Literaturgefluester

2012-05-13

Jagdsaison

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:29

„Jagdsaison“, einer der historischen Krimis des berühmten Sizilianers Andrea Camilleri, ist ein skurilles Buch oder, wie auf der Rückseite steht „eine sizilanische Komödie voll praller Sinnlichkeit, erzählt mit spürbarer Lust an überraschenden Wendungen und komischen Situationen von wunderbar plastischen Figuren“, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.
Ich habs ein bißchen weniger euphorisch empfunden. Mir war die Geschichte von der Verderblichkeit der Adeligen und ihrer verlogenen Gottesfurcht und gelebter Sündhaftigkeit, ein wenig zu schwülstig und die Frauen kommen bei ihm auch nicht gut weg oder werden so dumm naiv und einfältig hilflos dargestellt, wie sie um 1880 in den sizilianischen Dörfern höchstwahrscheinlich auch waren.
Ich habe in den offenen Bücherschränken inzwischen ja einige Camilleris gefunden, von dem ja, obwohl 1925 geboren, vor kurzem erst ein Buch auf Deutsch erschienen ist, die überall angepriesenen Montalbin Krimis sind aber noch ungelesen, denn jetzt ist „Jagdsaison“ auf meine Leseliste geraten. Ich wiederhole es, ein wahrhaft skurilles Buch, wo man die Boshaftigkeit des Autors zu spüren scheint, ich denke aber doch, daß man, wenn ich so was schreiben würde, es wahrscheinlich kitschig nennen würde.
Nun mit dem Postschiff kommt im Jahre 1880, lang lang ists her, ein geheimnisvoller Mann in das Städtchen Vigata, sagt niemanden, wie er heißt und entpuppt sich als der künftige Apotheker und als er seine erste Runde in dem Städtchen macht, begegnet er einem Geist, bzw. einem alten Mann, dem Marchese des Ortes, der ihn anstarrt und mit „Die Jagdzeit beginnt“ begrüßt, dann nach seinem Namen sucht, ihn aber nicht herausbringt, ist er ja schon ein wenig senil und wird von seinem Diener mehrmals am Tag auf den Dorfplatz und dann wieder zurück ins Schloß gebracht, wo er mit seinem Sohn, dessen Frau und zwei Kindern lebt. Der Sohn, der jüngere Marchese hat von seiner Frau zuerst eine Tochter bekommen und sie dann solange zum Vögeln gezwungen, bis endlich doch ein Sohn entstand, ob das legal oder mit Mithilfe anderer Männer oder Hilfsmitteln geschah, ist nicht ganz klar.
Der Großvater ertrinkt jedenfalls irgendwann einmal oder begeht Selbstmord und der Enkel stirbt an einem Pilzgericht. Die Mutter verfällt darob in Wahnsinn und der Marchese verläßt das Schloß, um sich bei seinem Verwalter einzuquartieren und bekommt von dessen Frau dann auch einen Sohn. Danach wird er tot in einer Schlucht gefunden und der Apotheker kommt bis dahin immer zart ins Spiel, indem er sämtlichen handelnden Personen Pillen verkauft oder verschreibt.
Der Pfarrer spielt auch eine große Rolle und will die Tochter des Marchesen, die inzwischen als Erbin überblieb, zuerst mit dem Apotheker verkuppeln. Aber der Gatte einer Marchesa muß natürlich adelig sein. So kommt ein Cousin aus Palermo angefahren, der ist zwar ein Filou und verspielt ihr Geld, die Jungfrau gibt ihm aber trotzdem ihr Ja-Wort, der Apotheker rät ihr auch dazu. Da man in Sizilien aber um jeden Toten drei Jahre trauern muß und die Marchesa Vater, Mutter und Bruder verloren hat, kommen neun Jahre Trauerzeit heraus und weil der Verlobte nicht solange warten wird, entsteht ein Ablaßhandel und der Bischof läßt sich auf drei Jahre hinunterfeilschen.
Die sind fast vorbei und Antoinetta trägt schon wieder weiße Streifen auf ihrem Trauerkleid, sie hat auch einen schwarzen Hintern, als ein Onkel aus Amerika angereist kommt, den Verlobten zum Teufel jagen will. Nur leider stirbt er samt seiner Frau und Dienerschaft dabei und der Verlobte verendet an einem diabetischen Anfall. Antoinetta hat schlechte Träume, ohrfeigt ihre Dienstboten mit denen sie vorher an einem Tisch gegessen hat und scheint auch zu onanieren, so daß der Pfarrer jetzt wieder zur Ehe mit dem Apotheker rät, der gerät kurz danach in eine Jagdleidenschaft und es erscheint auch noch ein Commissario der ihm auf den Kopf zusagt, daß er der Mörder all der Toten ist, weil er sich schon als Kind, er war ein Bauernjunge im Dorf, in die schöne Antoinetta verliebte, die aber unter normalen Umständen nur einen Adeligen heiraten darf. Nach vollzogener Eheschließung bereut der Ehemann aber die Heirat.
„Ein Weib zu haben ist nur ein schwacher Ersatz für eine gelungene Masturbation. – Fofo ahnte nicht, daß er mit dieser Maxime einem Österreicher namens Karl Kraus um viele Jahre zuvorgekommen war.“
Nun ja, ein bißchen schwülstig halt und für meinen Geschmack zu skurril und verarschend und es wundert mich ein wenig, daß die Literaturkritik, das Andrea Camillieri durchgehen läßt. Hat ja die Courths- Mahler Ähnliches, wenn auch viel weniger skurril satirisch beschrieben und war damit auch sehr erfolgreich, wenn auch nicht literarisch anerkannt.
Das ist der zweite historische Camillieri Krimi, den ich gelesen habe.
Zu Ostern stand ja „Der zweite Kuß des Judas“ auf meiner Leseliste und den habe ich weniger skurril empfunden.

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