Literaturgefluester

2012-02-13

Der Hals der Giraffe

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:53

Bildungsroman, steht unter Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“, na klar, spielt das Buch doch hauptsächlich in der Schule und wirkt, wie aus einem Naturkundebuch der Fünfzigerjahre nachempfunden, die nötigen Illustrationen gibt es auch.
„Setzen!“, sagte Inge Lohmark und die Klasse setzte sich“, in der schrumpfenden Kleinstadt im vorpommerischen Hinterland, lange nach der Wende spielt sich das ab. Denn Inge Lohmark hat dort dreißig Jahre Biologie und Sport unterrichtet, wird es aber nicht mehr lange tun, denn das Darwin-Gymnasium, das früher einmal Lilo Hermann erweiterte Oberschule hieß, hat keine Kinder mehr. Die Wende machte es möglich, daß in der achten nur mehr zwölf Schüler sitzen und diese achte wird auch die letzte sein, die im Darwin abiturieren wird, dann wird aus dem Haus eine Volkshochschule und Inge Lohmark, die so stramm schon dreißig Jahre „das Survival oft the fittest“ unterrichtet, wie machte man das eigentlich in der DDR?, richtig, sie zeichnete die Stammbäume der Könige auf und demonstrierte ihre Entartung und der Direktor konnte nichts gegen ihren Frontalunterricht machen, wird in Pension gehen müßen.
Jetzt steht sie aber noch vor der Klasse nach den Sommerferien, läßt die Schüler aufstehen und sich setzen, die das auch kommentarlos tun und macht sich eine Übersicht über ihre zwölf Schüler und Schülerinnen.
„Jennifer blondiertes Haar. Strichmund. Frühreif. Von Geburt an selbstsüchtig. Keine Aussicht auf Besserung. Skrupellose Oberweite. Wettbewerbsbusen“ u.s.w.u.s.f.
Keine Frage, Inge Lohmark hat einen scharfen Blick, den ganzen Darwin im Kopf und während sie überraschend Klassenarbeiten macht, zu den Schülern „Sie“ und den Vormanen sagt und ihnen nicht, wie die verweichlichte Kollegin Schwanneke mit dem Sozialtic, das „Du-Wort“ anbietet, spult sich ihr ganze Leben und wahrscheinlich auch der Untergang der DDR ab. Aber das scheint die Lehrerin, die alles im Blick hat und wenn sie mit dem Schulbus, weil sie sich kein neues Auto kaufen kann, nach Hause fährt, greift sie, wenn das ewige Opfertier, die kleine Ellen, von ihren Kameraden gequält wird, erst nach sechs Minuten ein, weil jeder für sich selbst verantwortlich ist, nicht zu merken, denn hat man Darwin im Kopf, fühlt man sich vielleicht auch stark und so fährt sie über die Veränderungen, die ihr während ihres Lehrerinnenlebens passierten, mit Härte drüber.
„Danke, setzen, stehen Sie auf“, auch wenn heute bald jeder eine Biologie-Allergie hat und man gewisse Experimente im Unterricht nicht mehr durchführen darf.
Denn auch der Lehrkörper hat sich verändert oder auch nicht, denn Direktor Kattner will seine wöchentliche Appelle an die Schüler und die Lehrer halten, mit Fahnen oder Trommelwirbel. Inge kann ihm gerade zu monatlichen Ansprachen und Pistolenschuß überreden, bis ihm die, weil sich die Eltern beschwerten, verboten werden. Dafür läßt er seinen Grant an die Kollegen aus, will Inge in die Grundschule zurückschicken und holt sie aus dem Unterricht und den ebenfalls von gestrigen Geschichtslehrer nimmt er sein Kellerkammerl weg.
Inge fährt also mit dem Bus nach Haus, wo ihr Mann Wolfgang, der ehemals DDR-Kühe besamte, jetzt Straußen züchtet, während sich die Tochter Claudia in die USA verzogen hat, spricht vier Minuten mit dem Dorfidioten Hans, den sie natürlich verachtet und scheint sich in das „Heidekraut“, Erika, zu verlieben. Sie nimmt sie sogar, als sie wieder mit dem alten Auto fährt, in die Schule mit, weil der Schulbus zusammenkrachte, hat ihre Allmachtsphantasien und ihre Schuldgefühle, bringt Erika aber unversehrt in die Klasse, unterrichtet vor den fünf Schülern, die in der Stadt wohnen und ist gerade beim Hals der Giraffe angelangt, denn nur die größten Tiere überleben, weil die Kirschen und die anderen guten Sachen, weit oben hängen, als der Direktor kommt und sie zusammenscheißt, ob sie denn nicht die Quälereien an der kleinen Ellen bemerkt hat?
„Das wird Konsequenzen haben, bei Ihrem Frontalunterricht!“
Inge beißt die Zähne zusammen, geht in den Sportunterricht und läßt die Schüler zur Erholung Völkerband spielen, während die Gedanken weitergehen…
Die 1980 in Greifswald geborene Judith Schalansky, die 2008 ihr Debut, den Matrosenroman „Blau steht dir nicht“ und 2010 „Den Atlas der abgelesenen Insel“ herausgab, habe ich auf der Buch-Wien kennengelernt, bzw. ihren Namen von Günter Kaindlsdorfer, beim Jour fixe, das erste Mal gehört und war neugierig, denn die Lehrertochter, die auf der Buch-Wien Günter Kaindlsdorfer, glaube ich, erzählte, sozusagen im Lehrerzimmer aufgewachsen zu sein, scheint sehr originell und eigenwillig zu sein und sich in der Verlagswelt auch durchzusetzen. So schaut das bei Suhrkamp erschienene Buch auf dem ersten Blick auch ein bißchen anachronistisch oder, wie aus den Fünfzigerjahren aus. Leineneinband, kein Schutzumschlag, viele Illustrationen im Inneren, die Kapitel haben auch Überschriften aus dem Naturkundebuch und man hat, wenn man das Buch gelesen hat, nicht nur die Mendelschen Erbgesetze wiederholt und erfahren, daß der Auerochs ausgestorben ist, sondern auch etwas über die Wende und das Leben danach, in den aussterbenden Städten gelernt, wo die Starken wahrscheinlich schon lang gegangen sind, gelernt.
Und so unsympathisch waren mir die verzweifelten Selbstgespräche dieser alten Lehrerin nicht, habe ich in ihren Endlosmonologen doch sehr viel Zynismus, ist das nicht auch eine Überlebensstrategie und auch ein bißchen Humor, nach Prof Strotzka, der beste Abwehrmechanismus, bemerkt.
Ob so viel Darwin bei einer ehemaligen DDR-Lehrerin realistisch ist, weiß ich nicht, Judith Schalansky wird es aber aus eigener Anschauung kennen.

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