Literaturgefluester

2012-01-08

Durst

Filed under: Uncategorized — jancak @ 01:22

Eigentlich wollte ich ja als nächstes, den Andrea Camilleri Krimi lesen, ich ich mir am Sommer in dieser Abverkaufskiste in Wilhelmsburg gekauft habe, bin aber daraufgekommen, daß er sich, weil er an einem Karfreitag spielt, als Osterbuch bestens eignet und ich es nicht nach Weihnachten lesen will, also habe ich zu Hermann Jandls achtzig Seiten dicke Erzählung „Durst“ gegriffen, ein kleines Büchlein in einem blauen Umschlag, das im Österreichischen Literaturforum erschienen ist, das ist der Kremser Verlag von Johannes Diethart, bei dem auch unser Vier Frauenbuch erscheinen sollte, das ich mit Elfriede Haslehner, Hilde Langthaler und Valerie Szabo-Lorenz einmal machen wollte, das aber an der leidigen Druckkostenzuschußfrage gescheitert ist.
Hermann Jandl ist der jüngere Bruder von Ernst Jandl, 1932 geboren, Lehrer, Schuldirektor, der seit 1952 Lyrik und Prosa veröffentlicht, beim PEN und wahrscheinlich auch beim Schriftstellerverband ist und den ich einmal, vor Jahren in der Alten Schmiede kennenlernte.
Und „Durst“ ist eine interessante Erzählung, schnell gelesen, hat aber viel Stoff zum Nachdenken und wahrscheinlich auch für eine Menge Bücher und beginnt, wie überhaupt in dem Buch viel enthalten, mit einem Dialog. Eine Frau holt die Polizei, weil sie ihr Lebensgefährte wüst beschimpfte und sie mit dem Tod bedrohte und die trommeln an an seiner Tür, beziehungsweise holt sie die Feuerwehr, dabei hat doch alles so gut angefangen. Die Pension des Klaus Steiners, auf die er sich nach fünfunddreißig Bürojahren schon so freute und auch große Pläne hatte. Ein Auto hat er sich gekauft und Bücher, Platten, und Englisch will er lernen, Italienisch, Reisen machen u.u.u.
Das Paar fährt dann auch an einen See und nach Mariazell und die Frau regt sich auf, daß der Mann so oft das Wort „schön“ gebraucht. Dann überfallen dem Mann ungute Gedanken, wie es sein könnte, wenn er zuerst ein Wort vergißt und dann zuviel oder zuwenig Geld hinlegt. Er geht auf ein Begräbnis eines Schulkollegen und fängt zu trinken an. Denn das Büro geht ihm ab und die Struktur, die Ordnung, nach fünfunddreißig Dienstjahren kann er sich allein nicht beschäftigen, obwohl er früher so schöne Dialoge geschrieben und auch Goethe gelesen hat.
Es gibt auch sehr lebedinge Szenen, so will die Frau ihn zu einer Norwegenschifffahrt bewegen und zeigt ihm das Prospekt, liest es ihm vor und er steigert sich in ein solches Delir hinein, daß er glaubt, er wäre auf dem Schiff, dabei hat er sich zu Hause angetrunken. Die Frau macht ihn auch Vowürfe, fleht ihn an, mit dem Trinken aufzuhören und ist sonst eine gute Frau, die kocht und wäscht und bügelt. Es gibt auch einen Abstinzversuch, der aber scheitert, so kommt er wieder zurück und liest der Frau aus Zeitungen vor. Das ist vielleicht ein bißchen unlogisch, birgt aber interessante Geschichten, zum Beispiel, die von der Frau, die stirbt und vorher drei Jahre mit ihrem toen Sohn gelebt hat.
Das Ganze ist, wie beschrieben in Dialogform geschrieben und wirkt dadurch sehr verständlich. Das große Thema des Älterwerdens, bestimmt ist auch sehr viel Autobiografie des Achtzigjährigen dabei, das Buch ist 2001 herausgekommen, in einer realistischen Sprache, fast humoristisch verpackt, obwohl es tragisch endet, der Mann ist mit seinem Leben unzufrieden, kann und will sich nicht umbringen, bedroht die Frau, die schließlich die Polizei holt, die ihn abführt. Der vorletzte Satz „Ich komme sehr bald zurück“, des Mannes, während Johanna ihm nachsieht und „Ich verstehs nicht, ich verstehs nicht!“, sagt.
Ein Buch zum Nachdenken, philosophieren und wahrscheinlich besser machen. Hermann Jandl hat sicher seine Beispiele gehabt, an denen er sich abgeschrieben hat.

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