, ein Buch von dem ich schon auf meinem Frankfurter Buchmessensurfing hörte und mich wunderte, daß es niemand mit der „Fliegenfängerfabrik“ von Andrzei Bart verglich, da es da ja offenbar, um genau das gleiche Thema und den Judenrat Chaim Rumkovski geht. Das Buch ist auch 2011 erschienen und wurde, glaube ich, zu Ostern in Ex Libris vorgestellt, in der Hauptbücherei war es auch, dann kam der Bestseller aus Schweden und kein Mensch spricht mehr davon, was ja sehr interessant ist oder, wie mir Cornelius Hell erklärte, daß man bei so vielen Büchern, nicht alle kennen kann. Ich werde aber auch nur eines lesen und die „Femme Fatale“, auf die Kurt Neumann hinwies, daß man sie am Büchertisch erwerben kann, wahrscheinlich nicht.
Der Abend war in seiner Vielfalt sehr interessant und auch, daß mich jemand fragte, ob ich wieder im Literaturgeflüster darüber schreiben werde? Natürlich, denn das tue ich regelmäßig seit drei ein halb Jahren und da ist es interessant, daß das heute der neunhunderterste Artikel ist, da habe ich gestern vergessen, die runde Zahl zu erwähnen.

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