Literaturgefluester

2012-04-09

Der zweite Kuss des Judas

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:10

Jetzt kommt zum Anlaß passend, die Besprechung eines Osterbuchs, nämlich Andrea Camilleris „Der zweite Kuss des Judas“, das ich mir im Sommer aus der Abverkaufskiste des Wilhelmburgers Schreibwarengeschäftes zog und schon fast zu Weihnachten lesen wollte, bis ich daraufkam, es geht dabei um eine Osterpassion aufgeführt im Jahre 1890 am Karfreitag im kleinen sizilanischen Städtchen Vigata, dachte an die Osterprozession in Trapani, die wir vor Jahren einmal miterlebten und verschob das Lesen.
Dabei hätte ich ruhig weiterlesen können, denn um Ostern geht es in dem Buch nicht sehr. Das Lesen war allerdings nicht ganz einfach. Denn der 1925 in Sizilien geborene und in Rom lebende Andrea Camillieri wählte dafür eine sehr ungewöhnliche Form.
Das ganze Buch besteht nur aus Briefen und Zeitungsberichten und so beginnt es etwas langsam und schleppend und höchst unüblich für einen Kriminalroman.
Da passiert ja nichts, könnte man wieder meinen. Richtig, es wird aufgeklärt und zwar vom Commissario und vom Präfekten der Carabineri und die sind anfang verfeindet, verbrüdern sich dann durch den Fall und wachsen zusammen und sehr ungewöhnlich, sie schreiben Brief um Brief an ihre Vorgesetzten und bekommen auch von diesen welche.
Wie muß die Post im vorvorigen Jahrhundert funktioniert haben! Und langsam wachsen wir hinein in den Fall und empfinden diesen als höchst spannend. Am Karfreitag ist während der Passion der Judas-Darsteller, der örtliche Bankdriektor Antonio Pato verschwunden. Die Regieanweisungen sehen vor, daß er von der Bühne in den Abgrund fällt und von dort kommt er nicht mehr heraus. Was ist passiert? Er wurde ermordet wird gleich einmal vermutet. Wer hats getan? Dafür kommen zwei Personen in Frage. Einer, der einen Kredit früher zurückzahlen sollte, das aber schon getan hatte und ein Verrückter, der an religiösen Wahn leidet, dann aber doch zur Dorfprostituierten geht. Beide sind, stellt sich alsbald heraus, unschuldig und auf dem Schreibtisch des Direktors wird ein Brief gefunden, daß er schlimmer als ein Judas wäre.
Dann soll er noch mit einem Jutesack gesehen worden sein und seine Kleider sind auch verschwunden. Das Ganze spielt, erinnern wir uns, in Sizilien im vorvorigen Jahrhundert und das Stück wird im Hof des örtlichen Schloßes aufgeführt und die Schwester des Schloßbesitzers, sehr fromm natürlich, weigert sich dem Schauspiel zuzusehen. Denn dieses ist ja des Teufels, auch am Karfreitag. So geht sie in die Kapelle beten und erleidet dort einen Schock, denn zwei der Komparsen haben sich dorthin empfohlen, um dem Liebesakt zu huldigen. Gnade Gott!
Angezeigt wurde die Geschichte von der Ehefrau des Vermißten und die gibt auch einen Gottesdienst, um ihre Nerven zu beruhigen. Die werden aber erst recht aufgewühlt, weil dort einer prdigt, der Passionsspiele auch für des Teufels hält.
Der Bankdirektor war der Schwager eines mächtigen Herrn und der intrigiert auch heftig mittels Briefe, bzw. gibt Anweisungen an die beiden Ermittler, was die aufklären oder vertuschen sollen. Und die örtlichen Gazetten hetzen fleißig. Geht denn da nichts weiter?
Natürlich, denn es tauchen Aufklärer auf, die köstliche Theorien zum besten geben, selbsternannte Astronomen und andere Pseudowissenschaftler und die Ermittler finden heraus, daß der Verschwundene eine größere Anzahl von Schlafmittelflaschen konsumierte, bzw. sich verschreiben ließ und dann traf er sich auch wöchentlich mit seinem Vorgesetzten, um abzurechnen, aß dort zu Abend und der hatte eine Ehefrau, die auch verschwunden ist. Vorher litt er an der Schlafkrankheit, die sich inzwischen gebessert hat und die Ehefrau des Verschwundenen gibt an, daß ihr Mann nach diesen Abendessen immer erst in der Früh nach Haus gekommen ist, obwohl er eigentlich nur eine Stunde für den Weg gebraucht hätte. Interessant, interessant.
Die Mafia wird in den Fall aber auch noch verwickelt und Kleider der Komparsen verschwinden. Am Schluß schicken die beiden Ermittler dann ihren Abschlußbericht in dem sie sagen, wie es war bzw. gewesen sein könnte.
Antonio Pato hat sich selbst zum Verschwinden gebracht, weil er mit seiner Geliebten in Palermo untertauchen wollte, wozu er der Mafia noch einen Geldbetrag entwendete, die Vorgesetzten weisen die beiden an, den Bericht zu vertuschen und am Schluß wird noch die Leiche des Bankdirektors gefunden.
Mein erster Camilleri Roman, den ich jetzt gelesen habe, obwohl man in den offenen Bücherschränken öfter seine Montalbano Romane findet, so daß inzwischen einige auf meiner Leseliste stehen und bei Rund um die Burg, gab es früher ein von der Zeitschrift Buchkultur veranstaltetes Gewinnspiel, wo ich, weil ich die Fragen beantworten konnte, ein Camillieri Buch gewonnen habe, aber nach der ersten Geschichte zu lesen aufhörte, als ich entdeckte, das das ein Erzählband und kein Roman gewesen war. So kanns gehen, wenn man Voruteile hat. Inzwischen habe ich die ja aufgegeben und werde heuer wahrscheinlich noch mehr von dem großen Sizilianer lesen, von dem, seltsamerweise, erst vor kurzem wieder ein Buch erschienen ist und auch noch nicht alle seiner Romane übersetzt wurden.

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