Literaturgefluester

2012-03-21

Oksana Sabuschko mit Martin Pollack in der Hauptbücherei

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:22

Blick von der Hauptbücherei

Blick von der Hauptbücherei

Robert Reinagl, Oksana Sabuschko, Martin Pollack

Robert Reinagl, Oksana Sabuschko, Martin Pollack

Die Lesung aus Oskana Sabuschkos neuem Essaybsand „Planet Wermut“ in der Hauptbücherei wurde im Mittagsjournal mit dem Hinweis, daß Wermut Tschernobyl bedeuten würde, angekündigt und ich hatte ohnehin vor, am Abend in die Hauptbücherei zu gehen und Oksana Sabuschko auch schon einmal dort, wahrscheinlich mit ihren „Feldstudien über Ukrainischen Sex“ und dann noch einmal bei einem ukrainischen Festival am Karlsplatz, gehört.
Die Lesungen in Leipzig, da hat Oksana Sabuschko auch im Österreich-Cafe gelesen, habe ich versäumt und so bin ich sehr frühzeitig an den Bücherschränken vorbei, in denen es schöne Sachen, zum Beispiel Friederike Kretzen „Ihr blöden Weiber“, ein uraltes Otto Stoessl Bändchen aus der Stiasny-Bücherei und Wladimir Kaminers „Schönhauser Allee“ gab und bei dem in der Zieglergasse wieder mal ein Zettel hängt, daß man sich nur sehr vorsichtig bedienen soll, weil es offenbar wieder einen nächtlichen Ausräumer gibt, in die Hauptbücherei gegangen.

Oksana Sabuschko, Martin Pollack

Oksana Sabuschko, Martin Pollack

Oksana Sabuschko, Eva Jancak

Oksana Sabuschko, Eva Jancak

Der Alfred war schon da und hat mir gleich das neue Buch gekauft, daß ich mir später signieren ließ und dann ging es los mit der Vorstellung über das, was in Leipzig passierte und einer Lesung auf Ukrainisch aus dem Kapitel „Planet Wermut“. Der Schauspieler Robert Reinagl, der sehr freundlich einen der Stammbesucher begrüßte, hat wieder auf Deutsch gelesen und die Schilderung dessen, was am 26 April 1986 in Kiew mit dem radioaktiven Schnee auf der weißen Bluse passierte, war auch sehr interessant und läßt sich mit der eigenen Erinnerung, ich war damals in Holland und bin den Tag in der Stadt an der Grenze herumgegangen, bevor ich am Abend in den Zug nach Wien gestiegen bin und hatte ein kleines Kind zu Haus, dem man plötzlich klarmachen mußte, daß es keine Steine mehr in den Mund stecken und auch keine Milch mehr trinken soll. Der Bogen zu den politischen Veränderungen wurde gezogen und das Buch besteht noch aus drei weiteren Essays über das ukrainische Leben. Der Fußball kommt, glaube ich, vor und das Leben der ukrainischen Schriftstellerinnen.
Dann gab es wieder eine Diskussion, die sich auf den Feminismus und andere Themen bezog, eine ukrainische Übersetzerin bezog sich auf Erich Kleins Rezension im Falter, der mit dem Buch, glaube ich, nicht ganz einverstanden war, eine Dame in der ersten Reihe wollte wissen, was aus der orangenen Revolution geworden ist, u.s.w.u.s.f.
Oksana Sabuschko wurde jedenfalls 1960 geboren und lebt in Kiew, bei Droschl sind drei Bücher von ihr erschienen.
„Die Feldstudien zum ukrainischen Sex“ und „Das Museum dervergessenen Geheimnisse“, das, glaube ich, vor zwei Jahren in Leipzig vorgestellt wurde.
Nachher sind wir noch im Cafe Oben gesessen, wo ich mich intensiv mit Martin Pollacks Frau unterhalten habe, Witze erzählt wurden und auch sonst einiges Interessantes über das Literaturleben zu erfahren war.
Zu dem 1944 in Bad Hall geborenen Martin Pollack ist zu sagen, daß ich ihn spätestens seit Erscheinen des Buches „Vatermord“, das in Ex Libris vorgestellt wurde, kenne. Dann habe ich dieses Buch und „Der Tote im Bunker“ bei einem der Büchertürme, als es die Literatur im März noch gab, bekommen und gelesen und bei der letzten Buchwoche im Wiener Rathaus 2007, wo mir sowohl, die Bruni als auch die Ruth Aspöck eine Einladung zur Eröffnung gaben, die Ruth hat mich sogar als Verlagsmitarbeiterin angemeldet, hat er den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln bekommen. Auf der Buch-Wien 2010 wurde sein Buch "Der Kaiser von Amerika" vorgestellt, voriges Jahr bekam er den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung und hat heuer in Leipzig das Projekt Tranzyt kuratiert, wo es vor allem, um die Literatur Polens, der Ukraine und Weißrußlands gegangen ist.
Von der Literatur, die es in Weißrußland gibt, habe ich nicht viel mitbekommen, über die Polens weiß ich einiges, weil wir 2000 in Frankfurt waren, wo sie Schwerpunkt war und die Ukrainer kommen oft nach Wien, so habe ich Andre Kurkow und Juri Andruchowytsch schon mehrmals lesen gehört und der letztere, habe ich im Morgenjournal erfahren, liest demnächst in Krems, bei einem Festival, das offenbar Sylvia Treudl veranstaltet und fährt am Wochenende nach Rauris. Es ist also viel los in Sachen Literatur und die Falter-Beilage zum Bücherfrühling, wo Erich Kleins und noch andere Rezensionen über die Frühjahrsbücher zu finden sind, hat der Alfred auch gebracht.

