Literaturgefluester

2012-03-04

Langer Brief an den Herrn Kurz

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:01

Nein, ich zahle nicht die Strafe für das Schuleschwänzen, hundert, tausend, eine Million Euro oder was Sie dafür haben wollen und meine Mutter und mein Vater, tun das ebenfalls nicht. Der Letztere nicht, weil es ihn nicht gibt, beziehungsweise sich der solche, noch vor meiner Geburt empfohlen hat, so daß das Einzige, was ihm zu mir eingefallen ist, war, mir den unseligen Namen „Kevin“ zu geben, mit dem ich schon von vorherein verloren habe, die Herren Schriftsteller ihre ironischen Abhandlungen darüber machen und die Lehrer einen grinsend mustern „Na, Kevin, bist du wiedermal allein zu Haus!“ und sich „Unterschicht bleibt Unterschicht!“, denken. Aber die gibt es inzwischen nicht mehr, das weiß ich schon, bin ich ja nicht blöd und meinen Freund Mustafa und meiner Freundin Slavica geht es auch nicht besser. Aber die haben Migrationshintergrund, während ich die alleinerziehnde Mutter habe, die sich vor drei Jahren von einem anderen Macker, ein zweites Kind andrehen ließ und seither nicht nur arbeitslos zu Hause sitzt, das war sie schon früher, denn eine Friseurin mit einem kleinen Kind, will kein Unternehmer, sondern auch das Jugendamt am Halse hat, das ihr droht, die Kleine wegzunehmen, weil sie noch nicht so viel spricht, wie sie angeblich schon sollte und mich wollen sie auch in ein Heim stecken, weil ich fünf Stunden nicht zur Schule ging, in das Poly, denn in ein Gymnasium lassen sie einen Kevin, eine Slavica und einen Mustafa ohnehin nicht.
Und so sitzen wir auf der Schulbank, hören den Problemlehrern zu und wenn uns das zu fad wird und wir uns in ein Kino empfehlen, was, wie ich von meiner Mutter und meiner Großmutter hörte, auch bei ihnen üblich war, soll meine Mutter fast soviel Strafe zahlen, wie sie vom AMS bekommt und wenn ich im Juni die Schule beendet habe und keinen Lehrplatz finde, was bei einem Kevin leicht möglich ist, weil den, die Lehrherren, genausowenig wollen, wie eine Alleinerzieherin mit zwei Kindern, werde ich auch zwangsverpflichtet und meine Mutter muß zahlen, obwohl ich dann gar nicht mehr schulpflichtig bin.
„Erklären Sie mir das einmal, Sie junger Mann mit der trendigen Frisur, aber das können Sie nicht, denn Sie haben keine Ahnung, wie es aussieht in der Großfeldsiedlung, wo ich mit meiner Mutter und der Schwester lebe und mit Mustafa und Slavica manchmal ins Kino oder in den Park abhaue, statt mich vom Deutschlehrer nerven zu lassen.
„Na, Kevin, bist du wiedermal allein zu Hause?“
Was kann ich für den blöden Film und war ich nicht, nicht zu Haus und nicht in der Schule und wenn ich ab Juli nicht mehr schulpflichtig bin und keine Lehrstelle finde, weil mich die Chefs nicht wollen, lasse ich mich in kein Projekt von „Jugend am Werk“ stecken, denn ich bin nicht behindert!
„Frau Sladky, da hat sich die Kindergartenpädagogin wieder einmal über Sie beschwert, daß Sie die Yasmina zu spät in die Gruppe gebracht haben. Wenn Sie sich verschlafen haben, weil Sie Tabletten nehmen, sind Sie nicht geeignet, die Kinder aufzuziehen und wir müssen uns eine andere Lösung überlegen!“, droht die Jugendamtsziege, Helena Meistermann. Die Mama heult dann los, ich muß sie beruhigen und versprechen, es bis Juli auszuhalten und möglichst erst nach der Schule ins Kino abzuhauen, obwohl, das, was man dort sieht, tausendmal interessanter ist, als, was die Lehrer zu vermelden haben.
