Literaturgefluester

2012-01-17

Die Fliegenfängerfabrik

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:37

„Die Fliegenfängerfabrik“ von Andrzej Bart ist ein sehr interessanter und ungwöhnlicher Versuch über das Ghetto von Lodz und seinen Vorsitzenden Chaim Rumkowski einen Roman zu schreiben.
Ein Salonwagen fährt durch die Nacht und hält vor einer Fabrik bzw. einem heruntergekommenen Hotel. Heraus steigt ein weißhaariger alter Mann, eine schöne rothaarige junge Frau und ein Junge mit einem Buch in der Hand und werden von zwei Individuen, die in der Lobby erscheinen, in ihre Zimmer geführt und dort eingeschlossen.
Am Morgen darauf gibt es eine Gerichtsverhandlung in der lauter Tote, in Auschwitz oder sonstwo umgekommenen, über den Herrn Vorsitzenden, der ebenfalls 1944 in Auschwitz ermordet wurde, dem ehemaligen Vorsteher eines Waisenhauses, der zum Vorsitzenden des Judenrates wurde und im Ghetto sowohl ein autoritäres Regime aufzog, als auch vielen Juden das Leben retten wollte, weil er einen Fabriksbetrieb aufzog, wo Waffen oder Mäntel für den Krieg erzeugt wurden und der, als die Juden abtransportiert wurden, zuerst die Kranken und die Kinder in den Tod schickte, bevor er selber mit dem letzten Transport, vom Lagerleiter Hans Biebow in den Tod geschickt wurde, zu Gericht sitzen.
Der Verteidiger, der Richter, der Staatsanwalt, alles ehemalige Ghettobewohner, prominente Zeugen, wie eben der Lagerleiter, aber auch Janus Korczak, der das Buch „König Hänschen“ geschrieben hat und mit seinen Kindern eines wahrscheinlich anderen Waisenhauses in den Tod gegangen ist, Hannah Arendt etc.
Das Ganze scheint in der Gegenwart zu spielen, jedenfalls wird ein Schriftsteller, der Ich-Erzähler aufgefordert, dem Prozeß beizuwohnen. Mit einem Freund fährt er nach Lodz und muß am Eingang einer Riesin ein Losungswort sagen, um hineingelassen zu werden. Er trifft dort eine andere rothaarige junge Frau, Kafkas Schwester Dora, die eigentlich Ottla hieß, und verläßt mit ihr den Gerichtssaal, um in der Stadt spazieren zugehen.
Die Geschichte wird abwechselnd vom Ich-Erzähler, Pani Regina, das ist die schöne junge Frau und Juristin, die der Herr Vorsteher im Ghetto heiratete, anderen jungen Frauen soll er die Hand an sein Glied gehalten und ihnen dafür besseres Essen versprochen haben und Marek, einem Waisenknaben, der von ihm adoptiert wurde, erzählt und hat einen eigenartigen poetischen Reiz, die auf eine sehr ungewöhnliche Art die Geschehnisse im Ghetto, anschaulich machen.
Vor dem Prozeß gibt es noch eine Theateraufführung, in der Shakespearre gespielt wird, am Schluß werden die Toten aus dem Gerichtssaal hinausgetragen und der Schriftsteller beendet am 31. Dezember 2007 das Werk.
Das Buch ist 2011 erschienen und wurde, glaube ich, zu Ostern in Ex Libris vorgestellt. Ich war dann auch in der Präsentation in der Hauptbücherei und als wir im Sommer auf unserer Polenreise an Lodz vorbeifuhren, in Polen gibt es ja kaum Autobahnen, wurde ich daran erinnert und habe es mir zum Geburtstag gewünscht und war als ich die Frankfurter Buchmesse im Internet verfolgte sehr erstaunt, als da ein anderer Roman über das Ghetto und Chaim Rumkovski, nämlich die „Elenden von Lodz“ von Steve Sem-Sandberg vorgestellt wurde. Erstaunt vor allem deshalb, weil sich keiner der Rezensenten auf den Bart Roman bezog oder auf ihn hinwies.
Das Buch sehr interessant und gar nicht so schwer zu lesen, als ich eigentlich dachte und hat mich, da ich mich ja für die Geschehnisse des dritten Reiches sehr interessiere, sehr beeindruckt, so daß ich mir gestern im Internet gleich noch einmal Roman Polanskis Film „Der Pianist“ anschaute, der zwar im Warschauer Ghetto spielt, mir aber einiges noch verständlicher machte.
Die phantastische, ein wenig surreale Beschreibung, die der 1951 geborene Andrezej Bart, der wie im Klappentext steht, Filmschaffender und einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller der Gegenwart ist, für dieses sehr widersprüchliche Thema gewählt hat, ist sehr beeindruckend, und den Geschehnissen von damals wird man wohl auch nie ganz auf die Spur kommen, so daß ich die phantastische Form für sehr geglückt halte. Steve Sem-Sandbergs Buch, soll wie ich hörte, mehr ein Bestseller sein und vielleicht konventioneller geschrieben und eine Chronik von Lodz gibt es auch, die war, glaube ich, die Grundlage für sein Buch.

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