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2012-03-20

Drei starke Frauen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:26

Die Frauen, meist in Dakar geboren und in Frankreich lebend oder auf dem Weg dorthin, aus Marie NDiayes Roman, einem Fund aus dem offenen Bücherschrank, der jetzt auch als Taschenbuch erschienen ist, sind eigentlich gar nicht so stark, wie der Buchtitel vorgibt scheint oder Norah vielleicht, die Heldin der ersten, der drei kaum zusammenhängenden Geschichten, in dem Roman genannten, 2010 bei Suhrkamp erschienenen Buchs.
Norah ist vierzig, Anwältin, in Frankreich aufgewachsen und kommt auf Drängen ihres Vaters, nach Dakar, das sie eigentlich gar nicht kennt. Der Vater hat mit ihrer Mutter, einer Friseurin, einige Zeit in Frankreich gelebt, dann hat er den Sohn genommen und ist mit ihm nach Dakar gegangen, wo er ein Feriendorf aufbaute und reich und erfolgreich war. Als Norah ihn wiedersieht, ist er ein alter Mann und der Sohn Sony ist wegen Mordes an der zweiten jüngeren Frau des Vaters angeklagt, Norah soll ihn verteidigen, weil der Vater kein Geld mehr hat, einen Anwalt zu bezahlen.
In poetischen Worten mit sehr schönen Bildern werden etwas geheimnisvoll die Geschichten der drei starken Frauen erzählt. Im ersten Teil ist es der Flammenbaum, der symbolträchtig immer wieder auftaucht.
Norah beschreibt das Haus des Vaters, den Diener und das Dienstmädchen Khady, das bei den zwei Kindern lebt und telefoniert mit ihrer Tochter, die mit Norahs weißen Lebensgefährten und seiner Tochter Grete in Paris lebt, die Tochter erzählt ihr etwas von einem Kinobesuch, als Norah mit dem Diener aber am nächsten Tag ins Gefängnis zu ihrem Bruder fährt, sieht sie ihren Lebensgefährten mit den Kindern in einem Hotel sitzen.
In der zweiten Geschichte geht es um die Französischlehrerin Fanta, die ihrem weißen Mann nach Frankreich gefolgt ist und obwohl sie eine der Titelheldinnen des Buches ist, erfährt man nicht wirklich viel von ihr, wird die Geschichte ja von ihrem Mann Rudy erzählt, der mit seinen Eltern in Afrika aufgewachsen ist, der Vater hat seinen Geschäftspartner erschlagen und Rudy, der Französisch unterrichtete, hatte Schwierigkeiten mit einem Schüler, so daß er mit seiner Frau und dem kleinen Sohn nach Frankreich zurückkehrte und dort Küchen verkauft.
Auch er wurde aus der Bahn geworfen, hat kein Geld, so daß er sogar sein Handy abmelden muß, sorgt sich um seine Frau, die sich offensichtlich von ihm abwandte, so daß er vergeblich versucht, sie zu erreichen, sich um seinen Job sorgt, da er sich bei der Ausmessung einer der Küchen verrechnet hat, von Vögeln auf der Fahrt zu seiner Kundin verfolgt wird, dann den kleinen Sohn zu seiner Mutter bringt, es aber bei ihr, die sich um die Kinder der Nachbarn kümmert und Zeichnungen von Engeln anfertigt, die sie dann auf Flugblättern verteilt, nicht wirklich aushält.
Die Heldin der dritten Geschichte ist Khady und von ihr haben wir schon in Geschichte eins erfahren, da sie dort im Haus von Norahs Vater arbeitete. In Geschichte drei, erfährt man, daß ihr Mann von dem sie sich sehnlichst ein Kind wünschte und alles versuchte, eines zu bekommen und der, wie ihre Großmutter gut zu ihr war, gestorben ist, so daß sie bei seiner Familie, die sie als arme, kinderlose Frau nicht will, lebte und die sie dann mit ein paar Geldscheinen und etwas Brot nach Frankreich zu ihrer Cousine Fanta schickt. Aber dorthin zu kommen ist ja nicht leicht, vor allem für Khady nicht, die in der Schule, die sie kurz besuchte, nicht wirklich Französisch lernte, sich nach der guten Zeit bei ihrem Mann, da betrieb sie mit ihm einen Getränkekiosk, bei seiner Familie totstellt und das Sprechen einstellt. Trotzdem fühlt sie sich als etwas Besonderes und Einzigartiges und hat das offenbar auf von der Großmutter so vermittelt bekommen. Das Besteigen des Schiffes scheitert, Khady wird am Bein verletzt, findet dann einen Jungen, der sich um sie kümmert, ihr Papiere und Essen bringt, sein Geld wird ihm aber von der Polizei abgenommen, so daß sich Khady prostituieren muß, um wieder Geld für einen weiteren Fluchtversuch anzusparen und der Versuch mit einer Leiter den hohen Zaun nach Europa zu gelangen, scheitert erneut. „Das bin ich, Khady Demba, dachte sie noch in dem Augenblick, da ihr Schädel auf dem Boden aufschlug und sie mit weit geöffneten Augen hoch über dem Zaun einen Vogel mit langen, grauen Flügeln ruhig kreisen sah – das bin ich, Khady Demba, dachte sie im Schwingen dieser Offenbarung, wissend, daß sie dieser Vogel war und daß der Vogel es wußte.“
Ein wirklich sehr poetischer Roman, der viel über die starken, schwachen Frauen, die in Dakar, in Frankreich oder sonstwo auf der Welt leben oder es wirklich in die Festung Europa, dem hochgelobten Land, in das alle Afrikaner wollen, schaffen, erzählt und von dem ich ohne den offenen Bücherschränken wahrscheinlich nie etwas gehört hätte.
Marie NDiaye wurde 1967 geboren, ist die Tochter einer französischen Mutter und eines senegalischen Vaters, der Vater verließ die Familie, als sie noch ein Säugling war. Später ist sie ist mit ihrem Mann und ihren drei Kindern viel in Europa herumgezogen, seit 2007 lebt sie in Berlin, hat mehrere Literaturpreise bekommen und viele Theaterstücke und Romane geschrieben.

2012-03-19

Italienische Liebe

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:02

Es geht gleich weiter mit den Veranstaltungen, in Leipzig bin ich nach der Messe ohnehin zu keinen Lesungen gekommen und in der Hauptbücherei gibt es, wie schon erwähnt, ein besonderes Programm mit besonderen Gästen und dieser Tage in Wien, wie ein Vertreter des italinischen Kulturinstitutes, der die Veranstaltung eröffnete, ein italienisches Programm. Nämlich italienische Autoren morgen und übermorgen im Literaturhaus und heute war Andrea de Carlo mit seinem neuen Roman „Sie und Er“ in der Hauptbücherei und das ist ein 1952 in Mailand geborener Fotograf, Musiker, Maler und Diogenes-Autor, der eine ganze Reihe von Romanen auf dem Büchertisch liegen hatte.
„1982 ist der erste erschienen!“, erklärte mir die freundliche Buchhändlerin, die ich zuerst fragte, ob der Autor auch in Leipzig war und dann, ob sie alle Bücher gelesen hätte?
Hatte sie und wußte sie nicht und der Herr vom Kulturinstitut erzählte weiter, daß Italo Calvin, der Mentor von Andrea de Carlo war, der ihn an einem Verlag vermittelte.
„1981“ steht im Programm „ist ihm mit dem Roman „Creamtrain“ der Durchbruch gelungen. Acht Jahre später legte er mit „Zwei von zwei“ ein Kultbuch einer ganzen Generation vor“.
In „Sie und Er“ geht es, leicht zu erraten, um die Liebe und zwar um eine, die eher zufällig passiert. Sie ist schon verlobt, er ist ein erfolgloser Autor, der mit einer Wodkaflasche über die Autobahn saust und dann in ihren Wagen fährt, in dem ganzen Buch scheinen sie sich auszuweichen und dennoch nicht voneinander loszukommen. Geschrieben ist der Roman in der Er und Sie Perspektive in abwechselnden Kapiteln und Andreas Pfeifer, der die deutschen Stellen las, das Gespräch führte und übersetzte, erzählte gleich einmal, daß der Autor von den Kritikern sehr gescholten wurde, denn einen Liebesroman schreibt man nicht, das ist trivial und Kitsch.
Das habe ich auch schon mal gehört, obwohl ich nicht wirklich Liebesromane schreibe. Der Autor lachte aber und las sehr viel auf Italienisch und erzählte auch viel auf die ihm gestellten Fragen. Im Publikum schien sich die gesamte italienische Gemeinde, Gabriele Mateja, der Sascha und ich zu befinden und so kamen die Fragen vorwiegend auf Italienisch und ich habe es sehr genossen, viel Italienisch zu hören, von dem ich einzelne Worte und sogar Sätze, aber nicht den Inhalt verstanden habe, was aber nichts machte, es wurde ja übersetzt.
Andreas Pfeifer fragte auch, was ebenfalls sehr interessant ist, über die politische Situation in Italien nach dem Regierungswechsel, ob es jetzt wieder zurück zur Moral geht und der Autor scheint auch nicht viel von der Familie und vom Familienleben zu halten und sehr lustige Kapitel geschrieben zu haben, in dem er sich beispielsweise über den italienischen Literaturbetrieb lustig macht. Und weil das Paar obwohl es das gar nicht will, restlos einander verfällt, ist in der italienischen Originalfassung das „Leielui“ auch zusammengeschrieben.
Es beginnt, wie schon beschrieben auf der Autobahn, da rast der Held, der erfolglose Schriftsteller Daniel dahin und scheint nebenbei auch noch Deutsch zu lernen, bevor er das Auto von Clare und ihrem Verlobten Stefano, einem Anwalt, der noch sehr von seiner Mama schwärmt, rammt. Dann flüchtet Clare in das Landhaus ihrer Eltern, liest einen Roman im Zug von Daniel, ruft ihn an und als sie wieder abfahren will, besucht er sie.
Das Buch scheint über sechshundert Seiten zu haben, weil ja alles in zwei Perspektiven geschrieben ist und die jungen Italienerinnen stellten auch sehr interessante Fragen.
Wie man einen Verlag findet und wie man es schafft als Mann in die Perspektive einer Frau zu schlüpfen?, beispielsweise, der Autor beantwortete, wie erwähnt, das alles sehr ausführlich und ich habe wieder ein wenig Italinisch geübt, das ich ja gerne lernen will, so daß ich mir einmal „Tausend Lektionen Italienisch“ kaufte und das Buch immer mitnehme, wenn wir nach Italien fahren und ich auch schon einmal ein italienisches Buch aus dem Bücherschrank genommen habe.
Dieses habe ich mir nicht gekauft, es gab, glaube ich, auch nur deutsche Bücher am Büchertisch, wohl aber lange Schlangen von Signierwilligen und ich habe einen neuen Autor kennengelernt, den ich bisher nicht kannte und von dem ich noch nichts gelesen habe.
Das kann man also auch in Wien und man muß dazu nicht nach Leipzig fahren und morgen geht es gleich weiter mit einer Autorin und einem Moderator von denen ich nicht nur weiß, daß sie in Leipzig waren, sondern auch ihr Foto im Blog habe, obwohl ich in Leipzig nicht auf ihrer Lesung war.

