Literaturgefluester

2012-01-29

Stadt der Engel

Filed under: Uncategorized — jancak @ 13:07

„Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, schließt vielleicht das Nachdenken über Christa Wolf ab oder läßt es auch damit beginnen, denn es ist ein fulminantes Meisterwerk, das da 2010 erschienen ist und, wie ich dem Buchrücken entnehme, sowohl den Uwe-Johnson-Pres als auch den Thomas-Mann-Preis gewonnen hat, zu Recht wie ich finde, obwohl die Rezensenten, wie ich auch schon gesehen habe, nicht immer dieser Meinung sind und manche das Buch für eher soziologisch als für literarisch halten, aber, um das gleich voran zu stellen, es ist, glaube ich, genau die Art, wie ich das Schreiben verstehe und ich auch vorhabe es so zu tun, auch wenn ich die Stelle mit dem schwarzen Engel, der die Ich-Erzählerin durch Los Angeles begleitet, schon für ein wenig gewagt halte und mir vorstellen kann, was passieren würde, wenn ich so etwas schreibe.
Christa Wolf ist aber Christa Wolf, die grande Dame der ehemaligen DDR, so muß man das ja schreiben und erzählt, wie auch am Buchrücken steht „von einem Menschenleben, das drei deutschen Staats- und Gesellschaftsformen standhält, von einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, von der Kunst sich zu erinnern.“
Und das tut sie, ich wiederhole es, wahrhaft fulminant und reichhaltig und mit einer Fülle an Material und wieder, es war für mich ein wenig irritierend, daß sie manchmal vom „ich“ ins „du“ wechselte, dann „euch“ ansprach und ich nicht immer wußte, wer damit gemeint war, aber das ist wahrscheinlich die literarische Erhöhung des Buchs.
Es beginnt mit einem Studienaufenthalt Anfang der Neunzigerjahre in die „Stadt der Engeln“, die Ich-Erzählerin, die wohl Christa Wolf ist, obwohl da wieder etwas von „Alle Figuren mit Ausnahmen der historischen Persönlichkeiten sind Erfindungen“, steht, kommt mit Briefen einer „L“ über die sie recherchieren will, am Flughafen an und läßt sich entgegen aller Warnungen vom erstbesten Taxi in die MS. Victoria, das Stipendiatenwohnheims des Centers, das sie eingeladen hat, bringen und erlebt die kalifornische oberflächige Gastfreundlichkeit „You are welcome“, obwohl keine „Pets“ in dem Wohnheim erlaubt sind, sie erlebt aber auch die Homeless People, die auf der Straße stehen und um einen Dollar betteln, wenn sie auf ihrer Bank am Pazifischen Ozean sitzt. Das Center scheint eine sehr großzügige Einrichtung zu sein, denn sie hat dort ein Büro und die freundlichen Sekretärinnen servieren am Nachmittag Tee und Kekse und versuchen auch etwas über diese „L“ herauszufinden, über die die Erzählerin schreiben will.
Die lernt dann einen Peter Gutman kennen, in England aufgewachsen, der über einen Philosophen schreibt und am Leben zu scheitern scheint, macht mit den anderen Stipendiaten verschiedene Ausflüge, geht zu einem Dr. Kim der an ihr Akkupunktur versucht und zu einer Feldenkrais-Therapeutin, kauft sich ein Auto und besucht verschienene Parties, wo sie verschiedene amerikanische Intellektuelle und jüdische Emigranten trifft.
Die Stadt der Engel ist ja voll davon, bot es ja Brecht, Feuchtwanger, Thomas Mann, etc Exil und während die Erzählerin diese Orte besucht, liest sie in dier Zeitung, daß es daheim in Ostdeutschland zu rassistischen Ausschreitungen kommt und sie muß auf den Parties Rede stehen, warum sie nicht aus der DDR emigierte.
