Literaturgefluester

2012-01-04

Der Platz des Hundes

Filed under: Uncategorized — jancak @ 16:37

Jetzt kommt das erste Buch auf der 2012er Leseliste, das schon lange in meinem Bücherregal steht, bzw. im Badezimmer lag, habe ich doch Anna Weidenholzers „Der Platz des Hundes“, schon 2010 von der Buch-Wien nach Hause gebracht. Der freundliche Verleger hat es mir gegeben und ich habe es nicht gelesen, denn da gab es ja so ein Vorurteil „Kurzgeschichten lese ich nicht!“ und tat dem Buch damit nicht nur Unrecht, es trifft auch nicht ganz zu. Denn eigentlich könnte man die die acht Erzählungen ähnlich, wie Daniel Kehlmanns „Ruhm“ als einen Episodenroman interpretieren. Zumindesten hantelt sich eine Geschichte an der nächsten weiter und dem Leopold der ersten Geschichte begegnen wir in der letzten wieder, dazwischen haben wir seine Kellnerin kennengelernt, einen alten Mann mit weißen Schnurrbart, zwei ältere Damen, einen jungen Mann, u.u.u.
Und die 1984 in Linz Geborene ist dem Literaturgeflüster auch keine Unbekannte, habe ich den Namen doch 2009, glaube ich, kennengelernt. Denn da las sie in einer von Angelika Reitzer moderierten Textvorstellungen, im Etcetera war ein Text von ihr und in der Wortlaut-Anthologie und wenn ich mich nicht irre, waren das auch Geschichten, die im „Platz des Hundes“ zu finden sind.
Das Buch, 2010 erschienen, wurde auch in Ö1 vorgestellt und die Titelgeschichte daraus gelesen, vor einem Jahr war sie bei den Lockstoffen und heuer wurde Anna Weidenholzer bei den Auftritten im Literaturhaus prominent präsentiert, ihr Postkartenportrait steht auf meinem Bücherregal, bei der GAV ist sie nun auf, obwohl das etwas schwierig war und das ist eigentlich nicht verständlich, denn die acht Kurzgeschichten zeigen einen eigenen Ton, haben eine schöne Sprache und beschäftigen sich vor allem, was mich ja sehr freut und was auch Bernhard Strobel ein bißchen so macht, mit den kleinen Leuten am Land, den einsamen alten Männern, etc und das auf eine durchaus literarische Art.
So geht der leise Reigen los mit der „Zwischenzeit oder der Platz des Hundes“, wo wir Leopold, einen vereinsamten Mann, treffen, der für seinen Hund, den es offenbar gar nicht mehr gibt, Palatschinken macht und dabei „das Mehl in den Motten“ nicht bemerkt.
Es sind die kleinen feinen Töne, die in Anna Weidenholzers Texte bestechen, das Ungesagte, Angedeutete. Ist Leopold jetzt Witwer oder nicht und wie ist das mit der Uhrenmaffia und der Zwischenzeit?
Ein paar Wendungen tauchen immer wieder auf, die mir ungewöhnlich scheinen, wie etwa, das Weltspartaggeschenk, die „Sumsi-Biene“ oder ein paar Allgemeinplätze, wie der Satz „Meine Lieben, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, hat die Großtante geschrieben“, aus einer späteren Geschichte, wo ich mir Denken könnte, daß es Anna Weidenholzer, wenn sie das vielleicht in Klagenfurt liest, mit den Kritikergöttern Schwierigkeiten hat, weil die ähnlich, wie 2009 bei Caterina Satanik, das Österreichische an der deutschen Sprache nicht aushalten.
Mir aber gefällt die Mischung des Alltagslebens mit der schönen Sprache, der kleine feine Reigen, der der Geschichtensammlung vielleicht doch eine Handlung gibt, denn die agierenden Personen, scheinen in derselben Gegend irgendwo in der Provinz von Linz, vielleicht zu wohnen und Leopold geht, nachdem er Palatschinken aus Mehl mit Motten für einen offenbar nicht oder nicht mehr existierenden Hund macht, mit einer Leine ins Wirtshaus, bestellt sich dort ein oder zwei Nachmittagsbiere und schaut immer wieder nach dem Hund unter den Tisch, um es offenbar zu genießen, wenn ihn die Kellnerin „Suchen Sie was?“ fragt. Die erfahren wir eine Geschichte später heißt Siri , hat einen Freund namens Simon und fühlt sich etwas verloren in der Welt. Vor allem wenn sie in den Supermarkt geht, um Käse einzukaufen. Simon kommt dann nicht zu ihr, so trinkt sie die Flasche Whiskey aus, die sie von dem Mann mit dem Bart aus der dritten Geschichte geschenkt bekommen hat und der ist, wie Siri ein Meister der Todesarten (Merken wir etwas? Aber irgendie müßen die jungen Autoren ja anknüpfen und ich habe in der „Radiosonate“ ja auch damit gespielt.).