2012-03-18

Zurück aus Leipzig

Filed under: Uncategorized — jancak @ 21:02
Messe LPZ, Glashalle

Messe LPZ, Glashalle

Messe LPZ, Abendstimmung

Messe LPZ, Abendstimmung

Die letzten zehn Tage habe ich ein bißchen hektisch auf Vorrat gebloggt, waren doch drei Bücher aus dem Haymon-Verlag zu besprechen und bezüglich meines neuen Buchprojekts habe ich zwei Artikeln eingestellt, die Vorschau meines neuen Buches gab es zu bewundern und dann waren noch ein paar Veranstaltungen, so daß der Bericht über die Hauptbüchereiveranstaltung zu lesen war, als wir Mittwoch ganz früh am Morgen losgefahren sind, zuerst auf einem kurzen Zwischenstop in St. Pölten, um Alfreds Mutter auf die Post und in die Stadt zu bringen und dann weiter über Bayern nach Ostdeutschland und Sachsen. Da gab es einen Zwischenstop im Autohof Berger in Neuhaus auf Leberkäse und Spiegeleieiern, dem typischen Rastplatzessen. Um viertel vier waren wir dann angelangt und konnten in der Abendschau schon ein bißchen von der Eröffnung im Gewandhaus sehen. Ian Kershaw hat den Preis zur europäischen Verständigung bekommen und als wir am Donnerstag mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof und dann mit der sehr überfüllten sechzehn zur Messe fuhren, gab es im Literaturgeflüster die Besprechung von Bettina Balakas „Kassiopeia“ und dann die große Messepause, denn nach Leipzig nehme ich den Laptop nicht mit.

Martin Pollack, Robert Traba und Oksana Sabuschko

Martin Pollack, Robert Traba und Oksana Sabuschko

Poetenfestival 2012-09-06 bis 09 Czernowitz, UKRAINE

Poetenfestival 2012-09-06 bis 09 Czernowitz, UKRAINE

Ein wenig zur Statistik, so ungefähr acht bis zehnmal werden wir bisher in Leipzig gewesen sein, das erste Mal in den späten Neunzigerjahren, da gab es, glaube ich, noch das Österreich Special, das Walter Baco veranstaltete und ich habe Milo Dor auf den Gängen getroffen und ihm erklärt, wie er zur Lesung kommt und dann fast jährlich, weil wir in Leipzig ja Freunde haben, die uns bei sich schlafen lassen. Wobei ich bei der Frage bin, was ich eigentlich auf einer Buchmesse mache? Da ich ja nicht zu einer Lesung eingeladen bin und eigentlich auch nicht auf Verlagsverhandlungen gehe. Ich mache wahrscheinlich das, was man Literatur-Touristik nennen kann und seit 2009 blogge ich darüber. Zwei Bücher hatte ich auch in der Handtasche, aber eines war als Mitbringsel für die Ute bestimmt, das andere gab ich der Ulrike zum Geburtstag und da ich eine bin, die von den Messen gerne große Taschen mit Infomaterial nach Hause bringt, ist es auch gut, nicht zu viel Eigenes mitzuschleppen.

Katzengraben-Presse, Christian Ewald

Katzengraben-Presse, Christian Ewald

Verlag Torsten Low

Verlag Torsten Low

Am Donnerstag hatte ich aber die „Absturzgefahr“ in der Handtasche und auch ein paar Einladungen zu meinen zwei Lesungen, die ich demnächst habe und natürlich auch ein paar Programme. Denn seit es Internet gibt, kann man sich ja darüber informieren, was man alles sehen und wem man treffen will. Ein paar diesbezügliche Pläne hatte ich ja und so bin ich am Donnerstagvormittag ein wenig ziellos durch die Hallen geschlendert, habe Julietta Fix von Fix Poetry begrüßt, war dann am Stand des Literaturcafes, da gab es am Sonntag eine Veranstaltung über das richtige Bloggen, aber da waren wir schon auf der Rückfahrt und hatte eine ziemlich volle Tasche, als ich den Alfred zu Mittag in der Glashalle zum Essen traf. Am Nachmittag habe ich mich damit vors blaue sofa gesetzt, um nicht die schwere Tasche herumschleppen zu müssen. Da stellte dann Ian Kerhaw sein neues Buch über den Krieg vor und Peter Nadas seine „Parallelgeschichten“, an denen er sehr lange geschrieben hat und die sehr umfangreich geworden sind. Anette Pehnt hatte ein Buch zur „Chronik der Nähe“, eine drei Frauengeschichte ähnlich, wie die „Wiedergeborene“ könnte man fast meinen und Ivan Klima stelte ein Buch vor, daß er schon vor fünfzig Jahren geschrieben hat. Damit wurde es langsam vier und da wurde in der Glashalle der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben. Die letzten Reihen waren dem Publikum vorbehalten, nach vorne wurden die geladenen Gäste eingeschleust und ich hatte das Glück noch einen Platz zu bekommen, habe daher einiges gehört, aber nicht sehr viel gesehen. Aber doch mitbekommen, daß Wolfgang Herrndorf in der Sparte Belletristik mit seinem Roman „Sand“ gewonnen hat. Er hat auch den Publikumspreis gewonnen und war schon im Vorjahr mit „Tschik“ nominiert. Beim Sachbuch hat Jörg Baberowski mit „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ gewonnen und bei den Übersetzungen Christina Viragh, die Peter Nadas „Parallelgeschichten“ übersetzt hat. Da hatte ich dann schon einen Eindruck und Verena Auffermann, die Jurysprecherin oder war es einer der Politiker, forderte dann noch das Publikum zum Lesen und zum Kaufen auf.

Jutta Ditfurth, Worum es geht

Jutta Ditfurth, Worum es geht

Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu

Wenn mich nicht alles täuscht, hat sich Gerlinde Tamerl, die ich ja treffen wollte, eine Reihe vor mich gesetzt, aber die ging nach der Veranstaltung in das Innere, während ich mich in die Halle vier zum Umtrunk der Österreicher aufmachte und dort im Österreich Cafe Ditha Brickwell und noch einige andere Bekannten traf. Dann war der erste Messetag zu Ende und es gab die lange Leipziger Lesenacht in der Moritz Bastei, von der ich mir das Programm ausgedruckt hatte, aber auch Ulrikes Geburtstag und so war ich diesmal in dem China-Restaurant, das der Alfred vor drei Jahren fotografierte.
Am Freitag ging es gleich weiter mit dem blauen Sofa und einer sehr jungen Frau namens Olga Grjasnowa, die aus Baku stammt, im Literaturinstitut in Leipzig studiert hat und jetzt ihr Romandebut „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ vorstellte, das ein sehr interessantes Buch zu sein scheint, in dem es um die Traumatisierungen, die junge Leute haben können, wenn sie als Kinder aus Baku oder der Türkei etc. nach Deutschland kommen und dort noch Fremdenfeindlichkeit erleben, geht, aber auch um den Leistungsdruck, den die Protagonisten ausgesetzt sind, sehr gut Deutsch zu können, Erfolg zu haben, etc.
Etwas später kam Thomas von Steinaecker und das ist auch ein sehr junger Mann und einer von den Nominierten zum Leipziger Buchpreis, der einen Roman mit einem sehr langen Titel, nämlich „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen“ hat, vorstellte, den er 2008, als die Wirtschaftskrise anfing, begonnen hat und der von einer mittleren Angestellten einer Versicherungsgesellschaft handelt.

Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu

Messe LPZ, Tragtasche

Messe LPZ, Tragtasche

Dann kam Erika Pluhar auf das blaue Sofa und ich traf Alfred zum Mittagessen, habe mir am TAZ-Stand wieder einen Kaffee geholt und bin im Berliner Zimmer gerade zur Verleihung des „Kurt-Wolff-Preises“ an den Verlag „Das Wunderhorn“ zurechtgekommen und habe, glaube ich, den Herrn Wagenbach gesehen.
Dann bin ich in die Halle vier gegangen und dort ein paar österreichische Lesungen gehört, nämlich Manfred Rebhandls „Das Schwert des Ostens“ und Bettina Balakas „Kassiopeia“. Gerlinde Tamerl habe ich dabei nicht getroffen, wohl aber ein paar Worte mit Bettina Balaka gewechselt, die meine Besprechung schon gesehen hatte. Dann bin ich zum 3Sat Stand gegangen, habe Zeruya Shalev beim Signieren zugesehen und mich gewundert, daß ich einen Platz in der ersten Reihe bekommen habe, obwohl doch Sarah Kuttner lesen sollte, bis ich mitbekommen habe, daß die Lesung ausfiel, so habe ich nur Geog M. Oswalds „Unter Feinden“ gehört, bis ich wieder zum blauen Sofa gegangen bin, wo der Preis der Literaturhäuser an Feridun Zaimoglu vergeben wurde.
Der wurde dann am Samstag bei 3Sat vorgestellt und weil ich mich schon orientiert hatte, bin ich gleich weiter ins Berliner Zimmer gegangen, denn Milena Michiko Flasars dritter Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ ist nicht mehr bei Residenz, sondern bei Wagenbach erschienen und hat auch ein sehr interessantes Thema, handelt er doch von einem der jungen Japaner, die dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten, sondern sich für Jahre in ihr Zimmer zurückziehen, die Eltern stellen dann das Essen vor die Tür und dieser jungen Mann tut es dann doch und geht in den Park, wo er einen älteren Arbeitslosen trifft. Ein sehr interessanter Roman, von einer jungen Frau, die in St. Pölten geboren wurde.
Am Samstag war ich mit der Ute auf der Messe, die mir sagte, daß um zwölf Kerstin Hensel in der Glashalle las und so habe ich sie, das erste Mal auf der Leipziger Buchmesse getroffen, was sich bisher interessanterweise nicht ergeben hat. Sie las auf dem Stand, wo alle ausgezeichneten Romane vorgestellt wurden und präsentierte ihr neues Buch, wo es drei Erzählungen über die Liebe gibt.
„Lärchenau“ habe ich ja einmal bei Fix Poetry gewonnen und gesprochen und Kerstin Hensel habe ich, glaube ich, das letzte Mal 1992 in Berlin gesehen. Einmal war sie auch in Wien, als sie in der Alten Schmiede gelesen hat und noch einmal früher, als sie 1989 in Klagenfurt gelesen hat.
Um halb drei hat Cornelia Travnicek ihren neuen Roman „Chucks“ in der Glashalle vorgestellt und dazwischen gab es noch die Gelegenheit beim Bücherfrühling bei 3 Sat Erika Pluhar zu hören, die ihr neues bei Residenz erschienenes Buch „Im Schatten der Zeit“ vorstellte, das aber, glaube ich, ein ähnliches Thema wie „Am Ende des Gartens“ hat, das ich schon gelesen habe. Felicitas Hoppe, die ich 1996 in Klagenfurt kennenlernte hat ihr neues Buch „Hoppe“ vorgestellt und Jens Sparschuh, ein anderer für den Buchpreis nominierter, seinen Roman „Im Kasten“.
Dann bin in den sehr vollen Messegängen, an den vielen Kostümierten vorbei, wieder auf einen Kaffee bei TAZ und ins Berliner Zimmer gangen, wo Georgy Dalos aus dem „Fall des Ökönomen“ las, aber das habe ich, glaube ich, schon auf der Buch-Wien gehört, dann ging es wieder in die Halle vier, denn dort gab es nicht nur die Österreichstände, sondern auch den Ostschwerpunkt,“tranzyt“ den Martin Pollack kuratierte und auch sonst sehr viel über osteuropäische Literatur, so daß ich einiges über die Literatur Georgiens, Mazedoniens, Serbiens etc erfahren, bzw. Broschüren dieser Länder mitnehmen konnte, aber auch durch Zufall draufkam, daß Tamta Melaschwilli, deren Debutroman „Abzählen“ vor einer Woche in Ex Libris war, den ich aber versäumte, weil wir auf die Mostalm spazieren gingen, im Forum International vorgestellt wurde und ganz am Schluß gab es noch einen ukrainischen Schwerpunkt mit Andrej Kurkow und Juri Andruchowytsch. Die Beiden habe ich zwar auch schon auf der Buch-Wien gehört. Andrej Kurkow hat aber außer dem „Wahrhaftigen Volkskontrolleur“ schon wieder ein neues Buch, das er vorstellte, nämlich den „Gärtner von Otschakow“, bei Diogenes erschienen.
Dann war es schon sechs und ich fuhr in einer überfüllten Straßenbahn mit vielen Kostümierten zurück und wir verbrachten noch einen Abend bei Wein und Pistazien bei den Hundertmarks, bevor wir heute zurückfuhren.
Mir raucht der Kopf, habe ich in die drei Tage doch ein sehr dichtes Programm gepresst und trotzdem sehr vieles nicht mitbekommen oder nur angehört. Gelesen habe ich in den drei Tagen nicht sehr viel und auch nicht so viele Prospekte, wie früher nach Wien zurückgeschleppt und wenn ich vergleiche, ob ein Buchmessenbesuch übers Wohnzimmer oder direkt am Ort intensiver ist, kann ich es nicht sagen.
Bei Leipzig habe ich, wenn ich auf das Archiv verweise, ja beides gemacht, 2009 und 2010 waren wir dort, 2011 habe ich aus dem Wohnzimmer berichtet und über Clemens J. Setz und Arno Geiger sehr viel erfahren, denn die 3Sat Diskussionen und das blaue Sofa kann man sich ja auch im Internet anhören. Die vielen Bühnen, wo die vielleicht nicht so bekannten Autoren lesen, aber nicht und auch der Direktkontakt fällt weg. Aber darin bin ich ohnehin nicht so gut. Trotzdem habe ich ein paar Bekannte getroffen und einige Bücher kennengelernt, die ich gerne lesen würde, wie zum Beispiel das von Olga Grjasnowa, das von Tamta Melaschwili,etc und ich habe auch ein bißchen aus „Chucks“ gehört. Das hätte ich zwar auch vor einer Woche in der Hauptbücherei tun können, aber da hatte ich eine Stunde und die Frau Mayröcker war in der Alten Schmiede. Von dem Flasar Buch hatte ich schon im Radio einiges gehört, das ist aber auch ein sehr interessantes Thema und, daß ich kurz mit Kerstin Hensel gesprochen habe, freut mich ebenfalls sehr und jetzt bin ich nach Wien zurückgekommen, habe einen langen Bericht geschrieben, im Wohnzimmer kann man das täglich tun, habe Morgen vielen Stunden, ein Buch von der Post abzuholen und mich auch auf meine Lesung am Mittwoch vorzubereiten und in mein neues Romanprojekt zurückkommen sollte ich auch und wenn ich damit vielleicht im nächsten oder übernächsten Jahr zu einer Lesung nach Leipzig eingeladen werden würde, wäre das ja auch sehr schön….
Zu den Fotos ist noch anzumerken, daß sie von Alfred stammen und daß wir auf getrennten Wegen herumwandelten. So war ich nicht auf der Jutta Dithfurth-Lesung und habe auch den Czernowitz-Stand nicht gesehen. Am OstSüdOst-Forum war ich, allerdings nicht zu dem Zeitpunkt als dort Martin Pollack und Oksana Sabuschko waren und Torsten Low kenne ich von der anderen Buchmesse in Wien. Die schöne Tragetasche habe ich mir, glaube ich, aus der Halle drei mitgenommen und bei Feridun Zaimoglu war ich beim blauen Sofa, von dort gibts auch ein Foto von mir, wo ich sitze und Ivan Klima zuhöre, das hat dem Alfred aber nicht gefallen.

