Literaturgefluester

2012-02-20

Super Sad True Love Story

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:10

„Zum Schreien komisch. Wenn es nicht so realistisch wäre“, schreiben ZDF Aspekte und „George Orwell trifft Woody Allen“, titelt Welt am Sonntag über Gary Shteyngarts „Super sad true love story“, den Roman, auf dem ich im Herbst oder Sommer auf diversen Blogs, als Buch aufmerksam wurde, „das in einem Amerika in sehr naher Zukunft, nächsten Dienstag, wer weiß?“, spielt, in dem alles den Bach hinuntergeht oder schon gegangen ist und das schwer zu lesen ist, ich hab die deutsche Übersetzung gelesen, obwohl der Alfred auch das englische TB, das viel billiger war, kaufte.
Der 1972 in Leningrad- St. Petersburg geborene und mit seinen Eltern in die USA emigrierte, jüdisch russische Gary Shteyngart, macht sich in dem Buch, würde ich sagen, über das Amerika in dem er lebt, lustig, in dem er es überzeichnet und in den Abgrund schickt.
Am nächsten Dienstag ist die USA jedenfalls heruntergekommen und verschuldet, in den Krieg gegen Venezuela gezogen und wartet auf die Rettung der Chinesen, in New York zieht die Nationalgarde herum und holt die übergewichtigen Amerikaner aus dem Flugzeug und wenn man mit dem Zug oder der Fähre fahren will, muß man die Kontrollen ableugnen und gleichzeitig akzeptieren. Es gibt keine Bücher mehr, weil sie stinken und der neununddreißigjährige Lenny Abramov, wohl der letzte Tagebuchschreiber, hat einen Entschluß gefaßt, er will nicht sterben.
Das glaubt er auch nicht zu brauchen, arbeitet er doch für das humane Kapital, das ist eine Firma, die reichen Alten das ewige Leben verspricht und das das tut er zu Beginn des Buches in Rom, weil er da ein Jahr auf Auslandsaufenthalt war. Er ist gerade dabei, wieder in die Staaten zurückzufliegen und muß dazu nur vorher in die Botschaft gehen und dort über seinen Äppärät, den alle haben und ohne den man nicht leben kann oder will, einem Otter erklären, ob er mit einer Italienerin Sexualkontakt hatte, als er das zugibt, stürzt der Computer ab und Lenny begibt sich auf die Party dieser Italienerin und lernt dort die vierundzwanzigjährige in Amerika aufgewachsene Koreanerin Eunice Park, schön, schlank, konsumsüchtig, von ihrer Familie abhängig, katholisch und auch noch sehr hilfsbereit, kennen und verliebt sich in sie.
Das Buch ist in zwei abwechselnden Strängen geschrieben, der erste ist Lenny Abramovs Tagebuch, der zweite Eunice Parks Global Teens Account, da kommuniziert sie mit ihrer Grillbitsch genannten Freundin Jenny Kang und ihrer Schwester Sally und Mummy Chung Won hält der Tochter ihre schlechten College Noten vor.
Eunice studiert Images und Selbstsicherheit und nach und nach kommt man in den Sog des Buchs hinein, das tatsächlich an George Orwell erinnert, der wird sogar erwähnt oder auch an „Fahrenheit 451“ und schwer zu lesen ist es, denn die meisten der eingewanderten Amerikaner sprechen kein richtiges Englisch und die Jugend verwendet ohnehin nur Abkürzungen, man lädt seinen Imagefaktor auf, versucht sein Colesterin zu vermeiden und ist ständig überschuldet, weil man ja konsumieren soll.
Lenny kehrt also in die USA, zu seinem Chef, Joshie Goldmann zurück und macht sich einen Überlebensplan, er will auch an dem Verjüngungsprogramm teilnehmen, hat aber zuwenig Geld dazu und vorerst haben ihm die Newcomers in der Fima auch den Schreibtisch weggenommen. Die nette Sekretärin füttert ihn aber mit Blumenkohl und er beschließt Eunice zu sich zu holen, die auch kommt. Ihre Familie ist zwar dagegen, daß die Vierundzwanzigjährige zu dem alten weißen Juden zieht, der eine ganze Wand stinkiger Bücher hat und „Krieg und Frieden“ und Milan Kundera liest. Eunice ist aber in Lennie verliebt und nur darüber schockiert, daß er zuwenig putzt. Er nimmt sie zu seiner Familie mit und besucht auch die ihre, Eunice gibt ihn aber als Mitbewohner aus und die Familie ist entsetzt, weil er ein Loch im Socken hat.
Lenny macht weiter Pläne, sein Chef und seine Freunde wollen Eunice auch kennenlernen, dazu muß er sie erst überreden und ihr auch ein neues Kleid kaufen, weil sie ja überschuldet ist, dann bricht aber nicht nur der totale Krieg aus, die Vermögensschwachen haben den Central- und noch andere Parks besetzt und die altruistische Eunice hat dem entlassenen Soldaten David auch noch Essen und alte Äppäräte gebracht, der Chef, der sich inzwischen verjungen ließ, ist von Eunice Jugend total beeindruckt und will mit ihr malen und zeichnen. Während man zu ahnen beginnt, was sich da anzubahnen beginnt, bricht die totale Katastrophe aus, alle Äppäräte brechen zusammen und Joshie Goldmann, stellt sich heraus, während die Besetzer in den Parks überwältigt werden und die Chinesen alles erobern, gehört mit zu den Verschwörern und während er noch Brot und Wasser in den Wohnblock liefert, damit Eunice, die armen alten Menschen versorgen kann, beginnt er schon den Wohnblock zu evakuieren, um das Gelände neu aufzuteilen und das große Geld zu machen. Die schöne Eunice will er natürlich haben und sie entscheidet sich auch für ihn, ihre Eltern sind begeistert, Lenny wird zu seinen ausquartiert und schreibt in sein Tagebuch, daß er nun doch sterben möchte.
Dann wendet sich das Blatt wieder und Lennys Tagebuch wird in Peking und New York herausgegeben und in den letzten Kapitel beschreibt er, daß auch Joshua alt und krank gestorben ist und sich Eunice einem Jüngeren zuwandte, nur Lenny scheint noch eine Zeit überlebt zu haben, während Amerika unterging.
Ein wirklich beklemmendes Buch mit seinen Zukunftsszenarien vom nächsten Dienstag, wo alle nur im Facebook und am Handy hängen, das ich fast in einem Zug durchgelesen habe, obwohl ich mir schon ein paar Mal dachte, daß es eigentlich eine etwas banale Übertreibung ist und ich mich, die ich so verzweifelt gegen meine Rechtschreibfehler kämpfe, aber in ganzen Sätzen schreibe, ein bißchen über die Sprachverstümmelung und bewußte Pidguinsprache in einem Rowohltbuch wunderte und das Krisenszenario macht in einer Zeit, in der wir die Krise vor der Haustür oder in den Medien haben, auch etwas depressiv, wenn der Roman auch ein Plädoyer für das Buch ist und zum Nachdenken anregt. Ob die begeisterten jungen oder auch älteren Leser, die Katastrophe, der wir vielleicht auch in Europa entgehen steuern, aufhalten können, bezweifle ich allerdings.

Werbeanzeigen

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: