Literaturgefluester

2012-01-26

Johannes Urzidil-Lesebuch

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:59

Von Judith Gruber-Rizy habe ich die Einladung ins tschechische Zentrum zur Präsentation des Johannes Urzidils Lesebuch „HinterNational“ bekommen, der 1896 in Prag geboren wurde, in Rom 1970 gestorben ist und als jüngster Dichter des Prager Kreises um Max Brod, Franz Kafka und Franz Werfel gilt. Das habe ich wahrscheinlich schon in den Siebigerjahren gewußt, denn da habe ich mir einmal das Urzidil Buch „Goethe in Böhmen, in der Ausgabe von 1962, möglicherweise in einer Buchabverkaufskiste des Kaufhaus Steffels, beim Herzog oder sonstwo gekauft. Ob ich es wirklich gelesen habe, glaube ich zwar nicht, der Name hat sich mir aber eingeprägt und so bin ich gerne ins tschechische Zentrum gegangen, wo ich schon lange nicht war, ich glaube, seit Literaturgeflüster-Zeiten nicht, habe aber alle getroffen, die man dort treffen kann, Beppo Beyerl, Manfred Chobot, natürlich die Rizys und auch Rosa Neubauer, die ich vom Institut der Berggasse und von der Poet Night kenne und es passt auch gut, weil ich ja gerade einen Roman schreibe, der zumindestens teilweise in Prag spielt, so habe ich mir auch eine CD, das Programm vom „Nachtasyl“ und einen Stadtplan von dort mitgebracht.
Ich bin ein bißchen zu spät gekommen, so daß der neue Leiter schon bei seiner Eröffnung war, Auf den Sesseln lagen Prospekte vom deutschen Kulturforum östliches Europa, die glaube ich, das Buch herausgegeben haben, sowie der Verlagsprospekt und der Leiter oder eine Dame der Kulturinittiative erzählte noch, daß Johannes Urzidil derzeit in der Tschechei wieder aufgelegt wird, im deutschen Sprachraum aber vergriffen ist und um ein wenig vorzugreifen, sagte mir Judith Gruber-Rizy später beim Wein, daß sie, weil sie ja auch in OÖ nahe der tschechischen Grenze wohne, viel von Johannes Urzidil gelesen hat, ich nicht, habe ich geantwortet, bin aber durch meinen Bibliothekskatalog daraufgekommen, daß ich in Harland die „Verlorene Geliebte“ in einer Goldmann Ausgabe und „Das Glück der Gegenwart“, artemins, 1958 habe, ich bin ja eine Büchersammlerin und früher habe ich noch sehr viel gekauft, um aber wieder an den Anfang zurückzukommen, der Leiter lobte die Mulitmedia Show, die auch im Stifter Haus in Linz und im Stefan Zweig Centrum in Salzburg gezeigt werden wird und stellte die Buchautoren Klaus Johann und Vera Schneider vor. Am Lesetisch saß noch ein älterer Herr, Gerhard Trapp, ein Germanist, 1938 geboren, der in den Sechzigerjahren einen intensiven Briefwechsel mit Johannes Urzidil hatte und aus diesen Briefen Beispiele gab. Dann ging es los mit der Multimedia Show und zwar wurde auf diese Art und Weise in Ton und Bild Johannes Urzidils Leben sehr genau ausgeleuchtet, der der Sohn eines nationalen Deutschen und einer zum Katholizismus konvertierten Jüdin ist und außerdem ist er, was ich sehr interessant finde, ein autobiografischer Dichter und in dem Lesebuch scheint es auch sehr viele autobiografische Texte zu geben, die Vera Schneider vorlas, außerdem gab es Tonaufnahmen des Dichters, alte Ansichten und auch Filmaufnahmen des aten Prag. Die Mutter, die schon sieben Kinder aus einer anderen Ehe hatte, ist gestorben, als der Dichter vier Jahre alt war, der Vater hat dann eine Tschechin geheiratet, mit der er sehr oft gestritten hat, so ist das Paar mit dem kleinen Johannes nach Wien ins Schloß Schönbrunn und nach Salzburg auf die Festung gefahren und die Tonaufnahme erzählte von dem Streit der Beiden, den es dort gegeben hat.
Urzidil hat in Prag ein Gymnasium besucht, in das auf einmal ein Mädchen kam, so daß die Knaben einen Antifrauenbund gründeten, nur daß sich Johannes Urzidil bald in das Mädchen verliebte, was er auch in einer Erzählung schilderte, also sehr interessant aus dem Leben im vorigen Jahrhundert im bürgerlichen Prag zu erfahren.
Im ersten Weltkrieg wurde er eingezogen, begann aber auch zu studieren, lernte Kafka, Brod, Werfel und Willy Haas kennen, von dem ich einmal vor langen Zeiten den Hofmannsthal Briefwechsel gekauft habe und jetzt ein Buch im Bücherkasten gefunden habe, der erste Gedichtband entstand, es war der damaligen Mode entsprechend ein sehr expressionistischer und Gerhard Trapp las eine Briefstelle aus den Sechzigerjahren vor, in dem sich Urzidil davon nicht distanzierte, aber meinte, daß man mit achtundsechzig anders als mit achtzehn schreiben würde. Er hat dann für das Prager Tagblatt geschrieben, in der deutschen Gesandtschaft in Prag gearbeitet und eine Schriftstellerin geheiratet, die die Tochter eines Rabiners war, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen, hat er seinen Job verloren und als der Krieg begann, mußte er emigireren und kam nach Amerika, da gibt es auch einen berührenden Text, wo er mit gefälschten Papieren im Nachtzug sitzt und vorher hat er sich von einem Schulfreund verabschiedet, der ihm einen Zettel gegeben hat, wo drauf stand „Du sollst nicht schwätzen und abschreiben!“, in seiner Verwirrung zeigt er den den Grenzbeamten, der beginnt zu lachen und schaut die gefälschten Papiere nicht mehr an. 1932 hat er das Buch über „Goethe in Böhmen“ geschrieben, sowie ein Buch über Kafka und eines über Adalbert Stifter und in New York hat er als Lederwarenhersteller gearbeitet und schreibt, daß er sich über eine von ihm hergestellte Handarbeit genauso freut, wie über eines seiner Bücher in der Bibliothek des Gastgebers, wie wahr, trotzdem hat der weitergeschrieben, das „Prager Tryptichon“ beispielsweise oder den Roman „Das große Hallelujah“ oder später Erzählbände, er hat dann auch für den amerikanischen Sender gearbeitet und ist später regelmäßig nach Deutschland und nach Österreich gekommen und hat hier auch sehr oft gelesen. Das letzte Mal ein paar Tage vor seinem Tod, der in Rom erfolgte. Nach Prag ist er nie mehr zurückgegangen und hat sich in einen seiner Texte auch darüber mokiert, daß ihn alle, sogar die Nazis für sich vereinahmen wollten.
Ein sehr interessanter Abend und ein sehr interessantes Lesebuch, ich werde jetzt natürlich, wenn ich wieder in Harland bin nach den Urzidil-Büchern suchen und zumindestens hineinschauen.
Eine Website gibt es auch.

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