2012-03-15

Kassiopeia

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:36

Von Florenz geht es gleich nach Venedig, denn Bettina Balakas bei Haymon erschienener Roman „Kassiopeia spielt, nicht nur dort, geht der Roman ja weit in die Vergangenheit der Protagonisten und der sie umgebenden Personen zurück. Er beginnt und endet aber da und im Klappentext kann man lesen, daß „Judit Kalmann und Markus Bachgrabn ein Traumpaar sind, das einen romantischen Abend verbringt, der ein unerwartetetes Ende findet – und daß Bettina Balaka in ihrem neuen Roman von der Tragikkomödie zwischenmenschlicher Beziehungen, vom Wunsch, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und vom langen Schatten einer Familiengeschichte, der man nicht so leicht entkommt“, erzählt.
Am Anfang habe ich das gar nicht so empfunden und eher an die Gesellschaftsromane einer Elisabeth Gürt gedacht, denn so scheint es zu beginnen.
Judit Kalmann, eine Frau Mitte Vierzig, aus guter Salzburger Familie, kinder- und beruflos, aber von ihren vermögenden Eltern mit großer Brieftasche ausgestattet und, wie Frauen um die vierzig, die in der Gesellschaft mitspielen, offenbar so sind, leicht eßgestört, sie erlaubt sich im Sommer nur einmal eine Kugel Eis und im Winter drei Pralinen und läßt sich von der Haushälterin, der Freundin, in dessen Palais sie leben wird, Obst, Gemüse, Mineralwasser, Wein und Sekt, aber kein Brot und keine Butter besorgen, reist nach Vededig, um dort einen schönen Abend mit dem Schriftsteller Markus Bachgraben zu verbringen, der vor zwei Jahren den berühmten Roman „Kassiopeia“ geschrieben hat und ein Monat lang ein Aufenthaltsstipendium in einer Schriftstellerwohnung hat.
Das wird weitschweifend unter Einbeziehung des Lokalkolorits geschildert. Judit scheint auch ein wenig zwanghaft zu sein, denn das Buch ist voll von Listen, die an die schöne Haushälterin Gianna Vescovo mit den Einkaufswünschen, aber auch die von Dingen, die es früher einmal gegeben hat „Vierteltelefone“ zum Beispiel und die, die es nicht gab „Handies“ und dann wird gleich einmal in die Familiengeschichte eingetaucht und die der Salzburger Hausärztin erzählt, die einmal Kleidergröße sechsundvierzig hatte, sich dann auf vierunddreißig hinunterhungerte, als sie ihren Mann, einen Lehrer, mit einer seiner Schülerinnen, in der Salzburger Getreidegasse sah, darauf, ging sie in die Psychiatrie, verliebte sich in den Psychiater und als sie wieder ordinierte, erklärte sie Judits Mutter, daß sie ihr nur eine Schnitte Milchbrot zum Frühstück geben soll.
Judit ist die Tochter des erfolgreichen Salzburger Unternehmers Franz Kalmanns, in Ungarn geboren und als er er Kommerzialrat wird, erzählt er den Festgästen lang und breit die Geschichte, wie er nach dem Krieg Trümmer wegräumen mußte und dabei auf ein kleines totes jüdisches Mädchen stieß und seiner Frau Johanna, die aus Südtirol kommt und nicht weiß, wer ihr Vater ist. Dann gibt es noch die Schwester Katalin, zu der die Protagonistin ein sehr gestörtes Verhältnis zu haben scheint. Jedenfalls ruft sie ständig an, sagt, sie hätte etwas Wichtiges mitzuteilen und Judit hebt nicht ab, sondern phantasiert von einer Adoption und meint, daß Katalin das angenommenene Kind der Bauunternehmerfamilie ist. Ansonsten gab es eine schöne Kindheit, mit vielen Kindermädchen und einer Mutter, die schon in den Sechzigerjahren der Laissez faire Erziehung huldigte.
„Alles wächst sich aus!“
So ist Judit jetzt eine Grand Dame geworden, die sich mit ihren Freundinnen durchs Leben hungert, eine hat die Wohnung in Venedig und teilt, an die anderen den Schlüßel aus, so ist Judit nicht allein in dem Palais, sondern bekommt Besuch von der Galeristin Erika und ihrem Hund. Auch darüber gibt es Geschichten, wie die kleine Erika von ihren Eltern nach Purkersdorf gefahren wurde und der Großvater, dem Vater die schönen Jugendstilreste aus dem schönen Sanatorium abtransportieren läßt, die damals niemand haben wollte oder die, wie sie zu einem einsamen Künstler nach Göteborg fährt und dabei einen Elch überfährt.
„Was hat das mit der Tragikkommödie und dem Traumpaar zu tun?“, könnte man denken.
Geduld, Geduld, man kommt schon darauf, denn Bettina Balaka läßt ihre Protagonistin immer wieder nach Venedig zurückkehren und mit dem Vaporettos durch die Stadt fahren. Sie trifft auch gleich auf Markus, verabredet sich mit ihm zu einer Liebesnacht, er entwischt ihr aber und nach und nach, etwa in der Mitte erfährt man auch etwas über die Beziehung der beiden. Judit hat das Buch in einer Buchhandlung gesehen, dann herausgefunden, daß es am selben Abend eine Lesung gibt, sie läßt es sich signieren, geht mit ins Restaurant, dann in ein paar Bars und landet schließlich in Markus Bett, der einige Jahre jünger ist, findet in den Mails eines, das sich auf sie bezieht. Ein Freund will wissen, ob er die Nacht bei der kühlen Blonden verbringen wird?
„Nein, wirklich nicht!“, schreibt er darauf.
Zu diesem Zeitpunkt erscheint der Dichter, der ein wenig an Thomas Bernhard erinnert und über alles schimpft, kocht Eierspeise ohne Brot, läßt sich die Visitenkarte geben, gibt aber keine Telefonnummer her und ruft auch nicht an. So daß Judit selber initiativ werden muß, das Haus besucht, Markus Post überwacht und auch verschwinden läßt. In Venedig löst sie dann auch noch sein Konto auf und nimmt ihm, als sie sich am nächsten Morgen doch wieder treffen, den Schlüßel zu der Künstlerwohnung aus der Jackentasche und geht dorthin, während er die Biennale besucht. Dort findet sie in seinem Computer sofort „Experiment Judit Kalmann“ und kann feststellen, daß der Dichter mit ihr gespielt, bzw. sie als Romanfigur agieren ließ.
„Game over“ schreibt sie darunter, nimmt den Parmesan aus dem Eiskasten und wartet ab, bis die Ameisen eine schwarze Straße bilden, dann läßt sie den Schlüßel stecken und geht aus der Wohnung. Ihre Freundin Erika hat inzwischen eine Vision, daß sie von einem chinesischen Bettpfosten besucht wurde und Judit sieht ihre Eltern, Katalin und deren vierten Ehemann auftauchen, die ihr erzählen, daß ihre Mutter gestorben ist, denn in Wahrheit war Judit das Adoptivkind und Markus trifft sie auch wieder und, daß sie von ihrer Mutter in Rom geboren wurde und daher eine Italienerin ist, erfährt man am Schluß ebenfalls.
„Wer von Marlene Streeruwitz, Daniel Kehlmann, Robert Menasse… spricht, darf von Bettina Balaka nicht schweigen!“, schreibt Günter Kaindlsdorfer noch am Buchumschlag.
Nun dann tue ich es nicht und erzähle oder flüsterte, daß ich auf den Namen, der 1966 in Salzburg geborenenen und in Wien als freie Schriftstellerin lebenden, das erste Mal 1992 stieß, als ich in der Jury für das Nachwuchsstipendium war. 1993 hat sie den Alfred-Geßwein-Literaturpreis bekommen, einen Podium Gedichtband herausgebracht und bei Droschl ein paar Bücher verlegt. 2002 hat Ruth Aspöck sie und mich zu der Diskussion „Poesie und Brotberuf“ in Poldis Galeriecafe eingeladen, da kann ich mich erinnern, daß sie sagte, daß sie nie umsonst lesen würde und das auch nicht braucht, weil es ihr ja gelungen ist, Eingang in den Literaturbetrieb zu finden, aber auch die Werke anderer dramatisiert.
Mehrere Preise und Erzählbände folgten, 2006 ist der Roman „Eisflüstern“ erschienen, der von einem Soldat aus dem ersten Weltkrieg handelt und jetzt der Gesellschaftsroman „Kassiopeia“, der eine, wie ich den Buchtexten weiter entnehme „doppelbödig, überraschend und mit einer gehörigen Portion Witz erzählt.“
Was ich davon mitnehme ist, daß man einen Roman durchaus bedächtig und weitschweifig beginnen kann. Das überraschende ist, daß am Schluß alles zusammenkommt, die Fragen beantwortet werden, wenn man auch lange glaubte, nette Geschichterln zu hören, die eigentlich mit der Beziehungsgeschichte des Traumpaars und der versprochenen Tragikkommödie nichts zu tun zu haben scheinen.

