Literaturgefluester

2011-12-16

Zusammen ist man weniger allein

Filed under: Uncategorized — jancak @ 13:59

„Philibert ist zwar ein historisches Genie, doch wenn er mit Menschen spricht, gerät er in Stottern. Camille, magersüchtig und künstlerisch begabt, arbeitet in einer Putzkolonne, und Franck schuftet als Koch in einem Feinschmeckerlokal. Er liebt Frauen, Motorräder und seine Großmutter Paulette, die keine Lust aufs Altersheim hat. Vier grundverschiedene Menschen in einer verrückten Pariser Wohngemeinschaft, die sich lieben, streiten und versuchen, irgendwie zurecht zu kommen“, steht auf der Rückseite von Anna Gavaldas 2005 erschienenen Roman „Zusammen ist man weniger allein“, die Pariser Wohngemeinschaft wird aber in dem fünfundhundertfünfzig Seiten dicken Buch erst allmählich aufgebaut und besteht eigentlich erst im vierten Teil.
Zuerst lernen wir die Großmutter Paulette kennen, die ihre Stürze und die darauffolgenden blauen Flecke vor ihrem Enkel zu verbergen sucht und dann nicht mit ihrer Freundin Yvonne, den verabredeten Supermarktbesuch machen kann und Camillie wird von ihrer Putzfirma offenbar zu einer Gesundenuntersuchung geschickt und muß den untersuchenden Arzt becircen, damit er sie trotz Untergewicht arbeitsfähig schreibt, Camille putzt, wie beschrieben in einem Unternehmen, wo sie die einzige Weiße ist, hat mit ihrer Brigadeleiterin Schwierigkeiten und mit den Herrn in den oberen Etagen, die ihre Büros versaut hinterlassen, so daß sie ihnen ein Brieflein mit einer Zeichnung „Sehr geehrter Herr, Sie sind Schwein!“, hinterlegt, denn Camillie ist eigentlich eine Künstlerin und zeichnet unentwegt. Sie hat auch eine schwierige Mutter, die sie offensichtlich in die Magersucht trieb und dann war auch etwas, daß sie veranlaßt hat, eine Karriere abzubrechen, zu putzen und in einem kalten, ehemaligen Dienstmädchenzimmer auf einer Matratze zu schlafen. Das befindet sich im Hinterhof eines herrschaftlichen Hauses, wo in einer dreihundertquadratmeter Wohnung der stotternde Philibert, aus einer veramten Aristrokratenfamilie mit unzähligen Bildern und Wertgegenständen haust, der die Geschichte in und auswendidg kennt, mit Napoleon sozusagen auf du und du ist, aber vor einem Museum Postkarten verkauft und außerdem eines der Zimmer an Paulettes Enkel vermietete, der dort in seiner Mittagspause schlafen will.
Es ist einiges ein bißchen unlogisch und widersprüchlich in dem Buch, die Handlung wird aber spannend aufgebaut. Es gibt eine Menge Dialoge und packende Szenen, die beispielsweise Camilles Magersucht erklären. Die lernt in dem Haus Philibert kennen und läßt sich eine Glatze scheren, weil sie zu schwach ist, die schäbige Dusche ihres schäbigen Quartiers zu benützenn, in diesem Zustand findet sie Philibert und schleppt sie hinunter in eines der Zimmer seiner großen Wohnung und Franck kocht ein besonderes Süppchen für sie.
Mit unlogisch meine ich beispielsweise, daß Franck, der sich Camille vorsichtig annähert, ihr ihre Intellektualität vorwirft, si ist aber eine Künstlerin, gibt es hier zwischen dem Französischen und dem Deutschen einen Verständnisunterschied, dann fragt aber immer sie ihn nach Dingen, die sie nicht versteht, z.B. was ist ein „mise en place?“. Das könnte vielleicht ein österreichisches Unterschichtkind einen Intellektuellen fragen, weil das ja ein französischer Ausdruck ist.
Franck sorgt sich jedenfalls um Camille und nimmt sie auch zu Sylvester in sein Restaurant zum Aushelfen mit. Dort spritzt sie dann so schöne Gänse auf die Teller, daß Chef und Gäste voll begeistert sind. Mit Paulette, die Frack regelmäßig auf seinem schnellen Motorrad besucht, sie wohnt nicht in Paris, geht es inzwischen bergab, sie läßt Dinge anbrennen und muß in ein Altersheim, ist todunglücklich dort, aber ein besseres kann Franck sich nicht leisten. Philibert verbringt die Weihnachtsferien bei seinen adeligen Eltern und tritt dann in eine Schauspielgruppe ein, die sein Stottern schlagartig zum Verschwinden bringt und Camillie, die ihren schweinischen Herrn umerzogen hat, quartiert einen Drogensüchtigen in ihr ehemaliges Untermietkammerl ein, streitet sich mit Franck, bekommt von seiner Oma Schals mit Löchern geschenkt und fährt einmal mit, als er sie besuchen will. Das bringt sie auf die rettende Idee, Franck und Philibert vorzuschlagen, Paulette in die Wohngemeinschaft aufzunehmen. Sie wird ihre Pflegerin, setzt sie in einen Rollstuhl und fährt sie damit sowohl zum Friseur als auch durch die Museen. Philibert brilliert in einer Theateraufführung und heiratet gleich die junge Dame, die ihn dorthin brachte, was bedeutet, das die Wohngemeinschaft nur noch aus drei Personen besteht bzw. auch nicht mehr, denn den Sommer verbringt Camille mit Paulette in deren Haus und pflegt den Garten. Es geht noch weiter den Berg hinab, Paulette stirbt und vererbt Camille den Garten, so daß die nun Franck bearbeitet muß, nicht nach London, sondern aufs Land zu gehen und dort ein Feinschmeckerlokal aufzumachen.
„Dieser Roman ist wie „Die fabelhafte Welt der Amelie“ nur noch schöner“, schwärmt Frederic Beigbeder und die Zeitschrift Brigitte meint „Anna Gavalda erzählt so klug, burschikos und witzig, daß die fünfundertfünfzig Seiten viel zu schnell ausgelesen sind und man noch lange nicht von diesem Buch lassen möchte“.
Das habe ich nur teilweise so empfunden, denn wie beschrieben teilweise war es dicht durchkompniert, witzig und sozialkritisch, dann habe ich es wieder unlogisch und widersprüchig empfunden und würde meinen, daß es gekürzt oder überarbeitet gehört, so die Szenen etwa, in denen sich Camille mit der Altenpflege überfordert fühlt und nicht, weiß ob es jetzt gut ist, ob sie Paulette in einen Rollstuhl setzt oder nicht?
Interessant war es aber etwas vom Pariser Leben zu erfahren und extreme Typen und psychosoziale Extremzustände faszinieren mich sowieso.
Anna Gavalda wurde 1970 geboren, auf dem Land aufgewachsen, hat in Paris Literatur studiert und als Französischlehrerin gearbeitet.

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