Literaturgefluester

2012-04-20

Bewohnte Frau

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:24

„Bewohnte Frau“ von Gioconda Belli, 1988 geschrieben, ist ein Buch über den lateinamerikanischen Freiheitskampf, spielt in der fiktiven Stadt Faguas, die für Managua stehen dürfte und ist im Sinne des magischen Realismus geschrieben. Darauf spielt der Titel auch an. Die Heldin ist Lavinia, eine junge Architektin aus guter Familie mit aristokratischen Wurzeln, die in Europa studierte und nun in ihre Heimat zurückgekommen ist, um in einem Architekturbüro Schulen, Einkaufszentren, Kindergärten für das bessere Leben zu bauen. Sie wohnt in einem Haus, das ihr ihre Tante, die sie zu einem starken Menschen und zu einer Feministin erzogen hat, vererbte und freut sich an dem Orangenbaum, der vor ihrem Fenster steht.
In diesem wohnt aber ganz magisch, der Geist eines indigenen Mädchens, das in vorigen Jahrhunderten gegen die spanischen Eindringlinge kämpfte. Als Lavinia vom Saft der Orangen trinkt, springt der Kampfgeist auf sie über.
Aber davon erst später. Erst fährt Lavinia mit dem Taxi in das Architekturbüro und als der Lenker das Radio aufgedreht hat, wo ein Militärarzt von den Folterungen in den Militärgefängnissen berichtet, will sie davon nichts hören.
Im Büro lernt sie Felipe kennen und fängt mit ihm ein Verhältnis an. Er ist aber unverläßig und sagt ihr nicht, wohin er geht, wenn er verschwindet, schickt sie aber auf eine Baustelle, wo ein Einkaufszentrum gebaut werden soll, damit sie sieht, daß das nur geht, in dem die Slumbewohner vertrieben werden.
Lavinia, die zwar ihren konservativen Eltern ein wenig entfremdet ist, führt trotz einiger fortschrittlicher Ideen, ein angepasstes Leben, läßt sich von ihrer Haushaltshilfe Lucretica, die aus den Slumvierteln kommt, verwöhnen und frühstückt Samstag mit ihrer Freundin Sara, die gleich ihr aus den besten Kreisen kommt, aber geheiratet hat und jetzt versucht, als Hausfrau ihren Adrian zu verwöhnen.
Da bringt Felipe Levinia einen verletzten Companero ins Haus und sie erfährt, daß er der Freiheitsbewegung angehört, lernt auch die Krankenschwester Flor kennen, schließt sich der Bewegung an und wundert sich nur darüber, daß sie, statt zu revolutieren, aufgefordert wird, ihr früheres Leben wieder aufzunehmen. So den Ball des Clubs zu besuchen, zu dem nur die Aristokraten und nicht einmal die neureichen Generäle, die das Land beherrschen und die Companeros foltern, Zutritt haben.
Es kommt aber noch besser. Lavinia soll die Pläne für das Haus eines der Generäle zeichnen. Sie lehnt ab, die Bewegung verlangt es aber von ihr, weil nur so die Informationen kommen. Sie wird auch in ein militärisches Ausbildungslager geschickt, darf aber nicht zum Begräbnis des Arztes gehen, von dem man am Anfang hörte, der inzwischen von den Generälen ermordet wurde, sondern muß der Frau des Generals und deren Schwester schön tun. Muß auch mit dem General Kontakt aufnehmen, der sich inzwischen eine Waffenkammer in sein Haus einbauen läßt, die entnimmt sie aus den Plänen des Hearst-Castle, denn die Neureichen ahmen die Amerikaner nach und importieren auch deren kitschige Möbel und Stoffe, statt heimische Produkte zu verwenden.
Die Bewegung plant zu Weihnachten den großen Anschlag, nämlich in das Haus des Generals einzudringen. Felipe soll dabei sein, wird aber vorher von einem Taxifahrer erschoßen, so übernimmt Lavina seinen Auftrag, tötet den General und kommt dabei selbst ums Leben.
„Ein Buch zum Verschlingen in einer Nacht“, steht am Umschlag. Ich habe ein bißchen länger zum Lesen gebraucht und mir ist es dabei auch ambivalent gegangen.
Das Thema ist ja wichtig und es gibt auch wunderschöne Milieuschilderungen, wo Lavinia zum Beispiel, auf die Baustelle kommt und mit den Slumbewohnern spricht oder die, wo Lucretia eines Tages nicht zum Putzen erscheint und als Levinia sie in ihrem Slum besucht, wo die kleine Nichte, die Tortillas, die ihre Mutter macht, nachts auf den Straßen verkaufen muß, liegt die fast verblutet im Bett, weil bei ihr eine Abtreibung verpfuscht wurde, haben mich sehr angesprochen. Noch eine packende Szene fällt mir ein, Lavinia trifft sich mit Flor in einem Park, dort spielen ärmliche Kinder auf den Rutschen, daneben liegen die Tabletts mit den Süßigkeiten, die sie später den Mittelschichtkindern verkaufen werden, wenn die mit ihren Gouvernanten auf den Spielplatz kommen.
Sehr packend auch etwas vom Untergrundkampf zu erfahren, der sicher authentisch ist, hat sich die 1948 in Managua geborene und ebenfalls im Ausland studiert habende, Gioconda Belli, eine der wichtigsten Stimmen der lateinamerikanischen Literatur, neben Ernesto Cardenal, wie im Buch steht, ab 1970 am Widerstand der sandinistischen Befreiungsfront beteiligt.
Einiges erscheint mir fremd, so zum Beispiel, daß Lavinia alleine, also ohne ihren Freund Felipe, auf den Ball geht und dann habe ich auch mit dem Töten für die Freiheit meine Probleme. Wird aber auch in spannenden Bildern festgemacht. Der General hat nämlich einen Sohn, der ein wenig anders zu sein scheint, zum Leidwesen seines Foltervater, liebt er Vögel mehr als Flugzeuge und der erkennt Lavinia, als sie maskiert in die Villa eindringt und zeigt ihr mit den Augen auch die Kammer, wo sich der Vater versteckt, als sie hineingeht, schreit er aber auf.
Ein wenig zu lang scheint mir die spannende Handlung auch zu sein, wo kein Detail ausgelassen wird und auch etwas widersprüchig. So versucht der General Lavinia zu verführen und Lavinia muß auch Adrian, dem Mann Saras, für die Partei rekrutieren, ansonsten soll aber niemand in der Bewegung wissen, was der andere macht, damit er sich in der Folter nicht verraten kann, was Lavinias und Felipes Beziehung sicher schadet. Lavinia leidet aber auch unter den lateinamerikanischen Machos und darf zwar die Pläne für die Generalvilla zeichnen, aber nicht die Baustelle beaufsichtigen, weil das die Bauarbeiter nicht akzeptieren würden.
Spannend auch nachzudenken, wie man sich selber verhalten und ob man in einer Diktatur für die Freiheit töten und andere bespitzeln würde oder es genügt, wenn man versucht ein guter Mensch zu sein und niemanden auszubeuten.
Ich habs im Bücherschrank gefunden und den Namen Gioconda Belli habe ich das erste Mal, glaube ich, in dem Nicaragua Buch von Erika Danneberg gelesen, die ja einige Zeit dort war, um ihren Freiheitskampf zu machen und habe inzwischen noch den Gedichtband „Feuerlinie“, bekommen, den ich im nächsten Jahr lesen will.

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