2012-03-14

Christos Tsiolkas in der Hauptbücherei

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:51

In der Hauptbücherei gibt es häufig fremdsprachige Lesungen, eine Gelegenheiten mit Autoren in Kontakt zu kommen, die man sonst kaum kennenlernen würden und da am Donnerstag die Leipziger Buchmesse beginnt, hat der Klett-Cotta-Verlag offenbar den australischen Autor griechischer Abstimmung mit seinem Bestsellerroman „Nur eine Ohrfeige“ auf Lesereise nach Österreich, Deutschlung und die Schweiz geschickt und so gab es am Dienstag eine englischsprachige Lesung bzw. Veranstaltung.
Das heißt der Schauspieler Robert Reinagl vom Burgtheater hat die deutschen Stellen gelesen, Sebastian Fasthuber hat eingeleitet und auf Englisch ein Gespräch mit dem Autor geführt, der zwei Stellen des Romans in der Originalfassung gelesen hat. Ich habe von dem Autor noch nie etwas gehört, der aber, wie Christian Jahl in seiner Vorstellung erklärte, in Österreich überhaupt nicht sehr bekannt ist, obwohl der 2008 in Australien erschinene Roman, mehrere Preise bekommen hat und auch verfilmt wurde und es geht um ein vergleichsweise harmloses Thema, das breite Wellen wirft. Auf einer Party wird ein vierjähriges Kind geohrfeigt und in dem Roman entwickeln dann acht Protagonisten in acht Kapitel ihre Sicht der Dinge. Die meisten Personen sind davon um die vierzig, einer ist älter, zwei sind jünger und die Party fand bei einem eingewanderten Griechen und seiner Frau, die Tierärztin ist, statt, der Cousin hat dem Kind die Ohrfeige gegeben, zwei Freundinnen spielen noch eine Rolle, eine ist Rosie, die Mutter des Kindes, eine Ureinwohnerin, die das Kind immer noch stillt und ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter hat, die andere ist Drehbuchautorin, die lieber Romane schreiben würde, eine junge Ordinationshilfe, die offenbar ein Verhältnis zu dem Mann und einen schwulen Freund hat, spielen auch eine Rolle und der Vater des Mannes.
Aus vier Kapitel wurde gelesen, Christos Tsiolkas hat sehr eindrucksvoll begonnen, dann folgte Robert Reinagl, der ein Stück des Kapitels der Rosie und am Schluß noch aus dem des schwulen jungen Mannes, der auch ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater hat, las.
Dem Beschreibungstext entnehme ich, daß sich aus der scheinbar banalen Begebenheit der Ohrfeige eine spannende Erzählung über Liebe, Sex und die verschiedenen Auffassungen von Ehe, Erziehung und Freundschaft entwickelt.
„Ein großer Gesellschaftsroman – ein Roman über die moderne Familie, der Monatelang auf den Bestsellerlisten in Australien und Englang und für den Man Brooker Prize nominiert war.“
Christos Tsiolkas wurde 1965 im australischen Melbourne als Sohn griechischer Immigranten, der erst Englisch lernte, als er zur Schule kam, geboren und arbeitet fürs Theater und Fernsehen. Er scheint auch mehrere Romane geschrieben zu haben, von denen aber nur einer oder zwei bisher auf Deutsch übersetzt wurde.
Die Hauptbücherei war gut besucht, es gab im Anschluß auch eine rege Diskussion mit dem sehr extrovertiert und freundlich wirkenden Autor und es war auch sehr spannend ein großes Stück auf Englisch zu hören.
So und jetzt auf nach Leipzig, vorher gibt es aber noch eine Rezension und Anfang nächster Woche zwei weitere interessante Lesungen in der Hauptbücherei, nämlich mit Andrea de Carlo und Oksana Sabuschko, die wahrscheinlich ebenfalls in Kooperation mit der Buchmesse stattfinden werden.

2012-03-13

Zweimal Felix Philipp Ingold

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:48

Zweimal Felix Philipp Ingold in der Alten Schmiede, zuerst eine Stunde der literarischen Erleuchtung mit dem 1942 in Basel geborenen Dichter, Erzähler, Übersetzer, Forscher und Publizisten, den ich spätestens seit 2003 kenne, als er den Ernst Jandl Preis bekommen hat. Jetzt hat er einen Schwerpunkt in der Alten Schmiede und die Stunde der literarischen Erleuchtung begann mit einer zweisprachigen Lesung aus der Anthologie Russische Lyrik von 2000 – 1800 „Als Gruß zu lesen“, die der Autor, als ich um viertel sieben, da ich eine Stunde hatte, die Alte Schmiede Werkstatt erreichte, gerade kommentierte und dann Beispiele der russischen Lyrik, die er übersetzte, zum Besten gab und auch etwas dazu erzählte. Ein Gedicht von Anna Achmotova war dabei, einige von Joseph Brodsky, eines davon in Englisch geschrieben, eines von Ossip Mandelstam und eines von Rainer Maria Rilke, auf Russisch geschrieben von Felix Philipp Ingold wieder auf Deutsch zurück übersetzt. Ein spannender Ausflug in die russische Lyrik, der auch von der Lyrikerszene gut besucht war, so bin ich neben Alexander Nitzberg gesessen, später habe ich Christian Steinbacher, Robert Huez, Ann Cotton, Katharina Tiwald, Christian Katt, Gabriele Petricek, etc gesehen.
Es gab dann eine lange Pause, in der ich einige Runden drehte, bzw. mir die Bücherreihe, die am Büchertisch aufgelegt war, angesehen habe und dann die Wiener Vorlesung zur Literatur und das war ebenfalls sehr spannend.
Unter dem Titel „Immer wahr der Klang“ gab es Überlegungen und Beispiele zur Entstehung eines Gedichtes. Da habe ich vor kurzem ja ein Zwiegespräch über Poetiken in der Gesellschaft der Literatur gehört und der Tag der Lyrik im März ist ja auch irgendwann und so kam diese Einführung in die Lyrik gerade recht.
Die Alte Schmiede hatte Felix Philipp Ingold ein Stehpult aufgebaut und eine Leinwand auf der das Gedicht „Wertnahme“ projeziert war und Felix Philipp Ingold erklärte, daß er einmal auf einer Veranstaltung mit Friederike Mayröcker war, die erklärte, daß bei ihr ein Gedicht immer aus einem Gefühl heraus entsteht, was bei ihm anders ist, wie er anmerkte. Bei ihm entstehen Gedichte aus einem Wort, das er irgendwo gefunden oder gesammelt hat. Er scheint sich auch einen Wortvorrat anzulegen, dann schreibt er es handschriftlich auf und es kommt zu verschiedenen Fassungen bis das Gedichte fertig ist. Das demonstrierte er an dem Beispiel und erklärte, daß es dabei das Wort Bronte war, das ihm zuerst eingefallen war. Mozart Briefe hat er zu dieser Zeit auch gelesen und so ist das Gedicht schließlich aus verschiedenen Worteinfällen und Lautfolgen entstanden und Felix Philipp Ingold meinte, daß er nicht verstehen könne, daß ihn die Leute für einen schwierigen Dichter halten, wo er doch sehr einfach schreibe.
Während der Projektion ist mehrmals der Strom ausgefallen, offenbar war der Projektor defekt und mußte von August Bisinger immer wieder eingeschaltet werden und Ann Cotton neben der ich nach der Pause saß, schrieb eifrig in ein rotes Notizbuch, schien sich etwas über die Gedichtentstehung zu notieren, machte aber auch einige Tierzeichnungen in das Buch, was ich sehr interessant und lehrreich empfand, so entsteht Literatur und am Mittwoch und am Donnerstag geht es weiter mit den Felix Philipp Ingold Lectures, nämlich am Mittwoch um sechs mit seinen Gedichten, einer Lesung und Projektion aus „Steinlese“ und aus „Wortnahme“. Benedikt Lebedur, der wenn ich mich nicht täusche, 2003 in Neuberg an der Mürz, die Laudatio hielt, leitet ein und um acht gibt es etwas über den Roman nämlich eine Lesung aus „Alias“, den ich in der Pause durchgeblättert habe und in dem es über die Figur des Wolga Deutschen Rote Armee Offiziers und Gulag Häftlings Kiril Bergerow geht, hier wird Erich Klein einleiten und am Donnerstag gibt es eine Veranstaltung, wo das alles mit Felix Philip Ingold, Erich Klein und Bededikt Lebedur diskutiert wird, aber da werde ich schon in Leipzig sein und muß mich daher mit dem Einleitungsabend begnügen.

