Literaturgefluester

2011-12-24

Wichtig nehmen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 03:40

Das Schreiben ist für mich das Wichtigste, da gibt es keinen Zweifel, habe ich da ja auch einen Nachholbedarf und Anerkennungsnotstand. Dann gibt es einen Brotberuf, von dem ich lebe, der ein bißchen Anerkennung gibt und seine klaren Strukturen hat. Wenn ich Stunden eingetragen habe, ist das das Wichtigste, kommt der Klient dann nicht, setze ich mich vor dem Laptop und schreibe und im Sommer zwischen meinen Stunden auch im Garten. Jetzt hat der Alfred irgendwelche Solaraktien gekauft, wo er „Gea“-Gutscheine bekommt, die er mir mit der Auflage gab, daß ich mir dafür Eisbär-Schuhe, warm gefüttert, kaufen soll, damit wir damit, am Wochenende sollte es ja kalt werden, auf die Rudolfshöhe gehen können.
Am Dienstag gab er mir sie, am Mittwoch war das unmöglich, weil am Vormittag und Nachmittag Psychotherapie und Diagnostik, am Abend habe ich mich zwischen das neue Bücherregal und dem Tisch mit den Kerzen und dem Adventkranz gesetzt und bin langsam in Schreibfluß gekommen und am Donnerstag gab es nur eine Abendstunde. Dafür ist die Milch ausgegangen, so daß ich wieder zum „Lidl“ mußte, dann hätte ich natürlich in die Himmelpfortgasse laufen können, aber dann wäre ich nicht oder nur sehr bedingt zum Schreiben gekommen und der Schreibfluß dahin und da hatte ich ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, beziehungsweise wurde ich durch die entsprechende Einstiegslektüre und das Eigen-Bücher-lesen ohnehin schon daran gehindert.
„Ich gehe nicht zum „Gea“, sondern schreibe, weiter!“, habe ich gedacht und das auch mit Erfolg getan. Sind am Donnerstag vor dem Bücherregal und den Kerzen, ich war vor dem „Lidl“ auch beim „Kika“ und habe mir noch einmal einen Satz Kerzen für den Adventkranz gekauft, weil die schon abgebrannt und ich niemals vier Kerzen auf einmal brennen hatte, gekauft, doch zwei Szenen entstanden und zwei weitere schon aufnotiert. Das schlechte Gewissen kam aber wieder, denn eigentlich hätte ich ja Zeit für die Schuhe gehabt, denn mein Schreiben ist ja eigentlich keine Arbeit, wird sie ja nicht anerkannt, ich bekomme kein Geld dafür, finde keinen Verlag, etc und wir leben ja in einer Gesellschaft, wo nur das wichtig ist und wenn in der Sendung „Von Tag zu Tag“ einmal ein Autor über seine Bücher spricht, der nicht Menasse oder Winkler heißt, ruft sicher jemand an und fragt „Können Sie davon leben?“
„Blödsinn!“, habe ich natürlich zurückgedacht.
„Mein Schreiben ist auch wichtig und nur so kann ein guter Roman entstehen, wenn ich mich auch so verhalte und nicht nur nebenbei, schnell schnell ein paar Sätze hineinquetsche und die Schuhe kann ich auch später kaufen, es ist ohnehin nicht kalt und ich habe auch noch andere.
Am Freitag hatte ich um zwei Uhr eine Diagnostik, am Vormittag vor mein zweites Weihnachtsbuch zu besprechen, seltsamerweise scheine ich das ein wenig wichtiger zu nehmen, vielleicht, weil das schneller geht, als die schwer zu kalkulierende Romanarbeit, dann den Befund schreiben und einzupacken, also auch keine Zeit für Schuhe und nächste Woche in den Praxistagen wahrscheinlich auch nicht, weil wieder Diagnostik und Termine und abrechnen muß ich auch, vielleicht im Jänner, wenn ich ohnehin zur „Ohrenschmaus“-Besprechung muß“, dachte ich mit ein wenig Unbehagen, als der Alfred in das Badezimmer kam und fragte, ob ich die Gutscheine schon eingelöst habe und sich nicht auf den Ausverkauf vertrösten lassen wollte, wo sie vielleicht auch billiger sind.
Um halb vier ist das Kind gegangen, ich habe den Alfred angerufen und gefragt, ob ich zum „Gea“ laufen oder gleich den Befund schreiben soll und bin losgegangen. Jetzt habe ich schöne warme hellbraune Eisbär-Schuhe, in denen ich am Montag wahrscheinlich schwitzen werde, wenn nicht doch noch das vorausgesagte Winterwetter kommt und das Punschstandl vor dem Falco-Platz für den es ja Gratisgutscheine gab, habe ich jetzt auch gefunden und dort gibt es leckeren Mandarinen-Ingwer oder Bratapfelpunsch und vor dem Eislaufverein stand ein junges Mädchen mit einem Korb und teilte Backformen aus.
Alles bestens also, denn es geht sich meistens ohnehin alles aus, weil ich sehr diszipliniert bin und auch gut planen kann.
So daß dem Weihnachtswochenende nichts im Wege steht und der Roman weiter wachsen und sich entwickeln kann, schließlich habe ich fast vierzig Jahre Erfahrung mit meiner doppelten Identität. Der Brotberuf ist wichtig und interessant und die Literatur leider immer noch das Stiefkind, wie ich schon vor zwanzig Jahren in dem Buchkultur Interview sagte, aber für mich sehr wichtig und daher kann es sein, daß ich manchmal keine Zeit für Schuhkäufe habe, weil ich schreiben will, wie ich sie auch nicht habe, wenn ich teste, zuhöre oder einen Befund verfasse und während ich das flüstere, ist von Rudolf Lasselsberger eine Weihnachtskarte mit singenden Elchen und rollenden Augen gekommen und von Stephan Eibel ein Weihnachtsgedicht

„wenn für jedes Lebewesen auf Erden
nachts der Mond in Form einer Colaflasche erscheint
dann wird mit beinah hundertprozentiger Sicherheit
im Sommer Pesi Cola als neue Sonne hinunterbrennen

wenn alle wennsätze wahr geworden sind
die neueerfundenen speisen längst verdaut
dann stehe ich vor dem weihnachtsbaum und sage:
uff“

schreibt er.
Dem ist nichts hinzuzufügen als „Schöne Weihnachten!“
Wünsche für das Ernster- und Wichtigernehmen des eigenen Schreiben, habe ich für das nächste Jahr aber auch an mich.

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