Klar ist das so, obwohl die Macker mir das nicht glauben und wenn wir schon dabei sind, ich will nicht Automechaniker werden, nicht Kellner und will auch kein Jugendcoaching, weil ich noch keine Lehrstelle habe, weil ich schon weiß, was der Macker dort für Augen machen wird, wenn ich ihm sage, daß ich Sozialarbeiter werden will und im Herbst aufs Gymnasium gehe.
„Nein, Kevin, bist du vielleicht allein zu Haus, das geht doch nicht, das schaffst du nicht mit deinem Namen!“
„Warum nicht, Herr Obermacker, da würden mich die anderen Kevins und Yasminas doch vielleicht verstehen?“
„Das schon, aber das Gymnasium ist zu schwer für dich. Du hast doch einen Dreier in Deutsch, da müßtest du dich schon mehr anstrengen und außerdem sehe ich da eine Eintragung wegen fünf Fehlstunden und eine Mahnung, die an deine Mutter gegangen ist. Schlag dir das aus dem Kopf, da wirst du nur frustriert und später bei der Aufnahmsprüfung sicher nicht genommen, wenn sich da Akademikerkinder, um einen Ausbildungsplatz bewerben. Ja, wenn du Türke wärst, hättest du wegen deiner Sprachkenntnisse vielleicht eine Chance, aber einen Kevin können sie auf der Hochschule für Sozialarbeit bestimmt nicht brauchen!“
Wenn ich dann noch sage, daß ich auch Medizin studieren könnte, gibt es einen Urknall, der Macker ist Mundtot und meine Freundin Slavica streichelt mir übers Haar und sagt „Komm runter von der Wolke sieben, Kev, ich hab dir ja erzählt, was meine Coacherin gemeint hat, als ich ihr erklärte, daß ich Jus studieren will, um Asylanwältin zu werden!“
Also bin ich mit ihr ins nächste Kino abgezischt, hab mich köstlich unterhalten und nur jetzt ein schlechtes Gewissen, weil schon wieder zwei Fehlstunden, als mir die Mama die Forderung vom Staatschulrat zeigte.
„Du weißt ja, daß ich das nicht zahlen kann, Kev!“, hat sie weinend gesagt.
„Und wenn die Frau Meistermann das erfährt, steckt sie auch dich ins Heim, mußt du mir das antun?“
Nein, muß ich nicht oder schon? Und weil ich das nicht weiß, will ich vorsichtshalber bei bei Ihnen kurz anfragen, ob Sie mir das Geld für das Strafmandat vielleicht vorstrecken können, denn wenn Sie uns der Mama wegnehmen und ins Heim stecken, lernt die Yasmina auch nicht schneller sprechen, die Mama wird nur depressiv, kommt in die Klinik und ich, das sage ich gleich ganz freundlich, lasse mir das nicht gefallen, sondern rücke aus, fahre nach Amerika als schwarzer Passagier auf einem Schiff über den Atlantik und damit Sie mich jetzt nicht für kindisch halten, melde ich mich im Herbst auf einer Oberstufe an und später auf der Hochschule für Sozialarbeit, auch wenn ich Kevin heiße und einen Dreier in Deutsch habe und inzwischen sieben Fehlstunden, werde ich das schaffen, Herr Kurz! Wetten, daß, ich das zusammenbringe? Das Geld für das Strafmandat zahle ich mit Zinsenzinsen an Sie zurück, wenn ich Sozialarbeiter bin, Ehrenwort!

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1 Kommentar »

  1. […] Langer Brief an Herrn Kurz […]

    Pingback von Eva Jancak: Best of Literaturgeflüster…. | summerau.96 — 2013-06-14 @ 19:29 | Antwort


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