Literaturgefluester

2011-12-28

Gräber und Drüber

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:38

Zum Jahresende kommt ein bißchen Lyrik, habe ich mir ja schon im Februar 2010 vorgenommen, mehr Gedichtbände zu lesen, der Kurzgeschichtenvorsatz kam in diesem Jahr und fix poetry hat mich heuer auch mit so vielen schönen Gedichtbänden deutscher Gegenwartslyriker beschenkt, die mir ansonsten unbekannt geblieben wären, denn beim Dicht-Fest lesen ja meist Österreicher, die mir wenigstens vom Hörensagen so einigermaßen bekannt sind.
Aber Fix-Poetry hat ja ein wöchentliches Gewinnspiel und so sind dieses Jahr vier Lyrikbände zu mir gekommen. Ich nehme mal an, daß ich Michael Arenz „Die Vulgarität der davongeschwommenen Felle“ schon voriges Jahr gewonnen habe und 2009 Kerstin Hensels Roman „Lärchenau“ und ein Ritter-Bändchen, das ich, ich muß es gestehen, noch nicht gelesen habe. Den „Beyoglu blues“ davon schon im Juli, als ich für „Die Frau auf der Bank“ recherchierte, dann kamen H.G. Adlers „Andere Wege“ und kurz darauf noch Thomas Spaniel „die irren kurse einer sterbenden fliege“ , beide Bücher stehen auf der Leseliste, aber Andreas Reimann „Gräber und Drüber“, geht sich in diesem Jahr noch aus.
Es ist ein Buch der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 2010 erschienen und Andreas Reimann wurde 1948 in Leipzig geboren. „Ab Mitte der 60er Jahre“ steht im Klappentext „machte er sich einen Namen als Lyriker. Er studierte bis zu seiner Exmatrikulation aus politischen Gründen am Literaturinsitut in Leipzig. Wegen seiner kritischen Haltung wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und in den folgenden Jahren mit einer Veröffentlichungssperre belegt.“
Man merkts den Gedichten an, daß sie trotz der poetisch schönen Sprache sehr politisch sind, obwohl das „Gräber und Drüber“ zuerst nicht auf diese Idee kommen lassen.
Es gibt vier Teile „Der sich erinnernde Lehm“, „Die Kosten für die Gräber“, „Nach dem Wetterbericht“ und „Später Gewitter“.
Dann beginnts noch weit weg von der ehemaligen DDR mit einem „Monolog“
„Gräber. Und drüber die seelen. Irre wird der, der sie zählt. Alter, beginnst du zu zählen? Ich zähl seit dem Anfang der Welt.“
Ein starker Ton und sogar in Reimen.
„Gräber und gräber. Und drüber, alter mann spring!“
Dann gehts zur „Demonstration“
„Der Bannenträger mit muskeln wie batzen gebrannten lehms, trug vorbei an der ehrentribüne am kampftag die leuchtende fahne marx engels lenin und (damals noch) stalin: das war ein beeindruckend bild“
Im zweiten Teil geht es gleich mit den Gräbern weiter und es kommen auch die verschiedensten Todesarten vor.
„quer über die badewanne lege ein brett ein stabiles daraufzustellen das neuerworbene vielversprechende fernsehgerät“
Nein, das hat weder mit Gräbern noch mit Sterben zu tun, aber einen sehr beeindruckenden frischen Ton.
„vermengt mit dem gries und dem eigebl dazu, das gibt eine nahrhafte suppe“.
Dafür kommen wir bei der „Welle“ nach New Orleans und dem Thema näher.
„wo liegen deine toten und toten und fortgerissen die häuser sind.
Und ein tornado ging durch die stadt new orleans. Und ihm folgte die flut.
Und der flut keine hilfe von der regierung.
Und schickte sie also statt des brotes nach new orleans
ihre soldaten, zu hindern die leute
am plündern des supermarkts.“
Aber auch die „elegische drössnitzer hymne“ hat es in sich:
„Mitunter ist ein sterben, das den nächsten nichts hinterläßt.“
Und „Nach einem halben Jahrhundert“
„Selbst die brecht priesen, weil beharrlich sie ihn nicht verstanden, werdens heutzutage wohl nicht mehr tun“.
Dann kommen schon „Die Kosten für die Gräber“
„Wer kann nicht bezahlen die hohen gebühren
für eine haltbare grabstatt der seinen
muß haben ein gutes gedächtnis“.
Im dritten Teil „Nach dem Wetterbericht“ trifft der Vater den verlorenen Sohn“ und gibt ihm den Rat nicht mehr zurückzukommen:
„Und komm wieder mein sohn, wenn du soweit bist gegangen, daß du bereit bist, dich uns, die wir sehr dich vermissen, beizugesellen unter dem stein.“
es gibt auch eine „Erfahrung mit Dichtern“
„Einst gings mir schlecht, doch warn alsbald zugegen, die freunde hilfreich, also gings mir gut.“
Und das „Gefängnis Cottbus Zweitausendundzehn“
Beim „Morgenspaziergang“ sagt der Hundebesitzer „du arschloch der tut dir doch nichts, er wolte nur spielen, als ich so dalag und unfähig war, den speichel des tieres mir vom gesicht zu wischen.
er riecht ihren angstschweiß, sagte der mann.“,
während es sich bei den „Hunden“ wieder schön reimt:
„Doch auf den granitenen stufen, sitzen sie noch wenn es tagt, es hat sie keiner gerufen, es hat sie auch keiner verjagt.“
Bei „Später Gewitter“ geht es um das Wetter, aber auch um „Verlustanzeigen“
„Meine freunde sind verschollen, all die tollen wundervollen, die proleten und poeten, mit verschiednen maultrompeten“, um „Verzicht“, „Frieden“ und „Herbstanfang“, etc.
Stark, poetisch, politisch, aber auch gefühlvoll und manchmal fast ein wenig kitschig, die Gedichte des Leipziger Dichters, der mir fast unbekannt gewesen ist. Es gibt aber einen Band „Leipziger Gedichte“ von ihm, auch Liebesgedichte hat er geschrieben, nach dem nach der Wende seine Gedichte wieder erscheinen durften.
Interessant so ein Ausflug in die moderne deutsche Lyrik, nachdem ich heuer ein bißchen E.A. Richter, Hans Lebert und Kurt Klinger gelesen habe. Ein Dietmar Füssel Band wartet auch noch aufs Lesen und auf die H.G. Adler-Gedichte, die bei Drava erschienen sind und von Helmuth A. Niederle in der Edition Milo herausgegeben wurden, freue ich mich schon.

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