2012-03-12

Nebelschwaden

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:20

Draußen war es nebelig oder war das nur, weil sie schon schlecht sah? Weil sich Grauschleier über ihre Sehschärfe gezogen haben und diese langsam verdrängten, nach und nach. Aber mit über neunzig Jahren braucht es keine Sehschärfe mehr. Da muß man nicht mehr gut sehen und auch nicht alles wissen, hatte ihre Großmutter gesagt, vor siebenundsiebzig Jahren. Daran konnte sie sich erinnern, daß sie als Backfisch von dreizehn Jahren, ein kleines mageres Ding war sie gewesen, am Bett der Großmutter gesessen war, weil ihr das die Mutter, die ein paar Tage Arbeit in einer Fabrik gefunden hat, so aufgetragen hatte.
„Sei so lieb, Paulakind und achte auf die Großmama, du mußt dafür auch nicht in die Schule gehen, das regle ich schon mit deinem Oberlehrer!“, hatte sie gesagt und sie hatte, schüchtern und gehorsam, wie die Kinder damals waren, nicht zu widersprechen gewagt.
Heute wäre das undenkbar, heute ließen sich die Kids, wie man die Backfische nannte, nicht mehr gefallen. Sie hatte nicht zu widersprechen gewagt und war gehorsam am Bett der alten, dürren Großmama gesessen und hatte ihr mit einem Tuch die rissigen Lippen benetzt. Zuerst hatte die alte Frau nach Wasser verlangt, dann hatte sie sich nicht mehr bewegt und nicht mehr gesprochen und es hatte lange gebraucht, bis sie begriffen hatte, daß die Großmutter von dieser Welt gegangen war und sie verlassen hatte.
„Du bist nicht schuld daran, Kindskopf, Paula, bilde dir das nur nicht nein!“, hatte auch die Mutter gesagt, als sie von der Fabrik zurückgekommen war und der alte jüdische Hausarzt, den Totenschein ausgestellt hatte. Sie hatte es trotzdem geglaubt. Lange und beharrlich und selbst für einige Zeit verstummt. Hatte schon damals, als junges, dummes Mädel, die Nebelschwaden vor den Augen gehabt. Später, nach dem Krieg hatte sie angefangen scharf zu sehen, ihr Studium beendet, Kinderpsychchologin geworden und, um ihre Tochter Regina zu kämpfen begonnen, daß die strengen Fürsorgerinnen der jungen Studentin weggenommen und nicht mehr zurückgegeben hatten.
Lange Jahre um Regina gekämpft und nie mehr den Kontakt zu ihr gefunden, bis heute nicht, wo Regina eine genauso alte Frau sein mußte, wie es die Großmutter gewesen war. Und sie war noch viel älter. Den neunzigsten Geburtstag vor kurzem gefeiert und da war eine Krankenschwester vom sozialen Sützpunkt bei ihr aufgetaucht und hatte genauso streng geschaut, wie es die Fürsorgerinnen damals bei der jungen Studentin taten.
„Das geht doch nicht, Frau Dr. Nebel, daß sie den ganzen Tag alleine in der Wohnung bleiben? Kommen Sie denn zurecht?“, hatte sie mit scheinbarer Süßigkeit gefragt und sie skeptisch dabei mustert. Sie hatte den Kopf geschüttelt „Papalapapp!“, geantwortet und wieder den Nebenschwadenschleier vor Augen gehabt, obwohl sie sehr klar sah und nicht einmal eine Brille brauchte. Eine Tatsache, die Herrn Hans, dem schüchternen, jungen Mann, der ihr beim Einkaufen manchmal half, die Tasche in ihre Wohnung zu transportieren, sehr gefiel.
„Sie sehen noch ganz klar und sind noch eine junge Frau!“, scherzte er immer, bevor er von seiner Großmutter zu sprechen anfing, an die sie ihn erinnern würde. Um die Großmutter kam man, wenn man über Neunzig war, nicht herum und das machte auch nichts. War sie doch Großmutter, obwohl sie ihren Enkel genausowenig sah, wie ihre Tochter Regina. Aber Rainer, der Medizin studiert hatte und auf einen Ausbildungsplatz wartete, rief manchmal an, um ihr von sich zu erzählen und sonst war sie auch nicht den ganzen Tag allein, wie die Krankenschwestertante behauptet hatte. Hatte sie doch ein Radio und daher den Zugang zu der modernen Welt. Wußte alles von den Sparpaketen, den Wirtschaftskrisen, der Schuldenbremse und so weiter und so fort, was die Welt heute bewegte. Das war fast so. wie in den Dreißigerjahren, als sie jung gewesen war. Fast so und doch ein bißchen anders. Von einem Zwangskindergarten in den alle ab dem ersten oder zweiten Lebensjahr gehen sollten, um richtig Deutsch zu lernen, hatte man damals nicht gesprochen. Damals blieben die Mütter bei den Kindern und sangen ihnen vor und damals war auch die Kindersterblichkeit höher gewesen und die Frauen hatten viel mehr Kinder, als heute gehabt.
Aber sonst merkten ihre scharfen Augen, trotz der Nebelschwaden, die sie umwölkten, Parallelen. Von der Arbeitslosigkeit hatte man damals auch gesprochen und man hatte, wenn man die Schule oder die Universität beendet hatte, genausowenig eine solche bekommen, wie man das offenbar heute tat und auch von Studiengebühren sprach man heute wieder. War allethalben zu hören, daß diese eingeführt werden mußten, damit die Universitäten die Studenten ausbilden konnten.
„Sie haben klare Augen, wie ein junges Mäderl!“, schwärmte der Herr Hans, der es selbst sehr schwer auf seinem Arbeitsplatz hatte und sich dort nicht durchsetzen konnte, wenn er ihr die Tasche mit ihren Einkäufen in die Wohnung trug.
„Sie müssen aufpassen und dürfen keine Fremden in ihre Wohnung lassen!“, mahnte dagegen die Krankenschwester, aber die war selber fremd und sie schüttelte den Kopf und würde in ihre Küche humpeln, um die Karotten und die Erdäpfel aus der Tasche zu nehmen und sich zu Mittag eine Gemüsesuppe zu bereiten. Denn das ging schnell, aß sie gern und Gemüse war auch sehr gesund und vom Karotin der Karotten bekam man klare Augen und das Vitamin A schäfte die Sehschäfre, das hatte sie noch in der Bürgerschule vor fünfundziebzig Jahren gelernt und galt noch heute, wie ihr Rainer, wenn er anrief und ihr von der Überlastung, die die jungen Ärzte in den Spitälern und überfüllten Spitalsambulanzen, erlebten, berichtete, erzählte.
Nebelschwaden, Nebelschleier, Paula Nebel, Nebelchen, so hatte man schon vor siebzig, achtig Jahren ihren Namen verhunzt und sie hatte aufgehört sich darüber zu ärgern und heute, tat man das nicht mehr sehr oft, denn heute war sie viel allein.
Die Großmutter und die Mutter waren gestorben, Regina verschwunden und Rainer hatte keine Zeit für sie. So blieb sie allein in ihrer Wohnung und freute sich über den Besuch des Herrn Hans und ließ ihn auch ein bißchen über ihren Namen scherzen. Denn er meinte es, das wußte sie, gut.
Paula Nebel, Nebelschwaden, der Nebel ist herangezogen und hat die Welt umwölkt, so daß der scharfe Blick oft fehlte oder es schwer hatte, durchzudringen. Hatte die Krise doch schon wieder die Gemüter verwirrt, was zu Ängsten und Depressionen führte oder auch zu Burn Out Gefühlen, wie das heute so hieß, dachte die alte Frau, hatte das Radio eingeschaltet und griff zu dem Messer, um die Karotten und Karotten in mundgerechte kleine Stücke zu zerteilten, das Wasser für die Suppe hatte sie schon aufgesetzt.

