Literaturgefluester

2012-02-10

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:46

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“, von Eugen Ruge ist der zweite große Buddenbrooks-Roman der DDR, der auch den deutschen Buchpreis gewonnen hat. Ein wenig leichter zu lesen, als Uwe Tellkamps opus magnum, ist die Geschichte einer Familie, die von 1952 bis 2001 erzählt wird und, wie man dem Lebenslauf des Autors unschwer entnehmen kann, auch die seiner Familie ist, obwohl die handelnden Personen andere Namen tragen. Es wird nicht chronologisch erzählt und der Roman schildert den Niedergang des Kommunismus an Hand des ganz persönlichen Niedergangs verursacht durch Krankheit, Alter und Tod.
So beginnt es 2001, der erste Oktober 1989 spielt auch eine große Rolle und wird in einigen Kapiteln erzählt, während sonst, beginnend ab 1951 die Lebensdaten der Familie berichtet werden. 2001 hat der Enkel Alexander gerade seine Krebsdiagnose bekommen und besucht den alten Vater, den Historiker Kurt, der einst eine tragende Rolle im sozialistischen Staat spielte und wohl auch die Geschichte ein bißchen mitgeschrieben hat. Jetzt lebt er allein im Haus und hat sich als einzigen Wortschatz nur mehr das Wörtchen „Ja“ bewahrt, vielleicht eine Anspielung? Und Alexander ist gekommen, um mit dem Vater abzurechnen, beziehungsweise sich einen Geldbetrag aus einem Geheimversteck zu holen und damit nach Mexiko zu reisen, wohl um seiner Krankheit zu entfliehen, vielleicht auch, weil von dort die Großeltern in den Fünfzigerjahren in die DDR zurückgekommen sind.
Charlotte und Wilhelm, der letztere, ein Wiederstandskämpfer, der gegen die Nazis kämpfte, in Mexiko vielleicht auch im Geheimdienst arbeitete und von der Partei nach Deutschland zurückgeholt wurde, obwohl es den, der das veranlaßte, nicht mehr gibt, als Wilhelm und Charlotte, den ostdeutschen Boden betreten. Sie sind aber aufrechte Kommunisten, obwohl sie eine Hausangestellte haben und wenn der kleine Sascha erzählt, daß für einen Schulfreund, die Amerikaner das größte sind, horcht der Großvater auf und sagt „So, so, da wollen wir einmal…!“
1989 ist er Neunzig und das wird jedesmal mit einem großen Fest gefeiert, wo die Parteisekretäre erscheinen und einen Orden verleihen, während Wilhelm abwehrt und „Das Gemüse auf den Friedhof!“, zu den Blumenüberbringern sagt. Er singt auch noch die DDR-Hymne, die berühmte von der Partei, die immer recht behält, obwohl nicht nur die Leute über Ungarn das Land verlassen, sondern sich auch der Enkel in den Westen abgesetzt hat.
Auch sonst tut sich einiges an diesem ersten Oktober 1989 in dem Haus von Sohn und Schwiegertochter, Kurt hat eine Freundin und Magenprobleme und seine Frau Irina, die er aus der SU mitbrachte, in der er einige Jahre interniert war, hat ihre Mutter ebenfalls in die DDR geholt und die Familie reibt sich aneinander. Die Mutter strickt Socken für alle, die sie nicht brauchen können und hortet Lebensmittel und Irina hat zu trinken angefangen und versucht, das ihrem Mann zu verheimlichen.