Es kommt noch schlimmer, ihre Stasi Akte, wo sie als Informantin geführt wurde, wurde entdeckt und sie kann sich an ihre Unterschrift und daran, daß sie Informationen geleistet hat, nicht erinnern, was sie in eine tiefe Krise und den Overcoat des Dr. Freuds ins Spiel bringt, denn der wurde vom Architekten Neutra, der viele schöne Bauten in der Stadt der Engeln machte, die jetzt den Armen als Wohnung dienen, dorthin gebracht, er wurde ihm auch gestohlen und die Ich-Erzählerin gleitet in ihre Träume und in die Vergangenheit ab, wie es war, als sie als junges Mädchen und Studentin in West Berlin Wahlwerbung für die Kommunisten machte und dabei verhaftet wurde, wie es war als Biermann ausgebürgert wurde, sie dagegen protestierte und sie von der Staatssicherheit observiert wurde, sie hat darüber, glaube ich, auch in „Was bleibt“ geschrieben, wie es war 1989 bei ihrer großen Rede am Alexanderplatz etc.
Die Briefe der L., die vorerst nicht eruierbar sind, stammen von ihrer Freundin Emma, einer alten Widerstandskämpferin und bei den Parties lernt sie auch die Emigrantin Ruth, die ein verstecktes Kind ist, kennen, führt viele Gespräche mit Peter Gutman und bekommt schließlich heraus, daß L. die Psychoanalytikerin Lily und eine Freundin Ruths ist und Lilys lieber Herr, ist auch der Philosoph über den Peter Gutman schon jahrelang forscht.
Wenn ich soetwas schreiben würde, würde man mir vielleicht ein allzu absichthaftes Konstruieren unterstellen. Christa Wolf zieht einem aber trotzdem in einen Zug, aus dem schwer herauszukommen ist und man erlebt alle Grausamkeiten und Irrtümer des vorigen Jahrhunderts wieder, die Gräuel der NS Zeit und, daß dann die, die aus den KZs kamen und an den neuen Staat und an den Kommunismus glaubten, wieder in einer Dikatur landete, im gelobten Amerika ist es aber auch nicht viel besser, denn da gab ja die McCarthy-Ära, die Brecht und Thomas Mann sehr drangsalierten, jetzt die Homeless People und die Rassentrennung und den schwarzen oder lateinamerikanischen Putztrupp, der die MS. Victoria sauber hält und für das Wohl der Stipendiaten sorgt.
Der einzige schwarze Stipendiat führt die Erzählerin in ein Antiquariat und da findet sie die Bücher der jüdischen Emigranten von Vicki Baum, Leonhard Frank, Arnold Zweig, etc in denen dann auch „Liebster Paul, Merry X-Mas – Dieses Buch soll Dich unsere alte Sprache nicht vergessen lassen. Herzlichst Walter.“, steht.
Dann gibt es noch die obligatorischen Ausflüge in das Hearst Castle, nach Hollywood, in den den Grand Canon, die wir ebenfalls so machten, als wir 1989, ich glaube, sechs Wochen in Amerika herumgefahren sind und außer in New York auch in Kalfornien waren, die DDR gab es damals noch, obwohl sich in dieser Zeit schon die Botschaften in Budapest und Prag füllten und die Ungarn bald ihre Grenze öffneten. Daß es in Kalifornien ein so reiches Emigrantenleben gegeben hat, habe ich nicht gewußt, bin nur mit der Touristen- Tour durch Hollywood gefahren, habe mir aber inzwischen in einer Buchlandungsabverkaufskiste, um einen Euro das TB „Brecht in den USA“ gekauft, das Buch über Walter Jankas Prozeß habe ich auch gelesen und in dem Aufbau-Taschenbuch „…Und leiser Jubel zöge ein“, das den Arco Verleger im Sommer so beeindruckte, gibt es auch Briefe an und von Thomas Mann, Feuchtwanger etc, aus den Fünzigerjahren, die wahrscheinlich nach Amerika gingen.
Christa Wolf oder ihre Ich-Erzählerin hat auch noch Indianer Reservate besucht und ihre Erkenntnisse dazu aus dem „Buch der Hopi“ entnommen und kehrt wahrscheinlich geläutert in die ehemalige DDR zurück, denn „Und die Farben. Ach, Angelina, die Farben“ Und dieser Himmel!“, sagt sie zu ihrem Engel.
„Wohin sind wir unterwegs? Das weiß ich nicht.“

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