2012-03-11

kein eigener ort

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:28

„Der aufsehen erregende debutroman susanne gregors erzählt in poetisch dichter, rhythmisch zwingender sprache die geschichte einer jungen frau im spannungsfeld zwischen liebe und abhängigkeit, die äußere und innere grenzen überschreitet“, steht am Buchrücken von „kein eigener ort“ und das Buch beginnt im Zug beim Überschreiten der österreichisch ungarischen Grenze. Da bleibt der Zug plötzlich zwei Stunden im freien Feld stehen und der Schaffner erzählt den mitreisenden Frauen auf Ungarisch, der Ich-Erzählerin auf Deutsch „Da hat sich jemand vor den Zug geworfen“, die Ich-Erzählerin empfindet Schuldgefühle und kommt zwei Stunden zu spät in Budapest an.
In vierzehn kurzen Kapitel wird auf hundertsieben knappen Seiten, die Geschichte der verzweifelten Liebe einer jungen Frau, die sich im fremden Land seltsam verloren fühlt, dabei seltsame Sachen macht und ihr Leben eindrucksvoll poetisch reflektiert, erzählt.
Außer am Ende ihren Namen „Ina“ erfährt man nicht sehr viel über sie oder doch, aber das nur indirekt. Sie reist von Österreich nach Budapest, um dort in einer Sprachschule ein Praktikum zu absolvieren, also Deutsch unterrichten, aber eigentlich reist sie ihrer Liebe Tamas nach, den sie in Wien in einem Lokal kennenlernte.
Dort verläßt sie ihre Freundin Anna, mit der sie das Lokal besuchte und geht mit Tamas, der in Budapest bei seiner Mutter wohnt und studiert, in Wien aber manchmal kellnert, spazieren. Dann meldet sie sich für das Prakikum an und fährt gleich zum Vorstellungsgespräch hin, als sie es dann antritt, holt sie Tamas nicht vom Bahnhof ab und sie muß allein in die Wohnung von Simon und Bruno fahren, wo sie ein Zimmer hat. Sie kocht auch für die beiden Hähnchen und bittet Simon mit ihr auf den Gellertberg zu spazieren. Tamas hat nur wenig Zeit für sie, kommt aber auf ein paar Stunden, nimmt sie auch einmal eine Nacht in die Wohnung mit, wo er mit der Mutter lebt. Am Morgen ist sie dann allein und steckt ein paar der alten Fotos ein, die er ihr zeigte.
Als Tamas plötzlich auftaucht, um sie an den Balaton mitzunehmen, sagt sie nicht am Institut Bescheid, erschrickt vor den Freunden, die ihm im Restaurant erwarten, ist auf eine Tessa eifersüchtig, wird krank und gibt dem Institutskollegen Ferdi, der sie bei einem Empfang küssen will, eine Ohrfeige. Als sie für Tamas ein Buch zum Geburtstag kauft und es ihm ins Institut nachträgt, trifft sie ihn neben einer Eszter an und er hat keine Zeit, weil er für ein Projekt arbeiten muß. Sie trifft die beiden dann noch einmal in der Markthalle, versteckt sich hinter Trachten und reflektiert darüber, daß sie überall fremd ist und keinen eigenen Ort zum Leben hat.
Mühsam muß sie sich orientieren, „Hier ist der Tisch, ein Stuhl, ein Buch!“, als sie plötzlich aufwacht und ihr das Blut über die Schenkel hinunterrinnt. Die Psychotherapeutin denkt natürlich sofort an eine Selbstverletzung und eine Borderlinestörung. Der junge Arzt im Krankenhaus, der sich einfühlsvoll an ihr Bett setzt, sagt aber, daß sie ihr Kind verloren hat und rät, als Simon sie abholt, es noch einmal zu versuchen.
„Das ist ein Taxi, ein Fenster, Tisch, Budapest“, memoriert die Protagonistin um ihre Orientierung wiederzufinden und ruft ihre Eltern an, die auch kommen und von ihr vom Bahnhof abgeholt werden wollen, was sie versäumt, weil plötzlich Tamas vor der Türe steht und ihr erzählt, daß er sie in der Markthalle erkannt hat, sie bestreitet aber dort gewesen zu sein.
Susanne Gregor wurde 1981 in Zilina, in der Slowakei geboren und lebt seit 1990 in Österreich. 2009 erhielt sie den Förderpreis des Hohenemser Literaturpreises, 2010 den Hauptpreis bei den Exil-Literaturpreisen. 2011 ist in der Edition Exil ihr erster Roman erschienen, der eher irrtümlich zu mir gekommen ist, ich habe aber einen Teil der Lesung auf der Buch-Wien gehört und beim Gewinnspiel des „Duftenden Doppelpunkt“ voriges jahr bin ich auch auf den Namen Susanne Gregor gestoßen, ich habe dann die erste Anthologie gewonnen, in der auch ihre erste Geschichte enthalten ist und irgendwo gelesen, daß man sicher noch mehr von der jungen Autorin hören werden wird.

2012-03-10

Vorschau auf Die Frau auf der Bank oder dreimal S

Filed under: Uncategorized — nagl @ 00:04

Selma, Sevim und Svetlana sind drei Frauen, die in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten agieren – Selma als einsame Paranoia-Sheriffa, Sevim als von ihrem Ehemann unterdrückte Hausfrau und Svetlana als erfolgreiche Psychiaterin. Drei Frauen, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem Alltag und doch treffen sie immer wieder zufällig aufeinander.

Doch nicht nur das: Selma, die allein durch die Stadt flaniert, greift nur durch Zuhören und Fragen in die Schicksale der beiden anderen ein. Während die eine aus einer unglücklichen Zweisamkeit ausbrechen kann, ergibt sich für die andere ein glückliches Nichtalleinesein. Und Selma, die einsame Glücksfee bekommt als Belohnung immerhin ein lang ersehntes Treffen.

Sarah Wipauer

Hier gehts zu den Entstehungsberichten : 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Und hier zwei Artikel über meine Bücher.
Eine Leseprobe wird auf meiner Website auch zu finden geben. Hier das Video von der Lesung im El Speta und hier zu einer sehr ausführlichen Rezension, die Franz Blaha machte.

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