Ein zweiter wichtiger Tag ist das Weihnachtsfest, obwohl es das in der DDR offiziell nicht gab, so setzt sich Wilhelm auch immer mit dem Rücken zum Christbaum, wenn er zum Feiern zu Stiefsohn und Schwiegertochter kommt. Irina bereitet aber eine normannische Klostergans zu, die mit verschiedenen Früchten gefüllt werden muß. Als sie das 1976 tut, war es noch ziemlich kompliziert, zu den Früchten zu kommen, mußten die doch über mehrere Umwege mit dem Inhalt einer Kiste Kaviar ertauscht werden. 1991, nach der Wende war das schon viel einfacher, da ging man in den nächsten Supermarkt und kaufte ein. Das heißt, ganz so einfach war das auch nicht. Gab es dort doch keinen armenischen Kognak mehr, so daß Irina eine Flasche Whiskey erwischte und weil sie auch andere Sorgen hatte, so zum Beispiel nicht wußte, ob sie nicht aus dem Haus hinausmuüssen, begann sie den gleich während der Zubereitung auszutrinken, so daß es nichts wurde mit dem opulenten Weihnachtsmahl.
Der Dramatiker Eugen Ruge, 1954 im Ural, als Sohn eines Historikers geboren, erzählt die DDR-Familiengeschichte, wie man sieht, höchst dramatisch. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Am 1. Oktober 1989, als sich Sascha in den Westen absetzte, mußte der senile Wilhelm, den Tisch alleine ausziehen, so daß das ganze Buffet mit der DDR zusammenbrach und ihn seine Frau Charlotte, die die Nase voll von dem senilen Greis und der dreisten Haushaltshilfe hatte, ihn womöglich noch vergiftete. 1991 war sie dann schon in einem Pflegeheim und konnte nicht mehr zur Weihnachtsfeier zu Sohn und Schwiegertochter kommen und 1995, als Saschas Sohn Markus, der, bei seiner Mutter Muddel, einer Psychologin und deren neuen Mann, einem Pfarrer und Neopolitiker lebt, Schwierigkeiten mit seiner Lehrstelle hat, bzw., droht in einen rechten Freundeskreis abzugleiten, stirbt Irina und er ist außer Kurt und Sascha, der einzige der Familie, der zum Begräbnis geht. 2001 sitzt Kurt sprachlos und verwirrt im leeren Haus und Sascha reist auf den Spuren seiner Großeltern seinem Krebs in Mexiko davon und wird dort mehrmals ausgeraubt, weil das Leben ohne Kommunismus offenbar auch nicht so einfach ist.
Ein starkes Buch und ein starkes Stück Geschichte, das den deutschen Buchpreis gewonnen hat, ich habe es mir von der Anna zum Geburtstag schenken lassen. Den Tellkamp habe ich 2008 zweimal zum Geburtstag bekommen und einen an die Anna weitergegeben, die ihn, glaube ich, noch nicht gelesen hat und Eugen Ruge, könnte man weiter sagen, räumt mit seiner Familie gehörig auf. Weil Buddenbrooks II nicht chronologisch geschrieben ist, macht das Lesen doch nicht so einfach, aber sonst wüßte man vielleicht schon einiges aus anderen Romanen, gibt es da ja sehr viel und „Ausharren im Paradies“, von Renate Feyl,1992 geschrieben, das auch von einer DDR-Familie nach der Wende, beziehungsweise ihr Leben seit den Fünfzigerjahren bis dorthin schildert, steht noch auf meiner Leseliste. Besonders raffiniert ist auch der Einfall, den Zerfall eines Landes am Zerfall des Lebens zu schildern.
Alles geht den Bach hinab, der Mensch kommt als hoffnungsvoller Säugling auf die Welt, will sie meist postiv verändern und stirbt nach siebzig, achtzig, neunzig Jahren, sprachlos, versoffen, dement, krebskrank und meist auch mit verlorenen Illusionen. Die DDR hat die Schäden des Faschismus nicht wettgemacht und der Neoliberalismus hat das auch nicht geschafft, wie man an den heutigen Problemen sieht.
Spannend also, die Romane des deutschen Buchpreises in zwanzig oder dreißig Jahren, wenn die sich dann mit der heutigen Wirtschaftskrise beschäftigen, zu lesen, aber dann gibt es vielleicht keinen deutschen Buchpreismehr und ich werde vielleicht nicht mehr lesen.

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