Literaturgefluester

2012-05-08

Madame Strindberg

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:28

Als wir zur Lesung nach Salzburg gefahren sind, haben wir in Leporello, glaube ich, von Friedrich Buchmayrs „Madame Strindberg“ und der am Abend im Radio Kulturhaus stattfindenen Lesung aus dem Briefwechsel Frieda und August Strindberg gehört und als wir in Harland Zwischenstation machten, habe ich mir das bei Residenz erschienene Buch bestellt, weil mich die Biographie der zweiten Frau des schwedischen Dichters, von dem ich als Studentin ein paar Reclamhefterl gekauft und vielleicht auch gelesen habe, aber sonst nur ein paar Vorurteile hatte, interessierte. Dann sind wir die Autobahn weitergefahren, haben in Mondsee Mittag gegessen und in Salzburg eineinhalb Tage spazierengegangen und ich weiß nicht, ob ich da viel Ahnung hatte, das es einen Bezug zu Frieda Uhl-Strindberg gibt. Vorige Woche ist das Buch gekommen, jetzt habe ich es ausgelesen und von einem sehr interessanten Frauenschicksal erfahren, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein durchaus ungewöhnliches Leben führte.
Friedrich Buchmayr, der Autor, wurde 1959 in Linz geboren und hat in Salzburg Germanistik und Publizistik studiert, seit 1987 ist er Bibliothekar in der Stiftsbibliothek St. Florian und Initiator des einziges Strindberg Museums außerhalb Schwedens, nämlich in Saxen OÖ. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen und jetzt auch ein sehr detailreichen, genau recherchiertes Buch mit vielen Fotos und Quellenangaben herausgebracht. Eine Mischung zwischen Anthologie und Biografie schreibt er in der Einleitung und die Lebensgeschichte, der 1872 in Mondsee geborenen Frieda Uhl-Strindberg ist durchaus interessant. Ihr Vater war Redakteur der Wiener Zeitung und die Eltern haben sich schon nach ihrer Geburt getrennt. Der Vater zog nach Wien, die Mutter sonstwohin und die kleine Frieda wuchs in der Villa in Mondsee, die ersten Lebensjahre mit einer Amme oder Dienstmädchen auf. Dann kam sie in eine Klosterschule, die ältere Schwester wurde vom Vater verheiratet, als sie mit einem Mann öffentlich spazierenging. Die junge Frieda machte der Vater aber zur Journalistin in den Achtzehnneunzigerjahren und so begegnete sie in Berlin dem schwedischen Dichter, der schon geschieden war, drei Kinder hatte und auch als Exentriker und Weiberhasser galt. Sie schrieb ihn einen Liebesbrief, „Geehrter Herr, wenn Sie wirklich für heute Abend nichts Besseres vorhaben, würde ich mich herzlich freuen, wenn Sie mich so um 8 heimsuchten!“, traf sich mit ihm in einem Restaurant oder Hotel zum Essen und wollte das noch, 1893, bezahlen! Eine sehr ungewöhnliche Frau. Friedrich Buchmayr schreibt von einem Helfersyndrom. Der Vater hatte nach all der Offenheit nichts gegen eine Ehe, nahm an der Hochzeit aber nicht teil und die muß sehr ungewöhnlich sein, bekam das Paar bei der Trauung doch einen Lachkrampf und eine Hochzeitsnacht scheint auch nicht stattgefunden zu haben. Frieda wollte dann auch die Kinder aus der ersten Ehe adoptieren, um sich das Bekommen eigener zu ersparen. Sie wurde aber natürlich schwanger und der Ehemann war, glaube ich, schon weg, als die kleine Kerstin geboren wurde. Die wurde dann von der Großmutter in Mondsee aufgezogen, während die Mutter, um sich zu ernähren durch die Welt reiste. Sie schrieb Feuilletons für die Wiener Zeitung und das Wiener Abendblatt, die ihr Vater druckte und verkehrte in Künstlerkreisen. Ihr nächstes Kind war auch von Frank Wedekind, hieß aber Strindberg mit Nachnamen, weil es noch zur Welt kam, bevor die Ehe neun Monate geschieden war. August Strindberg schien nichts dagegen gehabt zu haben und der kleine Friedrich Max scheint erst viel später erfahren zu haben, daß er einen anderen Vater, als seine Schwester hatte. Die Großmutter hat auch dieses Kind aufgezogen, sich mit ihrer Tochter aber nicht verstanden, die den Journalistenjob verlor, als ihr Vater starb, aber weil sehr mondän, ständig in Geldnöten war. So soll sie auch mit gefälschter Kunst gehandelt, aber auch sehr schöne Artikeln zur Frauenfragen etc geschrieben haben. Sie hatte unzählige Affairen, verkehrte mit vielen Künstlern und bedrohte. die schon mal mit der Pistole. Zur Zeit des ersten Weltkrieges war sie in London und gründete dort ein Kabarett, später reiste sie nach Amerika, hielt Vorträge über ihren berühmten Ehemann und verdiente sich später ihr Geld als Memoirenschreiberin, wo sie ihr Leben mit August Strindberg auch ein bißchen verklärte, bevor sie 1943 verarmt,exentrisch und heruntergekommen, in Salzburg starb. Übersetzt hat sie auch sehr viel. Die Jahre in der Klosterschule haben ihr Sprachkenntnisse beigebracht und sie hat ein Nomadenleben in Hotels, auf Pump und verschuldet geführt. Konnte oder wollte sich nicht um ihre Kinder kümmern und muß auf ihre Weise eine sehr emanzipierte, aber auch sehr weibliche, von Männern abhängige Frau gewesen sein. August Strindberg hat über die Beziehung zu ihr auch einige Bücher geschrieben. Friedrich Buchmayr zitiert einiges aus dem „Kloster“. Das oder ein anderes hat jetzt auch Richard Pils, in der Edition der Provinz herausgegeben. Ihre Strindberg Memoiren, die 1936 erschienen sind, heißen „Lieb, Leid und Zeit“. Sehr interessant welch interessante Frauenpersönlichkeiten es gegeben hat, von denen ich nicht wußte. Die Tochter Kerstin war, glaube ich, mit Lina Loos befreundet, die auch eine interessante Frauenpersönlichkeit und frühe Feministin ist. Von der habe ich ein Buch von meinen Eltern geerbt und erst vor kurzem einen schönen Frauen lesen Frauen Lesetheaterabend erlebt.
„Strindberg kannten wir schon einigermaßen, aber seine Frau ist eine Überraschung“, kommentierte Knut Hamsun die Memoiren und Frieda Strindberg schrieb „Ein Leben mit einem Genie mag die Hölle sein, aber es ist interessant. Jede Frau von Geist zieht ein stürmisches, aber interessantes Leben einem ruhigen, aber langweiligen vor“.
Das hat sie wohl gehabt, ob es ihr dabei immer sehr gut gegangen ist, weiß ich nicht. Es ist durch das Anbiedern an den berühmten Mann, die berühmten Männer, vielleicht auch die eigene schriftstellerische Karriere ein wenig verlorengegangen. Das lesen von „Madame Strindberg oder die Faszination der Boheme“ kann ich jeden aber empfehlen, der wissen will, wie Frauen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch gelebt haben konnten.

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