Literaturgefluester

2012-03-02

Wer einmal aus dem Blechnapf frißt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 11:33

„Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“, von Hans Fallada ist ein Buch aus dem offenen Bücherschrank und Band 54-55 aus der berühmten rororo Taschenbuchreihe mit der Pfandleihenwerbung in der Buchmitte. Es hat zwar kein Leinenband am Umschlag, wie zum Beispiel, der erste Band der Reihe, Faladas „Kleiner Mann, was nun?“, aber ein ebenso schönes Titelbild und ist auch, glaube ich, der Fortsetzungsband und der zweite sozialkritische Roman, des 1883 in Greifswald geborenen, Rudolf Dietzen, der wieder ein bißchen was gemeinsam mit seinem Helden Willi Kufalt hat. Denn auch Dietzen, der sich als Autor nach dem Grimmschen Pferd Fallada nannte, ist vom Gymnasium geflogen, weil er an ein Mädchen Liebesbriefe schrieb. Willi Kufalt tut das auch, das erfährt man aber erst im letzten Kapitel des Buches, während er im ersten „Reif zur Entlassung“ ist und der zweite sozialkritische Roman Hans Fallas, 1934 erschienen und von den Nazis, die damals schon in Deutschland herrschten, zugelassen, weil sich der Roman mit der Behandlung von Gefangenen in der Weimarer Reuplik beschäftigt, ist eine Parabel auf den Strafvollzug und zeigt, daß man, wenn man einmal dort gelandet ist, immer wieder scheitern wird und sich zuletzt nach dem Gefängnis, als vertrautes Zuhause, sehnt.
Da ist also Willi, nicht Wilhelm, Kufalt, der auch öfter junger Mann genannt wird, der mit Fünfzehn aus dem Gymnasium flog und ihn sein Vater dann, die Schule nicht mehr fortsetzen, sondern zum Buchhalter ausbilden ließ. Dann kam es zu einer nicht näher beschriebenen Unterschlagung, wofür er zu fünf Jahren verurteilt wurde und am Beginn des Buches entlassen wird.
Er geht nach Berlin in eine Schreibstube, die aber ziemlich reglementiert ist und auch vom Gefängnis überwacht oder empfohlen wurde und kommt so mit seinen Kollegen auf die Idee, es selbst zu versuchen. Sie unterbieten den Stundenlohn, kaufen ein paar gebrauchte Schreibmaschinen und arbeiten ein paar Tage, bis sich die „Friedensheim“ genannte Schreibstube dagegen wehrt und das Ganze zur Anzeige bringt.
Offenbar wurden ein paar arbeitswrechtliche Bestimmungen nicht eingehalten. Kufalt, geht wieder an den Ort, wo das Gefängnis ist zurück und verdingt sich als Zeitungsabonnent, verlobt sich auch mit einer Handwerkerstochter, die einen kleinen Buben hat, der zufälligerweise auch Willi heißt und die, als gefallenes Mädchen nicht wählerisch sein darf. Einen vorbestraften Bräutigam will sie aber auch nicht haben und als Kufalt ein paar Anzeigen wegen Diebstahls bekommt, ist der Traum zu Ende und er geht wieder nach Hamburg zurück, gibt sich als Schauspieler aus und quartiert sich bei einer siebzigjährigen Pastorenwitwe ein und hat die Idee, ein Juweliersgeschäft auszurauben. Das ist aber einige Nummern zu groß für ihn, so begnügt er sich mit Handtaschenraub, bzw. versucht er den Partner, der das dann alleine macht, bei der Polizei anzuzeigen, um die Belohnung zu bekommen, was natürlich mißlingt, so daß ein Justizbeamter, der das als Hobby hat, genau und penibel das Strafmaß ausrechnet, wieviel Zeit seines Lebens Willi Kufalt im Gefängnis verbringt. Im letzten Kaptitel wird der dann wieder eingeliefert, jetzt hat er sieben Jahre bekommen, schmuggelt auch ein paar Zigaretten hinein und ist glücklich und zufrieden und Deutschland hatte, wie wir inzwischen wissen, nicht mehr viel Zeit, aus der Sozialkritik etwas zu lernen und Hans Fallada durfte dann nur mehr Unterhaltungsromane schreiben und als das dritte Reich zu Ende war, nahm sich Johannes R. Becher seiner an und veranlaßte ihn weitere Romane darunter „Jeder stirbt für sich allein“ nach einem authentischen Fall zu schreiben, das posthum erschienen ist, Fallada ist 1947 in Berlin gestorben und voriges Jahr wieder aufgelegt wurde.
Vor ein paar Wochen gab es in den Tonspuren ein Portrait von ihm und sein Lebenslauf ist sehr interessant, nämlich Sohn einer gutbürgerlichen Familie, der Vater war Reichsgerichtsrat, Rudolf Dietzen sollte auch Jurist werden, begann aber aber früh mit einer Alkohol und Kokainsucht, wo er auch mehrmals im Gefängnis war und er beschreibt in „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ auch seine Erfahrungen vom Gefängnis in Neumünster. Später wurde er als Unterhaltungsschriftsteller bezeichnet und eher vergessen und scheint erst jetzt wieder eine Renaissance zu erleben und da ich auch den schönen Band 1, der rororo Taschenbuchreihe gefunden habe, habe ich heuer noch einen Hans Fallada auf meiner Leseliste und ich denke wieder, daß es sehr interessant ist, die Krisenstimmung, der Neunzehnhundertzwanzigerjahre mit denen von 2012 zu vergleichen. Zu lesen war das Buch nicht ganz leicht. Denn Fallada springt in die Geschichte, gibt keine Erklärungen, hat stellenweise nur Dialoge und das Buch in zehn Kapitel geteilt, die dann bis fünfundzwanzig Unterkapitel haben, was wieder interessant ist, zu erleben, wie sich der Schreibstil in achtzig Jahren ändert, obwohl das, was das erzählt wird, höchst aktuell ist und wahrscheinlich mit einigen Adaptionen auch heute geschrieben werden könnte.

Kommentar verfassen »

Du hast noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: