Literaturgefluester

2011-12-11

In Plüschgewittern

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:54

„In Plüschgewittern“ von Wolfgang Herrndorf, ebenfalls ein Fund aus dem offenen Bücherschrank, ich glaube, es war bei der Eröffnung von dem am Zimmermannplatz und das vorvorletzte auf meiner „Hundertbücherliste“, ist sehr interessant, denn über den 1965 in Hamburg geborenen Autor ist sehr viel zu sagen. Erstens einmal ist das Buch, das 2002 bei „Zweitausendeins“ erschienen und für die rororo Ausgabe überarbeitet wurde, der erste Roman des Autors und mit „besonderen Dank Katrin Passig und Holm Friebe“ gewidmet, der Autor ist auch inoffizieller Mitarbeiter der „Zentralen Intelligenz Agentur“ und schreibt Beiträge für die „Riesenmaschine“. 2004 hat er auch beim Bachmannpreis gewonnen und diesen Frühling war sein vierter Roman „Tschik“ auf der Shortlist bei Leipzigerbuchpreis, den dann Clemens J. Setz gewonnen hat. Der Autor konnte nicht nach Leipzig reisen,leidet er doch an einem Gehirntumor und schreibt darüber seit 2010 in „Arbeit und Struktur“.
Irgendwo habe ich gefunden, daß er seit seiner Krankheit sehr viel schreibt und so ist auch im November ein neuer Roman namens „Sand“ erschienen und, daß er viel mit Katrin Passig herumreist, habe ich auch wo gelesen.
Aber zurück zum Debutroman, bzw. zu der bei rororo erschienenen Fassung, die ich gelesen habe, die Erstfassung wird, entenehme ich Wikipedia, der Popliteratur zugeordnet und der Roman erinnerte mich auch an Thomas Glavinic, Thomas Klupp und Sven Regener. Es geht um einen sehr orientierungslosen Dreißigjährigen und vielleicht auch um einen, der an einer Depersonalisierungsstörung leidet und die entsprechende Verlinkung habe ich auch in dem Tagebuch von Wolfgang Herrndorfs Tagebuch wiedergefunden und natürlich geht es auch über die Generation X. Das sind die, „die sich der Gesellschaft verweigern, ohne gegen sie zu protestieren“, also die, „die wahnsinnig intelligent und selbstbewußt als Kellner jobben, billige Drogen konsumieren und nachts im Bett Turgenejew lesen.“
Der Held ist ein namenloser Dreißigjähriger über den man auch sonst nicht viel weiß, obwohl er pausenlos redet, monologisiert und denkt und am Beginn der Geschichte, ähnlich wie bei Thomas Klupps „Paradiso“ auf einer Autobahnraststädte steht, denn er hat sich gerade von seiner Freundin Erika getrennt und ihr geholfen die Wohnung auszuräumen, da sie nun in eine WG nach Frankfurt fährt. Irgendwo auf der Autobahn verabschieden sie sich voneinander, Erika fragt ihn noch nach seinen ersten Erinnerungen an sie und er kommt mit einem Kindergeburtstag bei Psychologeneltern daher, wo man sie meisten Worte aus dem Wort „Kaiser“ finden soll und er findet „Erikas“, was aber nicht gilt, denn ein Name hat ja keinen Plural.
Der Dreißigjährige stammt auch von wahnsinnig liberalen Eltern, die ihre Kinder tolerant und vorurteilsfrei erziehen wollen, trotzdem sitzt er da als Kind und denkt sich Geschichten aus, daß seine Eltern nicht seine Eltern wären und Neurodermitis kriegt er auch. Aber das ist erst später, als er sich in das Mädchen mit den hellblauen Jeans verliebt und wegen ihr in der Oberstufte Kunstgeschichte, Französisch und Latein wählt und dann jahrelang in ihrer Klasse sitzt, um kein Wort mit ihr zu reden. Zu einer Beziehung kommt es erst ein paar Jahre später. Aber jetzt sind wieder ein paar Jahre vergangen, der Held ist Dreißig und stoppt nach Hamburg in sein Elternhaus, wo jetzt sein Bruder Volker und dessen schwangere Frau oder Freundin Marit leben. Wo die Eltern hin verschwunden sind, erfährt man nicht, wohl aber von den miesen Scherzen, die er mit der wahnsinnig toleranten Pastorentochter Marit macht und dann gibt es noch eine Großmutter, die im Sterben liegt und dorthin fährt er am nächsten Tag. Da konnt dann eine schaurig schöne Stelle, von seiner Todesangst und dem Bild der Großmutter als junges Mädchen, der auch niemand gesagt hat, daß sie Jahre später an Krebs sterben wird.
Der Held fährt aber nach Berlin um dort einen Freund zu suchen, sinniert eine Weile über die Homosexualität herum, erlebt den Freund auch als Fremden, sucht nach einer Wohnung, verliebt sich in eine Frau namens Ines, was aber nicht klappt, versucht vergeblich einige Male Erika anzurufen, dann besauft er sich und irrt in diesem Zustand von Lokal zu Lokal, bevor er seinen Rucksack schnappt, er ist immer mit dem solchen unterwegs und sich bei einer Mitfahrzentrale nach Worms mitnehmen läßt. Der Laster fährt aber in Richtung Hamburg, der Fahrer versucht ihn anzubaggern und im letzten Kapitel sind wir wieder in der Villa bei Marit mit dem blauen Kleid und dem Einstich einer Infusionsnadel und ich bin mir nun nicht sicher, ob das Ich jetzt der, der bisherigen Erzählung oder der Bruder Volker, offenbar auch ein Psychologe, ist, jedenfalls gibt es Aufzeichnungen von dem über seinen mißratenen Bruder mit der Depersonalisationsstörung, der die Geschichte weiter erzählt und der letzte Satz lautet „Wenn es ein Junge wird, werden wir es nach ihm nennen“, hat Marit gesagt und ich habe gelacht. Da kann man nur hoffen, daß es kein Junge wird“.
Ganz so spannend durchkonzipiert, wie man das von der Riesenmaschine immer hört, daß man es tun muß, damit man den Bachmannpreis gewinnt, erscheint mir das Buch nicht. Ein bißchen habe ich mich bei dem orientierungslosen Dreißigjährigen, der sich da so planlos durch das Leben säuft nicht ausgekannt, aber die ersten Kapitel, wo er im früheren Kinderzimmer liegt und großspurig über seine verlorene Jugend sinniert, habe ich sehr dicht gefunden, später in Berlin erschien es mir unübersichtlicher und das viele Räsonieren über die Homosexualität, hat mich auch ein bißchen verwirrt, dachte ich, da wären wir schon weiter und es ist auch nicht ganz klar, ob in dem Buch die „Geistesschwäche“ eines einzelnen Helden oder die der gesamten Gesellschaft angeprangert wird und, daß Kinder machmal glauben ihre Eltern wären nicht die richtigen, zählt, glaube ich zu den ganz normalen Entwicklungsphasen, die Krankheit des Autors macht das Buch auch sicher noch ein bißchen tragischer.
Es sind aber immer wieder sehr spannende Episoden eigefügt, so die schon erwähnte, bei dem Kindergeburtstag bei den Psychologeneltern, aber auch die, wo die Klasse einen Ausflug auf die Ostseite macht, um den „Frieden und die Sozialdemokratie oder auch nur Blödsinn zu erleben“ und sein Freund Malte wettet, daß der, der es schafft als längster von der Grenzpolizei geflizt zu werden, von den anderen 10 Ostmark vom Zwangsumtausch bekommt. Malte schafft es sechs Stunden in der Kabine zu bleiben, kauft sich, um das „Ost-Spielgeld“ einen sozialistischen Trainingsanzug, den er dann aus dem Zugsfenster schmeißt, in dem Buch wird überhaupt viel weggeschmissen, später erzählt Malte seinem Freund dann, daß er gar nicht so lange in der Kabine, sondern am KuDamm, im Bahnhof Zoo und im Kino war. Ja und Erika ist auch nie in Frankfurt angekommen, sondern hatte auf der Fahrt dorthin einen tödlichen Autounfall.
Thats live oder das Lebensgefühl der Dreißigjährigen der Generation X und jetzt wünsche ich Wolfgang Herrndorf für sein neues Buch und seine Gesundheit alles Gute, für „Tschik“, das ich nicht gelesen habe, hat er den Clemens-Brentano-Preis und den Jugendliteraturpreis 2011 bekommen, der Hans-Fallada-Preis ist 2012 dran.

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