Siri hat eine Liste, wie sie ums Leben können kommte, am Eisschrank hängen und der Toni aus „Löwenzahn“, „kennt Namen und Daten aller in Österreich geschehenen Morde, bis ins Jahr neunzehnhundertachtundvierzig zurück“. Toni fährt Taxi und möchte irgendwann nach New York, zumindestens erzählt er das seinen Fahrgästen. Er sucht auch eine Frau, so antwortet er auf ein Inserat einer Witwe und verspricht ihr mit einer Rose in einem Kaffeehaus auf sie zu warten. Die kommt in „Kaffee mit Schnurrbart“ viel früher ins Cafe als er und beobachtet, wie er nach allen eintretenden Frau schaut und holt sich die Rose, als er gegangen ist. Vorher resumiert sie über den Bauchspeicheldrüsenkrebs ihres Karls, der sie zur Witwe machte. Und in „Kavkas Butterbrote“, lebt der Hund Kavka, mit „v“ nicht mit „f“, wie der Dichter mit Hermine im dritten Stock eines Mehrparteienwohnhauses und vergräbt jeden Morgen sein Butterbrot im Garten.
Es sind schon skurrile Geschichten, die Anna Weidenholzer da eingefallen sind. So fährt Hermine mit Kavka mit dem Bus in einen Gartenmarkt um Tomaten, „Strauchtomaten, Balkontomaten, Bauerntomataten, Stabtomaten“ zu kaufen und plfanzt sie am Friedhof am arab eines Hermann an, „der am 21. Mai 1990 während eines Arztbesuches starb“.
Auf dem Weg dorthin sitzt sie dem Helden von Geschichte sechsm Franz Xaver Aumüller gegenüber, der einen Stock Basilikum auf seinen Knien hat und sich wundert, daß er diese Pflanzen kauft, um sie am Abend aufzuessen, bzw. in die Pasta zu geben und Franz Xaverm der praktisch von seinem Großvater aufgezogen wurde, hat Schwierigkeiten mit den alten Fotos aus einer Schachtel (auch das erscheint mir momentan sehr bekannt), die ihm in einer Wehrmachtsuniform zeigen und dann gibt es noch, die mich sehr berührende Geschichte eines Schulwartes, der als Kind vom Land gekommen von den anderen Kindern ausgelacht wurde, weil er „Postauto statt Postbus“ sagte. So gab ihm die Lehrerin eine schlechte Note und als er wieder nach Hause fuhr, wurde er ausgelacht, wenn er „Postbus“ sagte.
Ja, das Leben ist schwer, vor allem wenn wir von sovielen Ausländern umzingelt werden, wie Ferdinand hören kann, wenn er fernschaut. Aber Ferdinand möchte viele Sprachen lernen und hat sich so neun Wörterhefte angelegt, damit er den Kindern auf neun Sprachen „Hallo, Guten Morgen, Wo sind deine Hausschuhe?“ sagen kann. Denn das verlangt der Direktor von ihm und die Eltern wundern sich, daß er Türkisch, Albanisch etc mit den Kindern spricht. Denn wo kommen wir da hin? So versteckt er sieben von den neun Heften und läßt nur die mit den englischen und französischen Wendungen auf dem Tisch liegen, da bekommt er Anerkennung, vom Paketboten, der zu ihm kommt.
Und in der letzten Geschichte, lernen wir Elsbeth, Leopolds Schwester kennen und der Kreis schließt sich, denn die schon erwähnte Tante, hat Leopold die Uhr der Elsbeth den Kristallaschenbecher vererbt, obwohl sie es doch umgekehrt wollten und als Elsbeth dann in einem Gasthaus einen Kakao trinken will, sieht sie Leopold dort, den sie schon lange nicht mehr gesehen hat, begleitet ihn ein Stückchen und schreibt am Abend, wie es ihr ihr Therapeut geraten hat, auf einen Zettel „Mein Bruder ist ein Sozialschmarotzer“ und steckt den Zettel in den Ofen.
Es sind wirklich sehr eindrucksvolle Geschichten, einer jungen Autorin, die vergleichende Literaturwissenschaften studierte, Absolventin der Leondinger Akademie für Literatur 2009 war und verschiedene Auszeichnungen, wie den Marianne von Willemer Anerkennungspreis, den Alfred Gesswein-Preis und ein Staatsstipendium des BMUKs bekommen hat. Stipendiatin in der Künstlerkolonie in Wiepersdorf war sie heuer mit Cornelia Travnicek auch und ich habe jetzt einen Kurzgeschichtenband gelesen, der mir sehr gut gefallen hat.

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