Literaturgefluester

2012-04-13

Heile, heile

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:34

In „Heile, heile“ von Kirsten Fuchs geht es wahrscheinlich ums Loslassen. „Liebeskummer, Lebenslust und eine bedrohliche Krankheit – Kirsten Fuchs erzählt vom Erwachsenwerden jenseits der Dreißig“, steht auf der Buchrückseite und mir ist wieder einmal „Da passiert ja nichts“ oder „Das Leben mit oder ohne Ecken und Kanten“ eingefallen. Denn eigentlich passiert in dem Buch sehr viel. Es ist aber das Alltagsleben, was da geschildert wird, fast ohne den üblichen Plot Anfang, Höhepunkt, Schluß und einen Spannungsbogen scheint es auch nicht zu geben. Wohl aber einen witzigen Ton, eine fast kindliche Art das Alltagsleben und die Sorgen des Erwachsenwerdens, um die Dreißig zu beschreiben, mit schönen Bildern und schönen Szenen. Da die Chronologie aber nicht ganz zu stimmen scheint, ist das Buch nicht so leicht zu lesen, pläterscht es doch so scheinbar naiv dahin und dann weiß man nicht genau, befindet man sich jetzt in der Gegenwart oder in der Vergangenheit.
„Es geht los und nicht, um anzukommen“, ist der erste Satz, bei dem man von der Reisekauffrau Rebekka erfährt, die ihren Adrian betrogen hat. Deshalb hat er ihr vorgeschlagen, die Beziehung zu beenden oder nur eine Gelegenheitsbeziehung zu führen. Sie ziehen beide jedenfalls um und Rebekka zieht zu Beginn des Buches auf den Flohmarkt, um ihren Adrian ein schönes Geschenk zu kaufen und entscheidet sich für ein Klingelbrett und einen Kalender aus dem Jahr 1976. Das war sie vier Jahtre alt und außerdem scheint sie entsetzlich an der Trennung von Adrian zu leiden und orientierungslos zu sein. So trifft sie ihre Freundinnen. Da gibt es Jette und Johanna. Jette hat Krebs und Johanna ebenfalls einen Freund auf den sie sich nicht verlassen kann, weil er in einer Beziehung lebt. So schleppt sie Johanna in eine „Männerabhängigkeitsgruppe“, die von einer militanten Leiterin geführt wird, die ihren Mädels einzureden versucht ihre „Karls“ auf jeden Preis zu vergessen und dann selber in einer Beziehungskrise zu stecken scheint.
Zu Weihnachten fährt Rebekka zu ihrer Mutter, die auch von ihrem Vater einmal verlassen wurde, seither ihr Leben aufgegeben hat und nur mehr halbe Sätze spricht. Diese Beschreibung eines Stück Alltags, das wohl viele Dreißigjährige erleben, ist sehr dicht und witzig. Anschließend fährt sie zum Vater, der mit mehreren Frauen und Kindern zusammenlebt, die sich alle Beschimpfungen an den Kopf schmeißen und die Frauen dann alleine ihren Frauentag feiern.
Im Haus von Rebbekka wohnt eine alte Frau, die dreimal täglich von einem Zivildiener betreut wird und ansonsten ständig um Hilfe schreit. Als Rebbekka das zum ersten Mal hört, holt sie die Polizei, die dann mit Hilfe von zwei anderen alten Frauen in die Wohnung kommt, dort streitet die alte Dame ab, die Ruferin zu sein.
So plätschert das Buch dahin. Die Beschreibung der Gruppe nimmt einen großen Raum ein. Rebekka ruft ihren Adrian an, der meistens nichts von ihr hören will, dann aber doch gelegentlich mit ihr schläft. Einen früheren Freund Hannes scheint es auch gegeben zu haben und wenn von dem erzählt wurde, tat ich mir etwas schwer mich zeitlich zu orientieren und dann geht es auch um Jettes Krebs. Die hat einen Mann und ein kleines Kind, sagt „Kreps“, um ihre Krankheit zu bewältigen und läßt sich zu Silvester von der kleinen Klara die Glatze bemalen. Dann ist sie austherapiert, geht noch rasch zu Heilern und stirbt dann schnell, was eine totale Veränderung in Rebekkas Leben bringt. Adrian ist plötzlich nicht mehr wichtig.
„Wenn Jette das Geheimnis mit ins Grab genommen hat, dann nimmt es Rebekka eben später auch mit. Das ist jetzt Reisegepäck. Und wenn Tobias es auch so macht, dann ruht es später aufgeteilt. Jettes Eltern neben Enno. Klara schaut Spatzen hinterher, die über den Friedhof fliegen. Dann war der Weg bis hierher und nicht weiter.“
Die Sprache ist also doch nicht so einfach und es ist eigentlich ein seltsames Buch, der 1977 in Karl-Marx Stadt geborenen, Kirsten Fuchs, die 2003 einen Open Mike gewonnen hat und zwei Jahre später ihren Debutroman „Die Titanic und Herr Berg“ geschrieben hat, von dem ich schon etwas hörte.
Verständlich, daß es den Kritikern nicht gefallen hat, die es als „oberflächig“ und „von der Literatur weit entfernt“ beschreiben.
Das Leben mit und ohne Ecken und Kanten halt oder wie es eben so ist, wenn man mit Dreißig von seinem Freund verlassen wird, im Zinshaus die alten Frauen nach Hilfe rufen und die besten Freundinnen sterben. Ich würde ja auch so, vielleicht mit einer einfacheren Sprache, erzählen und scheitere gerade daran ein bißchen. Daß es die Kritiker für nicht literarisch halten, wundert mich nicht, trotzdem ist es bei Rowohlt erschienen und mich würde nur etwas der leicht schnodderige Ton, nicht der Inhalt und nicht die angeblich mangelnde Literarität stören, da ich eine bin, für die die Literatur aus Alltag, dem Krebs, dem Sterben, dem Leben und dem Tod besteht.
Es ist ein Buch aus dem offenen Bücherschrank, das ich vor einiger Zeit dort gefunden habe, abgestempelt mit dem Büchschrankstempel „Kein Weiterverkauf“. Das steht dann noch einmal auf der Umschlagseite „Unverkäufliches Leseexemplar“ und drinnen werden die Rezensenten gebeten, das Buch nicht vor dem 7. März 2008 zu besprechen. Das ist lang vorbei und ich weiß gar nicht, ob ich außer dem Titel des Debutromans schon einmal etwas von der Autorin hörte. Spannend zu lesen war es allemal und erfreulich, daß auch ein Stück schnodderige Alltagsbeschreibung ohne dem großen Plot bei Rowohlt erscheinen kann.

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